Schweden geht unter – 0:4 in Hartlepool


Schon die mediale Begleitung des Länderspiels England – Schweden in Hartlepool hätte schlechter kaum sein können. Keine TV-Übertragung weder auf der Insel noch in Schweden. Lediglich ein Audiolivestream der BBC, den ich nach einer guten halben Stunde bekam, der nicht im Internet Explorer funktionerte, aber in Google Chrome.

Und die Engländerinnen schenkten Schweden gehörig ein. 4:0 hiess es am Ende und glaubt man den Kommentatorinnen der BBC, hätte sich Pia Sundhage auch nicht über ein 0:5 oder 0:6 beklagen können. „Ich erkenne meine Nationalmannschaft nicht wieder,“ sagte denn auch Sundhage der Zeitung Aftonbladet per Telefon. Selbst die grossen schwedischen Zeitungen, die über Reisebudgets verfügen, hatten den Weg nach Hartlepool gescheut. Man kommt auch nicht so leicht dahin. Die Schwedinnen reisten von Stockholm nach Amsterdam, dann nach Newcastle und schließlich weiter mit dem Bus. Kaum denkbar, dass eine Schwedin nach dieser Klatsche nochmals nach Hartlepool möchte.

Hedvig Lindahl, die umstrittene unumstrittene Nummer 1 im schwedischen Tor (nach dem Rücktritt von Kristin Hammarström und dem Bandscheibenvorfall von Sofia Lundgren gibt es auch derzeit keine Alternative) feierte ihr 100. Länderspiel, bekam aber nur den Nachschuss von Karen Carneys Elfer rein in der ersten Halbzeit. Dafür musste Ersatzfrau Carola Söberg (Avaldsnes IL) in der zweiten Halbzeit nach weiteren Toren von Karen Carney, Lianne Sanderson und der Debütantin Fran Kirby gleich dreimal die Kugel aus dem Netz holen. Kirby spielt in der zweiten englischen Liga bei Reading und wurde gleich auch noch zum „Player of the match“ gewählt.

Eni(ola) Aluko traf die Querlatte, während die fast in Bestbesetzung aufgelaufenen Schwedinnen nur halbe Chancen hatten. Sundhage vermisste vor allem das, was sie auf guit Schwedisch als „jävlaranamma“ bezeichnete, in Deutschland würde man wohl Kampfgeist sagen. Lediglich Hanna Folkesson bescheinigte Sundhage eine akzeptable Leistung.

„Eigentlich sind vier Tore nicht die Welt. Aber die Art, in der wir spielen und verlieren. Das werde ich thematisieren. Ich werde thematisieren, wie wir zusammenarbeiten. Das war unser Gütesiegel während der WM-Quali und davon habe ich heute nichts gesehen,“ so Sundhage, die das Spiel am liebsten sofort vergessen möchte.

Nachdem die Schwedinnen bereits in Frankreich unter die Räder gekommen sind, war dies nun der zweite Denkanstoß für Sundhage und Co-Trainerin Lillie Persson. Sobald es gegen Gegner geht, die auf Augenhöhe sind, wird es schwer, sehr schwer. Da sind die Siege gegen eine angeschlagene USA (1:0) und gegen das in der WM-Quali arg strauchelnde Dänemark (2:0) an der Algarve auf der einen Seite, die Niederlagen gegen Japan (1:2) und selbst im Spiel um Platz 3 gegen Island (1:2) auf der anderen, dunkleren Seite in diesem Jahr.

Pia Sundhage hat nach achtzehn Monaten noch nicht das Wunder vollbracht, das sich alle (und sie selbst wohl auch?) von ihr erwarten. Und natürlich braucht sie mehr Zeit. Aber sie scheint auf der Stelle zu treten. Es ist um vieles leichter, in den USA erfolgreich zu sein, wo ganz andere Ressourcen vorhanden sind und wo man überdies ein Reservoir von 50-60 Klassespielerinnen hat, aus dem man mehr oder minder frei auswählen kann, als im kleinen Schweden, in dem es doch auf einigen Positionen nicht unbedingt Weltklasse gibt. Für die WM-Quali wird es locker reichen, denn im Frauenfußball ist die internationale Leistungsdichte eher dünn. Selbst Polen und stärker werdene Schottinnen werden Schweden nicht annähernd gefährden können.

Mit Therese Sjögran (37), Sara Thunebro (35), Hedvig Lindahl (31), Nilla Fischer (30), Lotta Schelin (30) und Caroline Seger (29) kommen einige Leistungsträgerinnen allmählich in die Jahre,im Fall von Sjögran und Thunebro sagt die Tatsache, dass beide unumstrittene Startplätze haben, leider auch einiges über die mangelnde Konkurrenz.

Mit Sofia Jakobsson, Lina Nilsson, Amanda Ilestedt, Antonia Göransson gibt es eine Reihe von Spielerinnen, deren vielversprechendes Talent zumindest bislang den Durchbruch zu internationaler Topklasse noch nicht geschafft hat und wo allmählich Zweifel angebracht sind. Ilestedt gehört der U19-Goldelf von 2012 an, da gibt es noch mehr Talent, aber Elin Rubensson war verletzt und Magdalena Ericsson etwa bekam nicht den Vorzug vor Thunebro, leider. Fridolina Rolfö war erstmals dabei, wird sicher eher froh sein im Nachhinein, dass sie nicht zu ihren ersrten Minuten kam, denn bei einer 0:4 Schlappe zu debütieren, tut keiner gern, da bleibt den Trainerinnen auch nichts Gutes in Erinnerung.

Lina Hurtig und Marija Banusic sind zwei Goldkörner, zwei Offensivtalente internationaler Klasse, aber sie müssen beide geführt werden. Hurtig spielt in dieser Saison lange nicht so gut wie vergangenes Jahr und Banusic, deren Ballannahme und Schusstechnik schon mit 16 sensationell war, muss noch physisch dazulegen,muss aber auch geführt werden, dann könnte aus ihr ein Weltstar werden Ob Sundhage sie für die WM schon so weit bringt, scheint zweifelhaft, da weder Hurtig noch Banusic bislang Berücksichtigung in der A-Nationalmannschaft gefunden haben.Gegen Brasilien vergangenes Jahr waren sie im Kader, wurden aber nicht eingesetzt. Banusic wäre im Übrigen erst die zweite Spielerin mit Migrationshintergrund, die es in die Natio schaffen würde. Damit tut Schweden sich im Frauenbereich bislang sehr schwer. Lediglich Kosovare Asllani hat das geschafft, aber Asllani wirkt auch sehr integriert und angepasst und frei von jedweden Ecken und Kanten. Oft wird kritisiert, dass es Schweden zwar im Männerbereich toleriert, wenn jemand „anders“ als die Norm ist, man denke nur an Zlatan Ibrahimovic, der sich viele Dinge erlauben kann, bei denen nahezu alle anderen in der gesellschaftlichen Debatte ausgescholten würden. Von Frauen, so scheint es bisweilen, verlangt man im System jedoch mehr Anpassung und duldet weder Temperamentsausbrüche noch eine über einen kleinen Rahmen hinausgehende Individualität

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