Vor den Finals 2

Spielerisch gesehen war die WM 2015 in Kanada eine Enttäuschung. Wenn die USA nun am Sonntag aller Voraussicht nach zum dritten Mal Weltmeister werden und damit auch Rekordweltmeister tun sie das nach einem Turnier, in dem der richtige Funken nie übergesprungen ist.

Was gab es an herausragenden Partien?

Trotz vieler Fehler auf beiden Seiten erinnere ich mich gerne an das spektakuläre 3:3 zwischen Schweden und Nigeria, in dem es zwar wenig fussballerische Klasse gab, aber in der nigerianischen Aufholjagd mit dem rohen, noch ungeschliffenen Talent afrikanischer Offensivkraft immerhin eine mitreissende Dramaturgie.

Deutschland gegen Frankreich war eine Klassepartie vor allem, weil Frankreich nach wackligem Start ins Turnier aufgewacht war und wohl das Beste zeigte, was der Frauenfussball derzeit optisch zu bieten hat. Grosse Technik und atemberaubende Geschwindigkeit. Zum Erfolg reichte es wieder nicht, weil man im entscheidenden Moment eben am Tor vorbeischoss. Bei der WM im Heimatland 2019 wird nun eine Weltklassespielerin wie Louisa Necib auch schon 32 Jahre alt sein, Camille Abily ist dann 34 und die unglaublich schnelle Elodie Thomis 32. Möglicherweise hat diese goldene französische Generation die letzte Chance zum Gold verpasst. Aber es gibt ja noch Olympia 2016 und die EM 2017 in den Niederlanden…

Schweden hat auf ganzer Linie enttäuscht, aber da man immer das Positive in meiner Wahlheimat mitnimmt, ist man nun mit dem Erreichen der Olympia-Qualifikation zufrieden und der Meinung, dass niemand anders als Pia Sundhage geeignet ist, das Team in diese brisante Vierer-Konstellation Anfang 2016 zu führen. Zurückgetreten aus dem Team sind nur Therese Sjögran und Sara Thunebro. 

Auch Norwegen hat in diesem Turnier enttäuscht, das Achtelfinalaus gegen kämpferisch starke Engländerinnen. Wieder einmal stellt sich die Frage, ob Norwegens beste aller Zeiten, Solveig Gulbrandsen nun wirklich die Schuhe an den Nagel hängt. “Das einzige, was ich weiss, ist, dass ich im Juli nach Thailand in Urlaub fliege,” sagte Gulbrandsen. Und dass es bis zur Olympia-Quali lang sei. Trainer Even Pellerud haderte nach dem Spiel damit, dass die Engländerinnen eigentlich gar nicht so toll gewesen wären und Recht hat er.

Die FIFA hatte die eine Hälfte des Turniers ganz im Sinne Kanadas geplant, damit der Gastgeber ins Finale kommen können sollte. Damit nahm man viel Spannung aus dem Turnier. Dass mit England nun eine Überraschungsmannschaft vielleicht sogar eine Medaille gewinnen kann, ist die Lex Kanada. Denn der Gastgeber ist eine der grössten Enttäuschungen des Turniers. Kein einziges Spiel haben sie gezeigt, das auch nur ansatzweise an die Klasse erinnerte, die man 2012 bei Olympia in London hatte, als man in einem unvergesslichen Halbfinale nahe dran war, den haushohen Favoriten USA ins Spiel um Bronze zu schicken.

Wenn Mark Sampson sein englisches Team jetzt in den höchsten Tönen lobt, dann hat das mit solider Arbeit zu tun, die er seit 2013 geleistet hat. England ist gewachsen, vor allem als kämpferische Einheit, aber viel mehr ist da noch nicht.

So hat sich auch Weltmeister Japan mit eher mittelprächtigen Leistungen bis ins WM-Finale spielen können. Kamerun, Ecuador, die Schweiz, die Niederlande und Australien waren unterschiedlich schwere Aufgaben für Norio Sasakis Nadeshiko, aber wirklich geglänzt hat das Team aus dem Land der aufgegenden Sonne nur bei dem einen oder anderen Tor. Vielleicht reicht das zum Titel, aber ich habe meine Zweifel.

Auf den Rängen gab es auch kein Fussballfest, von den in Kanada anwesenden Kollegen aus Schweden habe ich gehört, dass es in den WM-Spielorten nur wenig Werbung gegeben habe. Taxifahrer wussten nicht einmal, dass eine Weltmeisterschaft stattfindet. “Wo und wann ist das?” fragte ein Fahrer in Montreal ein schwedisches Kommentatorenteam, das sich vom Flughafen in die Stadt bewegte. Das Motto “From coast to coast” klingt fantastisch als Fremdenverkehrswerbung, aber das Turnier war geographisch zu weit auseinandergezogen, um für kontinuierliche Begeisterung in der Breite zu sorgen. So waren die Spielstätten meistens Tausende Kilometer voneinander entfernt (Ausnahme Montréal und Ottawa). Am Kunstrasen wurde schon ein Jahr vorher durch ein internationales Spielerinnenkollektiv zu Recht gemäkelt, aber nachdem sich der zweite Bewerber für die WM, Simbabwe (!?), zurückgezogen hatte, war jedem klar, welches Land aus dem berühmten Umschlag gezogen würde.

Das Konzept der FIFA, die gesamte Welt demokratisch und paritätisch zu beteiligen, ist erst einmal wunderbar. Josef “Sepp” Blatter hat darauf seine Macht begründet, die Delegaten aus Afrika, Asien und Südamerika verehren ihn deshalb wie andere “Mutter Teresa oder Jesus” (wer hat das noch gesagt?).

So schön es ist, Spielerinnen aus der Elfenbeinküste und Ecuador zu sehen, die fröhlich um den WM-Titel spielen wollen, so wenig gehören sie sportlich in dieses Turnier. Es ist eine Weltmeisterschaft und man muss die philosophische Frage beantworten, ob hier die ganze Welt teilnehmen soll (dann sollte man vielleicht auch Ozeanien einen zweiten Platz anbieten?) oder ob die besten Mannschaften der Welt spielen sollen. Dänemark hätte sportlich mehr geboten als Ecuador. Schottland weniger hoch gegen Deutschland verloren als die Elfenbeinküste. Ich habe kein perfektes System für die Qualifikation und Verteilung, die Weltrangliste allein taugt nicht, aber eine Kommission der FIFA sollte sich das einmal ansehen, ohne dass dadurch Afrika oder Asien benachteiligt werden müssten. Im Gegenteil: Man sollte den reichen Nationen wie Deutschland und den USA ins Buch schreiben, dass sie dabei helfen müssen durch Ressourcen wie Personal, den Frauenfussball in noch nicht entwickelten Ländern zu fördern. Mehr als das bisher getan wird.

Am meisten bleiben mir eventuell nach diesem Turnier die katastrophalen Schiedsrichterinnenleistungen im Gedächtnis. Shame on you, FIFA! Es macht keinen Sinn, Schiedsrichterinnen aus Ländern zu nominieren, in denen Fussball im Schneckentempo gespielt wird. Wir haben zahlreiche sehr fragwürdige Elfmeterentscheidungen gesehen, die Spiele entscheidend beeinflusst haben. Laura Bassett hätte nicht Rotz und Wasser heulen müssen (die Arme), wenn die unsägliche neuseeländische Schiedsrichterin Anna-Marie Keighley nicht die schlechteste Schwalbe, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, mit einem Elfer für England belohnt hätte. Stephanie Houghton hätte die gelbe Karte sehen müssen. Auf der anderen Seite geschah das Foul an der Japanerin, das zum Elfmeter führte, möglicherweise Zentimeter vor dem Strafraum. Leider wurde auch das andere Halbfinale durch zwei Elfmeter entschieden. Die Rumänin Teodora Albon pfiff berechtigt Strafstoss für Deutschland nach dem Foul an der zugegeben fallsüchtigen Alexandra Popp, da es sich hierbei allerdings um eine klare Notbremse handelte, hätte Albon der US-Amerikanerin Julie Johnston die rote Karte zeigen müssen. Das hat Albon bei ihrer Schiedsrichterscheinprüfung offenbar überlesen. Auf der Gegenseite brachte Annike Krahn Alex Morgan auch VOR dem Strafraum zu Fall, der von Carli Loyd souverän verwandelte Strafstoss war unberechtigt.

Nun ist Elfmeter immer dann, wenn der Schiedsrichter pfeift. Kein Geringerer als der legendäre und in diesem Jahr verstorbene Udo Lattek hat diesen wunderbaren Satz geprägt und beantwortete so die Fragen von Journalisten, ob er denn diesen oder jenen Elfmeter für berechtigt hielt. Aber auch die miserablen Einsätze der Schiedsrichterinnen sollte man sich ansehen und dann beim nächsten Turnier entsprechend agieren und die besten Schiedsrichterinnen einsetzen.

Vielleicht werde ich mich auch weniger an diese WM erinnern, weil sie zumindest bis vor den letzten beiden Begegnungen keine richtigen Stars produziert hat. Es gab keine überragenden Spielerinnen, die dem Turnier ihren Stempel aufgedruckt hätten. So wie Homore Sawa das 2011 getan hat, Marta in China 2007 oder Birgit Prinz beim ersten deutschen Triumpf in den USA 2003.

Célia Šašić dürfte dank Hattrick gegen die Elfenbeinküste und zweier verwamdelter Elfmeter Torschützenkönigin von Kanada werden, aber überragt hat sie ebensowenig wie eine angeschlagene Dzsenifer Marozsan, die von verantwortlicher deutscher Seite seit Jahr und Tag als beste Fussballspielerin der Welt gefeiert wird, den Beweis dafür aber bis heute schuldig geblieben ist. Viellecht hätte sie ja, wenn sie nicht verletzt ins Turnier gegangen wäre, alle anderen überstrahlt.

Louisa Necib hätte es wieder einmal werden können, hätte sie nicht im entscheidenden Moment, als Nadine Angerer schon geschlagen war, am deutschen Tor vorbei geschossen. Eugenie LeSommers brillante Form aus Frankreich reichte zu zwei Toren gegen Südkorea, aber Frankreich strich früh die Segel.

Christen Press hatte ich auf meiner Liste. Das mag an persönlichen Sympathien liegen, denn in Schweden hatte ich Gelegenheit, die intelligente und sympathische Torschützenkönigin von 2013 mehrfach bei persönlichen Gesprächen kennen zu lernen. Aber Press hat die Qualitäten einer Tormaschine (“goal scoring machine”) hatte sie Ex-Kameradin Ali Riley mir gegenüber genannt. Nur: In den USA hat Jill Ellis Spielerinnen, die noch einen Tick besser in das Gesamtkonzept passen. Alex Morgan und Sydney Leroux etwa, die aber auch das Turnier nicht zu ihrem machen konnten.

Der goldene Ball, da bin ich schon jetzt sicher, wird an Carli Lloyd gehen,. Die bald 33-Jährige von Houston Dash hat das Spiel gegen Deutschland entschieden, den einzigen Treffer gegen China im Viertelfinale erzielt und auch schon früher zweimal olympische Endspiele mit ihren Toren alleine entschieden. Lloyd verdient sich den goldenen Ball durch ein sehr hohes Niveau ohne aber den grossen Starglanz zu haben. Das soll ihre Grösse nicht schmälern.

Vor den Finals

Im Blog war es sehr ruhig. Zum einen, weil die schwedische Mannschaft ausgeschieden ist, zum anderen, weil ich zehn Tage in Japan war.

Das Finale in Vancouver spielen also nun (wie auch in Frankfurt 2011) die USA und Japan, das Spiel um Platz 3 in Edmonton am Samstag ist eine Neuauflage des EM-Endspiels von 2009 in Helsinki, Deutschland gegen England.

Zuerst Schweden. Sara Thunebro hat wenig überrraschend ihren Rücktritt von der Nationalmannschaft bekanntgegeben. Überraschender für mich aber die Gründe der 36-Jährigen. Sie habe lediglich eine Viertelstunde Spielzeit in Kanada bekommen und offenbar nicht das Vertrauen von Pia Sundhage, so Thunebro im Gespräch mit der Lokalzeitung Eskilstuna Kuriren. Da sie auch nicht glaube, dass sich daran etwas ändern werde, habe sie sich zu dem Schritt entschlossen.

Traurig. Das ist fehlende Selbsteinsicht, die schon ein wenig weh tut. Thunebro ist eben auch 36 Jahre alt und sie ist in den letzten Jahren nicht schneller geworden und wurde unlängst in der Damallsvenskan von 17-Jährigen überlaufen. Immerhin sollte nun endlich die Möglichkeit bestehen, dass mit der 21-Jährigen Magdalena Eriksson endlich die Spielerin nominiert werden wird, die schon in Kanada hätte dabei sein müssen.

Pia Sundhage wird bleiben, ebenso Lillie Persson und Marika Domanski Lyfors. Das bedeutet, das sich wenig ändern wird und möglicherweise erst nach einer eventuellen, verlorenen Olympia-Qualifikation für 2016 Änderungen im Personal erfolgen. Denn Erneuerer sind die Damen Sundhage, Persson und Domanski eben leider nicht. Dabei müsste jetzt vcrsichtig mit Blick auf die WM 2019 in Frankreich ein Generationswechsel behutsam eingeleitet werden. Die Olympia-Qualifikation findet Ende Februar / Anfang März 2016 statt und wird im Gruppenmodus (jeder gegen jeden) gespielt, wobei dann der Gruppensieger nach Rio fahren darf.

Olympia-Quali-Gegner der Schwedinnen werden die Niederlande, die Schweiz und Norwegen sein. Das sind allenthalben starke Gegner und eine Vorhersage, wer das Rennen machen wird, ist keine Selbstverständlichkeit.

Zur deutschen Mannschaft. Von der ersten Spielminute an sprach man in Schweden darüber, dass die deutsche Innenverteidigung, in der Silvia Neid nibelungentreu an den arg in die Jahre gekommenen Annike Krahn und Saskia Bartusiak festhielt, die Achillesferse ist. Und so war es denn am Ende auch. Während man gegen Frankreich zwar gerade hier schon arg in die Bredouille gebracht wurde, aber noch mit unendlich viel Glück, Angerers Knie und französischem Unvermögen, Bälle ins leere Tor zu schieben, als Sieger reüssierte, reichte das gegen die USA natürlich nicht mehr.

Vor anderthalb Jahren hatte ich ein langes Gespräch mit dem jetzigen Co-Trainer der USA, dem Schweden Tony Gustavsson, damals Tyresös Cheftrainer. Wir sprachen über den internationalen Fussball und dass die USA erkennen müssten, dass der Welt(frauen)fussball sich spielerisch enorm weiterentwickelt hätte und dass der Fussball der Zukunft, so Gustavsson, von Frankreich und Japan gespielt werde.

Deutschland erwähnte Gustavsson nicht in seinem kleinen Vortrag über den Weg, den der Weltfussball nehmen wird. Die USA nutzten Deutschlands Achillesferse immer wieder aus, liessen die wieselflinke und behende Alex Morgan gegen den starren Panzer Annike Krahn anrennen, am Ende muss der Neu-Leverkusenerin schwindlig gewesen sein. Silvia Neid ist kein Match-Coach, so hat es immer schon geheissen, sie ist keine Trainerin, sagt man, die intellektuell in der Lage ist, ihr starres Konzept zu ändern und bei starkem Widerstand, Dinge taktisch oder personell so zu verändern, dass ein Spielverlauf gedreht werden kann. Gegen die USA hat sich dies offenbar bestätigt. Der deutschen Mannschaft fehlen aber auch Spielerinnen der äussersten Weltklasse, möglicherweise hat Nadine Kesslers schwere Verletzung (kommt sie jemals zurück?) auch schon das Schicksal dieses deutschen Teams besiegelt. Denn die Führungsfigur, die man in Kessler nicht hatte, haben die Amerikanerinnen seit Jahren in Carli Lloyd. Sie hat mit ihren Toren zwei olympische Endspiele entschieden und sie hat auch das Spiel gegen Deutschland mit einem souverän verwandelten Strafstoss und einer brillanten Hereingabe zu Kelly O’Hara entschieden.

Der deutsche Fussball ist sehr erfolgreich ,man hat sechs Mal hintereinander die EM gewonnen. Man hat aber dadurch auch an Selbstzufriedenheit angesetzt und zugenommen. Wenn man die EM in Finnland 2009 mit der in Schweden 2013 vergleicht, muss man doch sagen, dass der deutsche Gewinn vorletztes Jahr mehrfach an einem seidenen Faden hing. In Solna war es einzig Nadine Angerer, die Deutschland im Finale den Titel rettete, im Halbfinale schon waren die Schwedinnen in Göteborg ebenbürtig (um dann nach zwei weiteren Jahren mit Pia Sundhage in die hintere Spitzengruppe Europas zurückzufallen).

In Deutschland aber hat sich spielerisch, taktisch und organisatorisch auch nichts verändert. Frauenfussball in DFB-Frankfurt wird von einer Gruppe von Frauen diktiert, die ebenso wie in Schweden wenig ändern wollen. Spielerinnen werden nicht nur taktisch und spielerisch mit dem jahrein, jahraus immergleichen Konzept ausgebildet, sie werden auch menschlich und charakterlich “erzogen”, jedwede Kante soll da abgeschliffen werden, jede Spur von möglicherweise brillanter Kreativät und Eigensinn ausgemerzt werden. “Der Star ist die Mannschaft”, dieses Mantra wiederholte Berti Vogts 1996, als Deutschland im Männerfussball Europameister wurde.

Dabei entwickelt sich Fussball um uns herum weiter. Japans WM-Sieg vor vier Jahren war genauswenig Zufall wie der Finaleinzug in diesem Jahr. Der technisch versierte, auif Ballbesitz ausgerichtete Fussball der Japanerinnen, der mit sehr viel Geduld gespielt wird, um den Gegner laufen zu lassen, zu ermüden und zu Fehlern zu verleiten,. ist schon eine ganze Generation weiter als das, was Deutschland dieser Tage noch spielen lässt. Frankreich ist in Europa schon deutlich besser als Deutschland, sie sind nur noch nicht in der Lage, den Sack bei entscheidenden Turnieren  auch zuzumachen. Aber: Der Tag wird kommen und dann wird die deutsche Vormacht auch in Europa dahin sein.

Schon am Samstag dürfte es gegen die Überraschungsmannschaft des Turniers, England, nicht mehr so einfach sein wie noch 2009 im EM-Finale, als man dank Inka Grings und Birgit Prinz ein 6:2-Schützenfest gegen das damals noch von Hope Powell angeführte England veranstaltete.

Sicher, England hat vom Versuch der FIFA profitiert, dem Gastgeberland Kanada einen weichen Weg ins Finale zu gestalten. Da hatte man kurzerhand die grössten Favoriten im Vorfeld, Deutschland, die USA und Frankreich in eine Hälfte gepackt, damit Kanada wenigstens unter die ersten Vier kommen kann und bis zum Ende des Turniers dabei ist. Der Versuch ist gescheitert. England gelang ein Doppelschlag und erst durch ein fast tragisches Eigentor von Laura Bassett in der 92. Minute war der Traum vom Finale ausgeträumt. Coach Mark Sampson war gerade aus Schweden und auch von mir dafür kritisiert worden, die 30-Jährige Anita Asante vom FC Rosengård nicht nach Kanada mitgenommen zu haben, aber der Erfolg gibt ihm Recht. England verlor gegen Frankreich knapp und gewann danach bis zur gestrigen 92. Minute jedes einzelne Spiel.

Weltmeister dürfte nun die USA werden. Denn der unbändige Wille der Amerikanerinnen, ihre überlegene Athletik und die Revanchelust nach dem Finale 2011 dürften genug Energie freisetzen, um das Finale gegen Japan klar zu gewinnen. Das System, mit dem in den USA Frauenfussball gefördert wird, ist aber auch nicht kopierbar. Hier ist Fussball ein Universitätssport, an den Colleges gibt es Hunderte von hochtalentierten Spielerinnen, die bereits in den College-Teams einen Förderapparat zur Verfügung haben, den die meisten Teams in der Damallsvenskan oder Bundesliga gerne hätten.

So können die verantwortlichen Trainer, nun also Jill Ellis, ihre Kader aus rund einhundert exzellent begabten Spielerinnen formen und zudem haben sie noch die Möglichkeit, die Kerntruppe sehr oft zu versammeln und einzuspielen. Die Nationalmanschaft hat immer Vorrang, auch weil der Verband seine Topspielerinnen bezahlt und nicht die Vereine.

In Schweden wird schon in sechs Tagen wieder Damallsvenskan gespielt. Die Liga geht weiter in die “Herbstrunde”. Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Verband ujnd Vereinen hierzulande weiter entwickelt, nachdem sowohl Lillie Persson wie auch Pia Sundhage die Verantwortung für das schlechte Abschneiden in Kanada zu einem grossen Teil der Liga zugeschoben hat, die nicht bereit gewesen sei, die Spielerinnen häufiger abzustellen.

Augen zu und durch?

Die Schwedinnen sind wieder daheim. 1:4 gegen Deutschland und ansonsten Unentschieden. Eine mehr als mittelmässige Gesamtleistung. Und allenthalben in den Medien die Forderung nach dem Rücktritt von Pia Sundhage. 

Aber in der Chefetage des schwedischen Fussballverbands hat man geredet. Miteinander. Und da zum Beispiel die Journalistin Jennifer Wegerup den Rücktritt aller Verantwortlicher fordert, weil sie der Auffassung ist, dass nur gänzlich neue Strukturen einen wahren Wandel einleiten können, der verhindert, dass Schweden immer mehr Anschluss verliert, schliessen sich die Reihen im Verband.

Gegenreaktion.

Lillie Persson und Pia Sundhage haben beide larmoyant bemerkt, dass Ex-Kollege Thomas Dennerby vor vier Jahren eine ganze Woche mehr Vorbereitungszeit mit den Spielerinnen hatte. Und auch in Deutschland hätte Silvia Neid ihre Truppe wesentlich früher beisammengehabt als in Schweden, wo das anstrengende Spiel in der Damallsvenskan an den Kräften der Spielerinnen zehrt und die mangelnde Zeit der Vorbereitung mit allen ins Gewicht fällt.

Und so geben sowohl Persson wie auch Sundhage wieder malk indirekt direkt der Liga und ihren zwölf Vereinen die Schuld, dass sie nicht genügend Zeit mit den Spielerinnen gehabt hätten. Das ist mit Verlaub gesagt eine billige Ausrede. Aber Persson, Nationalmannschaftschefin Marika Domanski Lyfors und zuletzt auch Sundhage hängen an ihren mehr oder minder gut bezahlten Jobs und vermutlich wissen sie auch nicht, was sie sonst machen sollten. So unterstützt man sich jetzt gegenseitig und entledigt sich somit auch am Ende jedweder Verantwortung für eine grottenschlechte WM.

Pia Sundhage sagt, man müsse auch an die bevorstehende EM-Quali denken und an das nächste Spiel gegen Moldawien. Moldawien? Die EM 2017 wird mit 16 Ländern in den Niederlanden gespielt und die Qualifikation dafür würde selbst ich als völlig ahnungsloser und unausgebildeter Blogger mit dem schwedischen Team schaffen. Polen, die Slowakei und Dänemark sind noch in der schwedischen Gruppe und zwei kommen weiter…

Man muss also an Moldawien denken. Vielleicht könnten die ja die Dienste von Sundhage, Domanski Lyfors und Persson gebrauchen? Wäre eine Überlegung wert. Schweden braucht Veränderung. Bald auch einen Generatinswechsel, denn die Tage von Nilla Fischer, Sara Thunebro, Caroline Seger, Therese Sjögran, Charlotte Rohlin und auch Lotta Schelin sind wenn noch nicht, dann doch bald gezählt und man braucht neue Spielerinnen und auch Trainer, die den Mut haben, etwas Neues aufzubauen und neu zu denken. Risiken eingehen, ausprobieren und nicht immer nur am bereits bestehenden festhalten.

Sundhage sagte, man habe das Spiel Brasilien – Costa Rica, das über das schwedische Weiterkommen entschied, mit dem Führungsstab in einem Zimmer geschaut. Die Spielerinnen hätten es in einem anderen Zimmer gesehen und irgendwie sei es ihnen gelungen, auch das Spiel Spanien – Südkorea auf den Bildschirm zu bekommen, also zwei Spiele auf einem Schirm. Sie (die Leiter) selber seien wohl zu alt dafür. Eben!

Ausgeschieden

Gegen den Weltranglistenersten Deutschland auszuscheiden, ist keine Schande. Aber die Art und Weise, wie sich gestern die schwedische Nationalmannschaft sang- und klanglos aus dem WM-Turnier 2015 verabschiedet hat, ist schon enttäuschend.

Zunächst stelle Pia Sundhage mit Linda Sembrant, Emma Berglund, Amanda Ilestedt und Nilla Fischer vier nominelle Innenverteidigerinnen auf den Platz, dazu noch Jessica Samuelsson. Als Deutschland die schwedische Abwehr trotzdem auseinandernahm, und zur Pause 2:0 führte, brachte Sundhage in der 46. Minute keine Stürmerin, nein, sie tauschte eine Abwehrspielerin (Samuelsson) aus und brachte eine neue Verteidigerin, als ob man nicht im Achtelfinale einer WM im Rückstand war, sondern ein munteres, aber bedeutungsloses Spielchen an der Algarve machen würde.

Danach Leere. Caroline Seger spricht darüber, dass sie nachdenken werde, ob sie überhaupt weiter in der Nationalmannschaft spielen werde. Die 30-Jährige sieht eine lange Durststrecke vor der EM 2017 in den Niederlanden vor sich. Für Therese Sjögran, mit 38 Jahren und nach 214 Länderspielen vielleicht die beste schwedische Spielerin bei der WM, was aus Sjögrans Perspektive beeindruckend, aus schwedischer Sicht erschreckend ist, war dies das letzte Länderspiel. Oder? Sara Thunebro sollte auch aufhören. Fischer und Schelin werden kaum bei der nächsten WM dabei sein, aber wohl bei der EM 2017.

Und in Schweden diskutierte man im Studio des WM Senders TV4 schon die Sundhage-Nachfolge., Bilder wurden gezeigt. Assistentin Lillie Persson  vielleicht? Linköpings Trainer Martin Sjögren oder der ehemalige LFC-Trainer Magnus Wikman? Schottlands Nationaltrainerin Anna Signeul? Sundhage selber sagte, ihr sei diese Frage im Moment scheissegal. Das war unmittelbar nach Schlusspfiff. Sie müsse sich erst mal um die Spielerinnen kümmern, ihre eigene Position sei da nicht wichtig.

Und einig waren sich alle, ob Sundhage, Schelin, Seger oder sonstwer, dass die Deutschen an diesem Abend wesentlich besser waren – und – dass der Abstand zwischen beiden Teams bedeutend grösser sei als im Halbfinale der EM 2013.

Achtelfinale

Heute abend geht die WM in Kanada richtig los. 16 Mannschaften sind übrig, in jedem Spiel geht es jetzt um “vinna eller försvinna” wie man hier in Schweden sagt: gewinnen oder verschwinden. Und den Anfang macht die Nummer eins gegen die Nummer fünf der Weltrangliste. Deutschland gegen Schweden. Ein Spiel, das sich mit Sicherheit beide Teams nicht gewünscht hätten für eine so frühe Begegnung, auch wenn Deutschland der Topfavorit ist. Zuletzt hat Schweden vor etwas mehr als 20 Jahren ein Wettbewerbsspiel (Algarve zählt nicht) gegen Deutschland gewonnen. Am 07.06.1995 in Helsingborg gewann man mit 3:2. Deutschland führte mit 2:0, aber Schweden drehte das Spiel und kam durch eine gewisse Pia Sundhage zum Ausgleich.

Lang, lang ists her. In Kanada sind die anwesenden schwedischen Journalisten sauer wegen des sehr begrenzten Zugangs zu Spielerinnen. Pia Sundhage sagte gestern, solche Fragen müsse man an Pressechefin Rebecca Hedin richten, sie hätte nichts damit zu tun. Bei jedem Pressetreff sind immer nur drei Spielerinnen für 20 Minuten zugegen, was dazu führt, dass keine Zeitung ein exklusives Interview bekommt, weil um jede Spielerin ein Dutzend Medienvertreter wimmelt und 20 Minuten sind schnell vorbei. Auch die fehlende Präsenz auf den sozialen Medien erlebe man ansonsten nur beim chinesischen Team, beklagt Bloggerkollege Johan Rydén, der von Edm,onmton nach Ottawa gereist ist und offenbar auch dabei war, als die sachwedische Mannschaft auf dem Flughafen aus dem Hintgerausgabng verschwand, um nicht die Medienvertreter und Fans treffen zu müssen.

Heute Abend ist Deutschland haushoher Favorit.,  und gerade das könnte die Schwedinnen sehr gefährlich machen. Nur, weil sie bisher noch nicht gezaubert haben, sind nämlich Lotta Schelin oder Kosovare Asllani nicht ungefährlich. Allemal ist die eher lahme deutsche Innenverteidigung in Gefahr, wenn etwa Schelin oder die bei Montpellier zur Klassespielerijn herangereifte Sofia Jakobsson zu Sprints ansetzen. Von Schweden erwartet man sich eigentlich nichts und das kommt den Skandinavierinnen sehr gelegen.

Und wenn es schief gehen sollte für Seger & Co., dann hat man vorher ja auch nichts anderes erwartet. Eigentlich eine win-win-Siktuation,. Deutschland dagegen würde im Falle einer Niederlage sogar noch die Pleite gegen Japan bei der Heim-WM toppen.

Gut getippt

Getippt hatte ich folgendes Achtelfinale vor dem letzten Gruppenspieltag:

DeutschlandAustralien
China – Kamerun
Brasilien – Schweden
Frankreich – Südkorea
Kanada – Schweiz
NorwegenKolumbien
USAEngland
Japan – Niederlande

Alle 16 Achtelfinalisten waren damit richtig getippt, lediglich die Positionen von Australien/Schweden und England/Kolumbien waren falsch herum.

Jubel in Edmonton über ein Tor in Moncton

Laut Google-Maps liegen zwischen Edmonton und Moncton 4.578 km. Die Zeitverschiebung beträgt dreieinhalb Stunden von der Provinz Alberta nach Neufundland. Als die 24-Jährige Raquel Fernandes in der 83. Minute das 1:0 für Brasilien gegen Costa Rica schoss und damit Schweden zum viertbesten Gruppendritten machte, war der Jubel groß. Die meisten Spielerinnen hatten die Begegung gemeinsam auf dem Zimmer von Lisa Dahlkvist und Linda Sembrant verfolgt. Brasilien war als einziges von 24 Teams ohne Punktverlust und ohne Gegentor ins Achtelfinale gezogen und das zwar noch unbesiegte, aber eben auch sieglose Schweden hatte es mit einem dicken blauen Auge als letztes Team in die Endrunde geschafft.

Der Zeitung Expressen sagte Kosovare Asllani vor dem Spiel Brasilien  – Costa Rica: “Wenn wir weiterkommen, werden wir den ganzen Weg gehen. Das ist mein Bauchgefühl. Wenn wir auf Deutschland treffen… Ich will nicht zu viel sagen. Aber ich habe ein gutes Gefühl. Gegen die sind das immer ausgeglichene Spiele. Unser Selbstvertrauen wächst mit jedem Mal, wenn wir gegen sie spielen. Gewinnen wir dieses Spiel, zeigen wir, dass wir weit kommen wollen.”

Nach dem Monctoner Spiel veranstalteten die Schweden vor ihrer Unterkunft, dem Delta Hotel in Edmonton, eine improvisierte Mixed Zone für die vielen schwedischen Journalisten. Pia Sundhage kam in Badelatschen und hatte die dicken Freundinnen Therese Sjögran unjd Caroline Seger mitgebracht.

“Das hier war das Schlimmste, was ich in meiner Sportlerkarriere mitgemacht habe,” beschrieb die mit 38 Jahren doch sehr erfahrene Therese Sjögran. Und meinte also das Zuschauen beim Brasilien-Spiel. “Jetzt können wir uns auf ein Achtelfinale freuen. Gegen Deutschland haben wir nichts zu verlieren. Ich glaube, dass wir jetzt all unsere Leben ausgenutzt haben. Die [Deutschen] müssen auch immer im Weg stehen. Da ist es ganz ok, wenn wir sie jetzt gleich nehmen.”

Pia Sundhage zeigte sich optimistisch und hatte sich ein eigenes Erklärungs- und Motivationsmodell gebastelt, das sie sicher bis Samstagnachmittag Ortszeit ausbauen wird.

“Wir haben hieraus Energie gewonnen. Wir haben nichts zu verlieren. Wir haben eine zweite Chance bekommen und wir werden es den Deutschen so schwer wir nur möglich machen. Die haben einen viel leichteren Weg gehabt. Wir mussten kämpfen, haben Druck gespürt. Jetzt werden sie den Druck spüren,” sagte Sundhage zu den versammelten Journalisten.

Und Caroline Seger zeigte zwar Respekt vor dem Gegner, benannte aber auch dessen Achillesferse: “In der Abwehr sind sie etwas langsam, auch wenn es gute Spielerinnen sind. Sie haben Respekt vor unseren schnellen Angreiferinnen.Aber das ist etwas, was wir versuchen müssen, unsere Stürmerinnen zwischen ihre Innenverteidigerinnen zu kriegen.”

“Schweden hat große Qualitätenin der Mannschaft. Unsere Spiele gegeneinander waren immer umkämpft und eng,” sagte Silvia Neid in einer ersten Reaktion. “Die Tagesform wird entscheiden, wer das Viertelfinale erreicht.”

Gegen Deutschland

Nach dem 1:1 gestern Abend in der Commonwealth-Arena von Edmonton jubelten die Australierinnen, die nun am kommenden Sonntag in Moncton auf Brasilien treffen werden. Eine nicht unlösbare Aufgabe für das exzellent aufgestellte Australien, in dem Kapitänin und Star Lisa DeVanna seit Beginn der WM aufgrund einer Verletzung nicht trainiert, sondern lediglich spielt.

Gestern reichte das zum schnellen Führungstor in der fünften Minute, als DeVanna, die auch “pocket rocket” genannt wird in Anspielung auf ihre Körpergröße (1,56 m) und Schnelligkeit, Nilla Fischer und Elin Rubensson ganz alt aussehen ließ und an einer zur Salzsäule erstarrten Hedvig Lindahl vorbei das aus schwedischer Sicht schockierende 1:0 erzielte.

Die Schwedinnen kamen kurze Zeit später zum Ausgleich durch eine schöne Einzelaktion von Sofia Jakobsson. Das wars. Die Australierinnen jubelten wie gesagt, während viele Schwedinnen auf den Rasen sanken und teils noch minutenlang beinahe fassungslos sitzen blieben.

“Natürlich wäre es schöner gewesen, hier mit einem Sieg raus zu kommen [in die Mixed Zone] und nachdem wir aus eigener Kraft weitergekommen sind,” sagte Mittelfeldmotor Caroline Seger, die sich müht in diesem Turnier, aber obwohl sie zu den besseren Mittelfeldspielerinnen dieser Welt gezählt wird, trotz allem nicht die ideale Verbindung zwischen den Mannschaftsteilen herstellen kann.

“Im Augenblick fühlt man sich so lala, aber natürlich werde ich morgen Abend Brasilien gegen Costa Rica anschauen. Das wird entscheidend sein, ob wir weiterkommen oder nicht,” so Seger weiter zu Journalisten in der gemischten Zone.

“In der zweiten Halbzeit, wo wir beschleunigen sollen, haben wir nicht die Schlagkraft erreicht, die wir haben wollen. Es gab ganz schön viel lange Bälle. Wir hätten es mehr mit der Ruhe nehmen müssen. Aber manchmal wird es so, wenn man alles erreichen will und schnell ein Gegentor kriegt.”

“Man darf nicht vergessen, dass wir in der schwersten Gruppe waren. Außer im ersten Spiel haben wir getan, was wir konnten,” so Caroline Seger.

Mittelfeldkollegin Lisa Dahlkvist hat ebenso wie Seger in Tyresö zusammen mit Brasiliens Superstar Marta gespielt. Dahlkvist sagte der Presse, sie habe Marta eine SMS geschickt und sie gebeten, Costa Rica zu schlagen, damit Schweden weiterspielen könne. Marta habe bereits geantwortet, dass sie ihr Bestes geben werde.

Das zeigt wie desperat und geschockt die Schwedinnen sind.

Schweden war Dritter in Gruppe D geworden, der drittbeste Gruppendritte insgesamt derzeit. Die Niederlande und die Schweiz haben entweder einen Punkt mehr oder das bessere Torverhältnis. Der Weltranglístenfünfte kann aus eigener Kraft nicht mehr unter die besten 16 der WM kommen.

Sollte Brasilien seiner Favoritenrolle gerecht werden und Costa Rica schlagen, sind die Schwedinnen jedoch bereits ganz sicher vierbester Gruppendritter und hätten das Achtelfinale erreicht. Auch ein 0:0 würde reichen. Ein 1:1 würde zu einer Auslosung führen.

Trotz allem sieht es also so aus, als ob Schweden die KO-Runde erreichen wird. Dort würde am Samstagabend um 22.00 MESZ Europameister Deutschland in Ottawa warten. Und auch wenn Schweden sich bislang wie ein alter, aus dem letzten Loch pfeifender Zug durch das Turnier bewegt hat: Dieses Spiel beginnt beim Stand von 0:0, alles davor ist vergessen und der Verlierer muss nach Hause. Deutschland muss wachsam sein.

So wird das Achtelfinale gespielt

Last16

Es bestand bei vielen Fans und Journalisten Unsicherheit, wie denn die Gruppendritten letztlich verteilt werden. Auf Seite 40 der Regularien für die WM hat die FIFA eine Tabelle veröffentlicht, nach der die Teams verteilt werden.

Ich habe z.B.getippt, dass die Dritten der Gruppen A, C, D und F weiterkommen, nach meinen Tipps waren das die Niederlande (richtig!), die Schweiz, Australien und England. Falsch war meine Zusammenstellung des Achtelfinals. Das würde dann stattdessen so aussehen:

Deutschland – Australien
China – Kamerun
Brasilien – Schweden
Frankreich – Südkorea
Kanada – Schweiz
Norwegen – Kolumbien
USA – England
Japan – Niederlande

Im Viertelfinale dann entsprechend:

Deutschland – Frankreich
Kamerun – USA
Norwegen – Schweiz
Schweden – Japan

Thomas Dennerby lobt Australien

Bis einschließlich 2012 hat der heute 54-Jährige Kriminalbeamte Thomas Dennerby die schwedischen Frauen trainiert und zuletzt 2011 in Deutscland die Bronzemedaille geholt. Jetzt arbeitet Dennerby als Spion für Pia Sundhage, fliegt kreuz und quer durch das riesige Kanada und erforscht Stärken und Schwächen kommender Gegner. Zuletzt war Dennerby auf den letzten Gruppengegner Australien angesetzt.

In einem Interview mit Dagens Nyheter sprach der ehemalige Nationalcoach über das Team aus ‘Down under’.

Lisa DeVanna ist natürlich schwer zu stoppen,” kommt Dennerby auch gleich zur Sache und benennt die aus seiner Sicht wichtigste Gegenspielerin. Die Außenverteidigerin, die gegen sie spielt, muss stark in Zweikämpfen sein, aber sie braucht auch Unterstützung. Es ist wichtig, ihr nah zu kommen und Körperkontakt zu kriegen, damit sie [DeVanna] nicht beschleunigen kann.”

Das würde dann wohl für Jessica Samuelsson sprechen und weniger für die eher offensiv starke Elin Rubensson.

“Es ist aber auch wichtig, dass die äußere Mittelfeldspielerin vor ihr Positionen besetzt, die es erschweren, dass Lisa den ball auf die Füße kriegen kann,” so Dennerby weiter.

Er hält das Angriffsspiel der Australierinnen für das Kreativste in der gesamten Gruppe D.

“Sie haben großes vertrauen in ihre offensive Spielidee, ihre Pässe und Kombinationen und ihre beweglichen Spielerinnen. Ihr Turnierbeginn hat mir wirklich imponiert. Wenn einem Angriffsfußball gefällt, dann sind sie wirklich das kreativste Team.”

So dürften die Schwedinnen am Dienstag versuchen, DeVanna aus der Balance zu bringen. Die 1,56 m kleine Australierin ist in Schweden nach ihren Jahren bei AIK und Linköping bestens bekannt. Sie galt als sehr exzentrisch und weigerte sich z.B. mit den Teamkameradinnen zu duschen. Einmal, in einem Spiel in Solna gegen Umeå Södra, saß sie in der Halbzeit die ganze Zeit alleine im Mittelkreis, während das Team in der Kabine war. Ich sprach sie ein paar Tage später darauf an und DeVanna sagte mir, sie sei so enttäuscht gewesen, dass sie ein paar Chancen ausgelassen hatte. Zumindest in Schweden, so haben Quellen berichtet, schnorrte DeVanna auch immer wieder Zigaretten von Journalisten und Fotografen. Aber ihre enorme Antrittsschnelligkeit hat das nicht verringert. 2009 schoss sie 16 Tore in der Damallsvenskan und trug entscheidend dazu bei, dass das heutige JoJo-Team AIK mit dem vierten Platz die beste Leistung seiner Vereinsgeschichte zeigte.

Nach Runde 2

Nachdem 24 von 52 Begegnungen der WM in Kanada gespielt sind und wir beinahe Halbzeit haben, ist es Zeit wieder ein kleines Fazit zu ziehen und die bisherigen Leistungen der Teams und der Spielerinnen zu bewerten.

Gruppe A

Kanada hat mehr Probleme als erwartet. Nach den ersten beiden Spieltagen ist der Gastgeber noch nicht in Schwung gekommen und hat lediglich ein einziges Elfmetertor in letzter Minute zustande gebracht. Auch die Niederlande haben mich enttäuscht. Nachdem man gegen Neuseeland verdient in Führung gegangen war, spielten in der zweiten Halbzeit vor allem die Kiwis und gegen China setzte es eine gerechte Niederlage. China ist eines der Teams bei dieser WM, das mich sehr positiv überrascht hat. Mein Tipp: Kanada schlägt die Niederlande mit 1:0 und wird Gruppensieger vor China. Die Niederlande wird mit 1:2 Toren und 3 Punkten Gruppendritter und Neuseeland hat sich wieder mal achtbar geschlagen, wartet aber weiterhin auf den ersten WM-Sieg.

Gruppe B

War von Anfang an die leichteste Gruppe. Die beiden Giganten Norwegen und Deutschland bekamen zwei der der schlechtesten Teams, Thailand und die Elfenbeinküste zugelost. Im Spiel gegeneinander dominierte Deutschland total in der ersten Halbzeit. In der zweiten Hälfte kam Norwegen zum insgesamt verdienten Ausgleich. Dennoch: Deutschland hat sein Potential gezeigt. Trotz einer in die Jahre gekommenen, eingerosteten Innenverteidigung mit Annike Krahn und Saskia Bartusiak kann man weit kommen. Von schwedischen Journalistenkollegen werde ich regelmäßig gefragt ob es zu Krahn und Bartusiak eigentlich keine Alternativen geben würde. Es gäbe sie, aber sie spielen nicht, pflege ich zu antworten. Mal sehen, ob diese Treue zu Altgedienten am Ende bestraft wird. Nun ja, Thailand wird von einer halben deutschen B-Elf wohl mit 6:0 oder höher abgekanzelt. Die Elfenbeinküste kriegt von Norwegen wenigstens fünf Dinger eingeschenkt. An Neids Stelle würde ich heute Abend Almuth Schult ins Tor stellen, Simone Laudehr einen freien Abend geben und auch entweder Anja Mittag oder Celia Sasic auf die Bank setzen, um die dann andere mit Pauline Bremer oder Sara Däbritz auflaufen zu lassen. Laudehr spielt immer bis zur Erschöpfung und kriegt auch immer wieder kleinere Blessuren ab und Deutschland braucht sie später noch, sie ist für mich eine der wichtigsten Spielerinnen. Mittag oder Sasic mit Däbritz oder Bremer spielen zu lassen, ist wichtig, damit bei Einwechslungen der Youngster in einem K.O.-Rundenspiel mehr Erfahrung miteinander vorhanden ist. Heute kann man sich das leisten. Mein Tipp: Deutschland wird Gruppensieger, Norwegen Zweiter und Thailand Dritter mit 3:11 Toren und drei Punkten.

Gruppe C

Japan hat sich den Gruppensieg mit dem am Ende etwas glücklichen 2:1 gegen Kamerun geholt, denn wer glaubt daran, dass Ecuador den Nadeshikos ein Bein stellen kann? Kamerun ist nach China die zweite positive Überraschung des Turniers. Gaelle Engamanoúit war kurz davor, gegen Japan auszugleichen. Das Spiel Schweiz – Kamerun ist eines der interessanteren in der Schlussrunde, eine offene Begegnung um den attraktiven zweiten Platz. Meine Tipps: Japan – Ecuador 5:0 und Schweiz – Kamerun 1:2. Die Schweiz wird Gruppendritter mit drei Punkten und 11:4 Toren.

Gruppe D

Die Gruppe des Todes. Hier ist in der Tat alles noch möglich. Naja, wohl kaum wird Nigeria die USA schlagen, dafür ist die Defensive der Afrikanerinnen einfach zu zweitklassig, auch wenn sie ganz vorne erstklassig spielen können. Die USA wird dieses Spiel gewinnen und damit auch die Gruppe. Obwohl Schweden – Australien wie eine 50/50-Begegnung ausschauen mag, denke ich doch, dass sich die größere Routine der Schwedinnen am Ende deutlich durchsetzen wird. Lotta Schelin wird endlich sichtbar sein und beim 3:1 (wie 2011) ein oder zwei Tore beisteuern. Australien ist Dritter der Gruppe mit 4:6 Toren.

Gruppe E

Unerwartet, dass Brasilien nach zwei Spielen als Gruppensieger feststeht. Eine der beiden großen Enttäuschungen des Turniers: Spanien. Südkorea, stark und technisch wie erwartet mit der dritten Überraschungsmannschaft Costa Rica. Hier kommt es zur ersten dicken Sensation des Turniers in der Frage des Weiterkommens. Denn Südkorea hat alle Chancen, die Spanierinnen aus dem Turnier zu kicken. Und wird es auch tun.Brasilien gewinnt mit einer B-Besetzung dennoch 2:1 gegen Costa Rica. Brasilien geht als Erster ins Achtelfinale und Südkorea ist Zweiter. Dritter wird Costa Rica mit 4:5 Toren und lediglich zwei Punkten. Ein ehrenwertes Ticket nach San José.

Gruppe F

Mon chere, die Französinnen. Wieder sind sie DIE Enttäuschung eines großen Turniers. Nicht sehr überzeugend gegen England und schwach wie eine Flasche leer gegen Kolumbien. Ich vermute, dass man längst mit einem Psychologenteam arbeitet an der Turnierpsychose, die die Blauen regelmäßig überfällt, wenn es um WM, EM oder Olympia geht. Potentiell eines der besten Teams der Welt. Aber: Warum hat PSG vorwiegend deutsche Spielerinnen und selbst dazu noch zwei Schwedinnen und eine Costa Ricanerin? Warum sind die wichtigsten Spielerinnen von Olympique Lyonnais eine Schwedin und eine Norwegerin? Die restlichen Vereine haben nur statistische Bedeutung in der Liga. Leidet der französische Fußball vielleicht auch darunter? Noch ist Frankreich nicht verloren. Gegen Mexiko muss und wird es einen Sieg geben. Das reicht dann doch noch für den Gruppensieg, denn Kolumbien und das wie so oft vor sich hin rumpelnde England trennen sich unentschieden. Damit ist England Dritter in Gruppe F mit  3:3 Toren und vier Punkten.

Somit tippe ich folgendes Achtelfinale:

Deutschland – Schweiz
China – Kamerun
Brasilien – Schweden
Frankreich – Südkorea
Kanada – Australien
Norwegen – Kolumbien
USA – England
Japan – Niederlande

Schweden und Australien mit guter Ausgangsposition

Sowohl Schweden (0:0 gegen die USA) und Australien (2:0 gegen Nigeria) können sehr zufrieden mit dem gestrigen Tag sein. Beiden Teams dürfte ein Unentschieden reichen, um als Zweiter bzw. einer der vier besten Dritten das Achtelfinale zu erreichen. Aber 24er Felder haben es in sich. Auch wenn die jeweils letzten Begegnungen einer Gruppe parallel stattfinden, um Spielen auf Ergebnis zu verhindern, sind natürlich dem Hin- und Herrechnen von Resultaten Tür und Tor geöffnet.

2009 sah ich in Helsinki (bei der EM in einem 12er Feld) die Partie Norwegen – Frankreich. Beiden reichte ein Unentschieden, um das Viertelfinale zu erreichen. Man spielte Eine halbe Stunde lang fröhlich drauf los, bis beim Stand von 1:1 die Erkenntnis auf beiden Seiten wuchs, dass das ja reicht. Die letzte Stunde war ein Ballgeschiebe auf beiden Seiten, das entfernte Erinnerungen an die “Schande von Cordoba” weckte, als deutsche und österreichische Männer 1982 bei der WM in Spanien beim Stand von 1:0 für Deutschland nach 13 Minuten Schluss machten und mit gellenden Pfiffen, aber ungerührt auf beiden Seiten auf genau dieses Ergebnis spielten.

So schlimm wird es bei Australien – Schweden sicher nicht. Aber möglich wäre es, dass das Spiel kein Reisser wird. Allerdings müsste Schweden vielleicht doch auf Sieg spielen, denn der dritte Platz in Gruppe D könnte bedeuten, dass man im Achtelfinale in Ottawa auf Deutschland treffen würde.

Nigerias Chancen sind leider minimal. Sicher,  bei einem wie auch immer gearteten Sieg gegen die USA ist man weiter, aber wer glaubt im Ernst daran. Die nigerianische Abwehr ist schwach und gestern kamen auch die neuen, jungen Stars wie Asisat Oshoala selten zu Momenten, in denen sie ihre Athletik und Schnelligkeit unter Beweis stellen konnten. Australien war taktsch sehr gut eingestellt.

Dass die Schweizerinnen mit 10:1 den dritthöchsten Sieg der WM-Geschichte gegen ein desolat schlechtes Equador feierten, ist leider keine Überraschung. Equador hätte Probleme, in der zweiten schwedischen oder deutschen Liga die Klasse zu erhalten. Was zu der Vergabe von WM-Plätzen an solche Schiessbudenteams zu halten ist, habe ich bereits gesagt.

Caroline Seger war stocksauer, dass Schiedsrichterin Sachiko Yamagishi angeblich kein Englisch konnte. Man hätte doch allen Spielerinnen gesagt, dass alle Schiedsrichter auf  Englisch kommunizieren könnten. Carli Lloyd war sauer auf Pia Sundhage wegen ihrer Äusserungen in dem umstrittenen New York Times Interiew, das am Mittwioch erschienen war. Darin hatte Sundhage u.a. behauptet, dass Lloyd zu den besten gehören würde, wenn sie das Vertrauen des Trainers spüren würde, wenn das nicht der Fall sei, könne sie sehr schlecht sein.

Carli Lloyd sagte, dass sie von Sundhage bitter enttäuscht sei. Sie habe 2008 im Finale der Olympischen Spiele Sundhages Vertrauen gehabt und ihr entscheidend geholfen, die Goldmedaille zu gewinnen. 2012 hätte Sundhage kein Vertrauen gehabt, aber Lloyd habe trotzdem abermals entscheidend geholfen, die Goldmedaille zu gewinnen. In den beiden olympischen Endspielen 2008 gegen Brasilien und 2012 gegen Japan schoss die USA drei Tore – alle erzielt von Carli Lloyd.

Hope Solo und ihre Vorbildfunktion

Pia Sundhage erklärte gestern, dass alle Spielerinnen, über die sie gesprochen habe Vorbilder als Spielerinnen und allgemein als Frauen wären. Im Fall Hope Solo habe ich da meine Zweifel.

Sicher, auch ich halte sie für die beste Torhüterin der Welt und sie ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Sports und ich warte noch immer auf die Gelegenheit zu einem längeren Interview mit ihr. Aber der amerikanische Sportsender ESPN hat erst vor wenigen Tagen einen längeren Artikel über die Ereignisse im Juni 2014 veröffentlicht.

Solo wurde demnach am 21.06.2014 nach einem Anruf wegen angeblich häuslicher Gewalt von Polizeibeamten in Seattle festgenommen und, weil sie erheblichen Widerstand leistete, zu Boden gedrückt und mit Handschellen versehen. Laut Polizeiprotokoll schrie sie: “Du bist solch eine Hure. Du hast Angst vor mir, denn du weißt genau, wenn die Handschellen nicht da wären, würde ich dich fertigmachen.”

Gebeten eine Halskette zu entfernen, rief sie einem anderen Polizisten zu, die Kette sei mehr wert, als was der Polizist im ganzen Jahr verdienen würde. Solo hat in einem Fernsehauftritt in der Sendung “Good Morning, America” erklärt, sie sei keine Täterin, sondern ein Opfer, eine fälschlicherweise angeklagte Athletin, die jetzt von der Wahrheit befreit worden sei.

Die Staatsanwaltschaft soll bis zum 13.07. ihre Darstellung des Falles vorlegen und Solos Anwälte können dann bis zum 10.08. darauf antworten. Am 11.09.soll eine mündliche Vorverhandlung stattfinden.

Bei der WM haben die Presseverantwortlichen des amerikanischen Teams alle Journalisten deutlich bis scharf darauf hingewiesen, dass man Hope Solo keine Fragen hierzu stellen darf und dass Journalisten, die das doch tun von den Teampressekonferenzen und Spielerinnengesprächen ausgeschlossen würden.

Im Juni 2014 soll Hope Solo in angetrunkenem Zustand ihre Halbschwester Teresa Obert und deren damals 17-Jährigen Sohn misshandelt haben. In Good Morning, America schob Solo die Schuld auf ihren Neffen. Der sei 2,03 Meter groß und Solo (1,75 m) stellte die Sache so dar, dass man einen so großen männlichen Jugendlichen als Frau gar nicht misshandeln könnte. Diese öffentlichen Äußerungen brachten nun wiederum Teresa Obert auf die Palme.

Laut ESPN, dass Zugang zu Polizeiakten hatte, hatte Hope Solo am Ärger mit ihrem Mann Jeremy Stevens am Abend des 20.06. Sie kündigte sich bei ihrer Halbschwester an und wartete in ihrem Auto auf Obert und deren Sohn. Die beiden Frauen tranken mehrere Gläser Wein. Danach kam es zu einem sich steigernden Streit. Solo soll Oberts Sohn beschimpft haben, sich auf ihn gestürzt haben und seinen Kopf mehrfach auf den Zementboden geschlagen haben. Solo sagte selber beim Eintreffen der Polizei, dass ihr Neffe sie attackiert habe. Die Polizei hörte sich die Aussagen vor Ort an und da Solos Neffe mehrere Verletzungen aufwies, Hope Solo aber nur sehr lindrige, dass es genügend Anlass gebe, die amerikanische Nationaltorhüterin festzunehmen. Im Untersuchungsgefängnis kam es dann zu Solos Bemerkung zu einer Wächterin, sie würde sie fertigmachen, wenn sie keine Handschellen hätte. Hopes Anwalt Maybrown erklärte hierzu, seine Mandantin sei wütend gewesen, wir alle wären wütend, wenn wir unschuldig festgenommen würden. Das Verhalten Solos, ihr unsteter Gang, das sie Polizeibeamten auf übermäßigen Alkoholgenuss zurückführten (auch ihre angebliche Alkoholfahne wurde von zwei Beamten notiert) führte der Anwalt auf eine Gehirnerschütterung zurück, die Solo durch einen Schlag ihres Neffen zugefügt worden sei.)

Eine Woche nach dem Vorfall in Seattle wurde Hopes Ehemann Jeremy Stevens an der Ostküste der USA festgenommen, weil er mit Alkohol am Steuer gesessen hatte. Dummerweise fuhr er einen Minibus, der dem amerikanischen Fußballverband gehörte und dummerweise saß Hope Solo auf dem Beifahrersitz. Wenn sie in “Good Morning, America” sagt, dass wir alle Fehler machen würden und wir alle ein recht auf Wiedergutmachung hätten, dann stimme ich dem zu. Allerdings fällt gerade im Fall der vielleicht besten Torhüterin der Welt die Häufigkeit von ernsten Fehlern auf.

Wenn man jedoch ihre Autobiographie “A Memoir of Hope” gelesen hat, dann weiß man, dass Solo es niemals leicht im Leben hatte. Ihr Vater war während ihrer Kindheit und Jugend meist obdachlos, mit ihrem Bruder hatte sie eine jahrelange destruktive Beziehung, in der sie ständig geschlagen und getreten wurde.

Hier sind möglicherweise viele der aktuellen Ereignisse um die weltberühmte Spielerin verwurzelt. Diese Woche gab es wieder Schlagzeilen, nachdem der prominente ESPN-Moderator Keith Olbermann gefordert hatte, dass Hope Solo von der WM ausgeschlossen werden müsste. Wäre dies im amerikanischen Football passiert, so ist sich Olbermann sicher, hätte es eine sofortige Suspendierung gegeben.

Pia Sundhage erklärt

Nach dem am Mittwoch in der New York Times veröffentlichten Interview, in dem Pia Sundhage u.a. über Carli Lloyd, Abby Wambach, Hope Solo und Amy Rodriguez nicht nur positiv gesprochen hat, gab es naturgemäß eine Reihe Fragen von der versammelten schwedischen Presse bei der gestrigen Pressekonferenz in Winnipeg.

Sundhage begann ihre Antwort mit der Frage: “Was habe ich in dem Interview denn gesagt?” und lachte dann ihr entwaffnendes Lachen. Anschließend erklärte sie, dass das Interview im März stattgefunden habe.

“Der Kontext des Interviews war, dass es um die Zukunft des Frauenfußballs ging. Wenn man sich Carli Lloyd anschaut, eine meiner Lieblingsspielerinnen… Der Grund dafür, dass ich hier sitze, ist die USA. Sie haben mich als eine gute Trainerin aussehen lassen. Carli Lloyd hat für mich spielentscheidende Tore gemacht. Sie ist eine Spielerin, die sehr viel klüger ist als ich. Die Botschaft, die ich ihr zu geben versucht habe, an die hat sie oft gedacht, aber manchmal machte sie nicht das, was wir machen sollten. Sie ist eine Teamspielerin und sie hat viele Tore geschossen und ist eine der wichtigsten Spielerinnen, die ich gehabt habe. Ich könnte viele Beispiele geben. Manche Spielerinnen zu haben, ist eine Herausforderung. Aber es sind auch diese Spielerinnen, die dir Siege und Goldmedaillen bringen. Diejenigen, die genau das tun, was ich sage, sind nicht immer gleichermaßen gut.”

Über Abby Wambach hieß es in dem NYT-Interview, dass sie heute bei Sundhage nur noch Ersatzspielerin wäre. Auf der gestrigen Pressekonferenz sagte Pia: “Abby ist in vieler Hinsicht speziell, nicht zuletzt durch ihr Kopfballspiel. Ich glaube, sie kann weitermachen, bis sie 40 ist. Auch hier habe ich in einem größeren Kontext geantwortet. Ich habe erklärt, dass ich zu ihr gesagt habe: ‘du hast deine Rolle am Anfang von Spielen und am Ende von Spielen’. In meinem Fall hätte ich sie als ein Ass im Ärmel gehabt und sie am Ende von Spielen gebracht. Wie sie jetzt ausgesehen hat, würde ich sie jedoch von Anfang an spielen lassen, so gut war sie.”

Über Hope Solo hatte Sundhage gesagt, dass sie aufgrund der vielen Ereignisse in ihrem Privatleben  eine Herausforderung sei. Nun: “Hope Solo? Sie ist ein Stück Arbeit. Um sie herum passieren Sachen außerhalb des Spielfelds. Aber auf dem Platz ist sie die beste Torhüterin der Welt. Sie hat einen schweren Weg gehabt.”

Ob sie denn den Nervenkrieg mit den Amerikanerinnen durch das Interview habe anstacheln wollen, wurde sie gefragt?

“Überhaupt nicht. So schlau bin ich nicht. Ich antworte lediglich auf Fragen und weil ich erzählen will, wie toll Frauenfußball ist. Ich will, dass es mehr Interesse am Frauenfußball gibt. Wenn ich immer nur dieselben Antworten geben würde, wäre das langweilig. Ich möchte dem Frauenfußball das geben, was er wirklich verdient. Deshalb habe ich über Hope Solo, Carli Lloyd und eine Menge anderer Spielerinnen geredet, die ich für fantastisch halte. Das sind Vorbilder für den Fußball und ganz allgemein für Frauen. Ich kriege zu hören, dass ich zu viel rede. Aber was ist das Schlimmste, was passieren kann? Ich kriege eine weitere Frage von euch. Was auch immer passiert, morgen ist ein neues Spiel.”

Deutschland praktisch Gruppensieger

Der angepeilte Gruppensieg ist der deutschen Mannschaft bei der Fussball-WM in Kanada kaum noch zu nehmen. Nach dem 1:1 gegen Norwegen in Ottawa müssten die Norwegerinnen schon die Elfenbeinküste mit 8:0 schlagen und Deutschland nicht über ein 1:0 gegen Thailand hinauskommen.

Es spricht also vieles dafür, dass Deutschland am Samstag, den 20. Juni um 16.00 Uhr Ortszeit dann zum dritten Mal im Lansdowne Stadion von Ottawa einlaufen wird. Gegner könnten dann die Niederlande, China, Kamerun, Schweden, Nigeria oder Australiern sein. Das Viertelfinale für den Sieger dieser Begegnung findet im knapp drei Stunden entfernten Montreal statt, wo auch ein eventuelles Halbfinale für Deutschland angesetzt würde. Erst zum Finale am 5. Juli müsste man dann wieder in ein Flugzeug steigen und nach Vancouver weit in den Westen fliegen.

Nadine Angerer zeigte sich im Interview mit der Homepage des DFB begeistert von der Leistung in der ersten Halbzeit. Die Norwegerinnen hätten nicht mehr gewusst, wo hinten und vorne sei. Allerdings vermasselte dann die mangelhafte Chancenauswertung den Deutschen den Sieg. Über das deutliche Nachlassen in der zweiten Halbzeit sagte Angerer: “Ich möchte nicht ständig auf dem Thema Kunstrasen herumreiten, aber er ist sehr stumpf und hart. Das ist energieraubend. Wenn es 20 Grad Außentemperatur sind, sind da unten durch die Unmengen von schwarzem Granulat 40 Grad. Das ist super heiß. Unser Spiel ist sehr kraftraubend und auf so einem Boden natürlich doppelt und dreifach”

Maren Mjelde wars natürlich hoch zufrieden nach ihrem spektakulären Freistosstor: “Ich bin sehr glücklich, dass er reingegangen ist, und vor allem natürlich gegen Deutschland. Ich habe den ganzen letzten Monat sehr viel geübt,” sagte sie nach dem Spiel zu Bergens Tidende. “Wir wissen, dass wir mental stark sind und gute Fähigkeiten haben. Wir haben darüber gesprochen, dass wir in allen Zweikämpfen auf dem Platz stark sein müssen, weil sie uns da überall geschlagen haben. Wir mussten schneller sein und haben das Spiel nach der Halbzeitpause besser kontrolliert.”