Vero Boquete: „Schwer, nicht an das Spiel zu denken“


Vero Boquete – eine der weltbesten Mittelfeldspielerinnen

In weniger als 48 Stunden wissen wir, wer schwedischer Meister 2012 ist. Dann ist das mit großer Spannung erwartete „Finale“ zwischen LdB FC Malmö und Herausforderer Tyresö FF zu Ende. Malmös Pressesprecherin Anna Hjertstedt schickte am Nachmittag eine Mail und bat die akkredierten Journalisten und Fotografen um Geduld und Verständnis am Samstag. Es könne eng werden. Statt der üblichen 15 Medienvertreter hätte man bereits 35 akkreditiert. Mit Sicherheit wird der bisherige Zuschauerrekord dieser Saison locker gebrochen. Man rechnet mit 5.000 und mehr.

Kein Wunder, es wird ein Finale geben, das man so schon ganz lange nicht im Frauenfußball Schwedens erlebt hat.

Ich habe mich mit Tyresös spanischer Weltklassespielerin Vero Boquete getroffen. Und mit ihr über ihre letzte Woche geredet, zu der nicht nur die neue Chance auf den Meistertitel in Schweden gehört, sondern eben auch die Erfahrung des entscheidenden EM-Qualifikationsspiels gegen Schottland in der Nähe von Madrid.

Und ich verstehe nicht, warum Vero nicht unter den zehn besten Spielerinnen der Welt von der FIFA nominiert ist. Eine Auswahl, die immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert, auch wenn ich in der Liste Homare Sawa sehe, die ein halbes Jahr verletzt war, aber nicht Yuki Ogimi. Aber das ist ein anderes Thema.

Madrid vor einer Woche. Die Spanierinnen waren favorisiert nach dem 1:1 in Glasgow, aber Schottland ging in Führung, Spanien glich aus und Schottland ging in der Verlängerung abermals in Führung. Jetzt mussten aufgrund der Auswärtstorregelung schon mindestens zwei Tore für Spanien her. Der Ausgleich fiel in der 113. Minute. Und dann Elfmeter in der 119. Eine goldene Situation für Vero. Sie lief an, schoss halbhoch und Gemma Fay boxte den Ball aus der linken Ecke zur Seite.

„In dem Augenblick schien mir, als ob mein Herz stehen bleiben würde,“ erzählt Vero Boquete. „Mir gingen in Windeseile Gedanken durch den Kopf. Das nach Elfmeterschießen verlorene Finale der WPS, das wir (Philadelphia Independence) gegen Western New York verloren haben. Andere Spiele,  bei denen ich verloren habe. Und ich dachte, verdammt, schon wieder. Es waren so viele Bekannte, Freunde und Verwandte da. Wir haben weitergespielt wie in Trance und dann in der 122. Minute köpft eine Mitspielerin im Strafraum den Ball zu mir und es ist verrückt, aber ich habe gewusst, das ist dein Ball, er fiel wie in Zeitlupe zu mir herunter und das Gefühl das ich hatte, als der Ball reinging, ist unbeschreiblich. Ich habe wohl noch nie solche Freude empfunden.“

Selber sah ich das Spiel mittels eines schlechten Internetstreams und der spanische Reporter rastete völlig aus: „Gol, gol, gol, gol, gol, gol, gol, gol…. España! España! España! España!…“

Vero erzählt mir, dass viele spanische Zeitungen nicht zuletzt wegen der Dramatik auf den ersten Seiten über das Spiel berichtet haben. Dort, wo man Frauenfußball auf der iberischen Halbinsel nicht oft findet, eigentlich nie.

Am Abend haben sie dann miteinander gegessen, nicht groß gefeiert. Vero musste am nächsten Tag zurück nach Schweden, wo am Samstag der 21. Spieltag mit dem Spiel gegen Jitex für sie anstand.

Ihr wolltet das Spiel gewinnen, klar, und habt ja auch dominiert. Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass man da gesehen hat, dass der allerletzte Biss fehlte. Und mir schien, dass ihr euch so verhalten würdet, weil ihr wenigstens im Unterbewusstsein abgeschlossen hattet mit der Meisterschaft?

„Das kann sein. Gesagt hat das niemand. Wir wollten gewinnen und wir haben in der ersten Halbzeit auch völlig dominiert, danach wurden die besser. Aber ich will nicht ausschließen, das es tatsächlich so gewesen sein kann wie du sagst. Immerhin hatte Malmö fünf Punkte vor uns und alle haben wohl damit gerechnet, dass sie in Umeå gewinnen.“

Wo hast du dann am Sonntag das Spiel Umeå – Malmö (das live im TV übertragen wurde) gesehen?

Vero lacht: „Ich habe das überhaupt nicht gesehen. Keine Minute. Erst hinterher habe ich einiges gesehen. Nein, ich wollte und konnte mir das nicht ansehen. Stattdessen bin ich ins Fitnessstudio, alleine. Hatte mein Mobiltelefon abgeschaltet und habe vor mich hin trainiert. Irgendwann dann war Schluss und erst als ich rauskam, habe ich das Telefon angeschaltet und da waren Nachrichten. Und (Caroline) Seger hatte mich angerufen und das macht sie nur, wenn etwas Wichtiges passiert ist. Am Montag, als ich zum Training kam, habe ich in der Umkleide gescherzt und gesagt ‚Schaut mich an, ich bin euer Glückspilz. Bei soviel Glück, wie ich in den letzten vier Tagen hatte, kann uns nichts mehr passieren.‘ Nein, im Ernst, es ist wirklich ein kleines Wunder, das wir jetzt auf einmal aus eigener Kraft Meister werden können.“

Aber Malmö liegt drei Punkte vorn und denen reicht schon ein Unentschieden.

„Ja, aber sie können doch nicht auf ein Unentschieden gegen uns spielen. Ich denke, dass beide Teams gewinnen wollen. Und wer gewinnt, der wird schwedischer Meister und zwar mit Recht. Ich denke, dass wir nach dieser Saison dieses Finale auch verdient haben.“

Dass Tyresö jetzt aufgrund des Fehlens der in den letzten Wochen immer stärker werdenden Ramona Bachmann Favorit sei, lässt die 25-Jährige aus Santiago de Compostela nicht gelten.

„Nein. Wirklich: Wir hätten gerne gesehen, dass Ramona dabei ist. Denn wir alle wünschen uns das bestmögliche aller Spiele. Und es ist für den Frauenfußball in Schweden, aber nicht nur hier, ein tolles Ereignis. Ich bin sicher, eine gute Spielerin wird Ramona ersetzen. Das Spiel fängt bei 0:0 an, einen Favoriten gibt es nicht.“

 

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