Portugals zwei Welten

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Claudia Neto und Carolina Mendes am vergangenen Sonntag

Heute Abend spielt die portugiesische Nationalmannschaft der Männer gegen Wales um den Einzug ins EM-Finale. CR7 – Cristiano Ronaldo –lässt dabei niemanden kalt. Abgöttisch geliebt und bodenlos verachtet.

 

CN12?

So wie Ronaldo der mit Abstand beste Spieler seines Landes ist, so ist das Claudia Neto bei den Frauen. Die 28-Jährige aus dem idyllischen Ort Portimão an der Algarve hat als Erwachsene in Portugal nie Fußball gespielt, außer in der Nationalmannschaft.

Claudia spielte eine Saison lang Futsal, dann ging sie nach Spanien, zuerst nach Saragossa, fast 1.100 km entfernt von Portimão, da blieb sie fünf Jahre, bis es sie dann nach Barcelona zu Espanyol verschlug.

2014 im Sommer wurde sie von Linköpings FC geholt.

„In Claudia bekommen wir eine Spielerin, die ihre besten Eigenschaften in der Offensive hat mit ihrer feinen Technik und ihrem Gefühl für das Spiel. Sie hat große internationale Erfahrung durch ihre Einsätze für Portugals Nationalmannschaft. Sie wird eine interessante Neuverpflichtung sein für unseren Kader und ihre Eigenschaften passen gut zu unserer Spielweise,“  sagte Trainer Martin Sjögren zu der Verpflichtung.

Er wusste damals wohl nicht, wie Recht er hatte. Denn Claudia Neto schaffte es sofort in die Startformation und sie spielte so gut, dass sie dort auch nicht mehr wegzubekommen war, bis heute. 2015 wurde sie als eine der besten Mittelfeldspielerinnen auf der alljährlich stattfindenden Fußballgala nominiert – neben Malin Diaz Pettersson und Caroline Seger.

Die meisten Spielerinnen der portugiesischen Frauennationalmannschaft spielen in der Heimat bei Traditionsvereinen (der Männer) wie Benfica und Sporting. Im Ausland sind derzeit: Carole Costa, die beim BV Cloppenburg in der zweiten Staffel Nord spielt, Raquel Infante, die beim finnischen Erstligisten Åland United auf den Åland-Inseln spielt, Monica Mendes, die beim FC Neukirch in der Schweiz verteidigt, Suzane Pires in Brasilien bei Santos und Ana Borges bei den Chelsea Ladies. Hinzu kommen die beiden „Schwedinnen“, Caroline Mendes, die gerade erst aus Russland zu Djurgården kam und meist auf der Bank sitzt und eben Claudia Neto, die spielt und spielt und die Fäden zieht bei Linköping.

Am Sonntag nach dem Spiel bei Djurgården, bei dem Carolina Mendes und Claudia Neto wohl zum ersten Mal in ihrer Karriere gegeneinander gespielt haben, habe ich mich mit Claudia kurz unterhalten.

Wie fandest du das Spiel bei Djurgårde, ihr habt 1-0 gewonnen, es war ganz schön hart?

„Ja, es war ganz schön hart, aber das Wichtigste ist, dass wir drei Punkte gewonnen haben.. Wir hatten eine ganze Menge Chancen, haben aber ganz einfach keine Tore daraus gemacht. Das passiert manchmal, so ist das im Fußball.“

Vor zwei Jahren bist du nach Schweden gekommen, den Vertrag mit Linköping hast du vorzeitig verlängert, es läuft richtig gut hier?

„Ich bin sehr zufrieden hier. Ich konnte habe alle Spiele absolviert, was natürlich gut für mich ist. Ich will der Mannschaft in jedem Spiel helfen.“

Die portugiesischen Medien haben ein wenig angefangen, sich für Claudia und damit dem Frauenfußball zu interessieren. Aber es ist noch ein weiter Weg.

„Wir träumen davon, an einer Endrunde teilnehmen zu können,“ hat sie vor ein paar Jahren gesagt, aber auch an der EM 2017 wird Portugal nicht teilnehmen, zu groß bereits der Rückstand auf den großen Nachbarn Spanien und auch auf Finnland. Selbst Irland ist noch vor den Südeuropäerinnen.

Warum seid ihr in Linköping so viel besser als letztes Jahr, wo ihr im Prinzip denselben Kader hattet? Ist die Erklärung, dass ihr jetzt ein klares 4-3-3 spielt mit Pernille (Harder), Stina (Blackstenius) und Fridolina (Rolfö) da vorne?

„Das Spielsystem passt uns besser, ja. Und alle drei Forwards sind wirklich sehr schnell und das führt dazu, dass wir einfach mehr Raum haben, in den wir spielen können.“

Wie siehst du deine eigene Rolle im Spiel?

Ich habe eine sehr technische Rolle. Ich versuche, meine Räume im Mittelfeld abzudecken und ein gutes Gleichgewicht zwischen Abwehr und Angriff herzustellen.“

 

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Kader gegen Polen

Es bleibt dabei, ich kann mich mit Pia Sundhages und Lillie Perssons Personalpolitik nicht anfreunden und ich verstehe sie auch nicht. Oder, ich beginne sie zu verstehen, halte sie aber teilweise für falsch.

Gestern Nachmittag um 14.00 Uhr gab Sundhage auf einer Pressekonferenz des schwedischen Fußballverbands in Solna den Kader für das am 21.08. in Gdansk stattfindende WM-Qualifikationsspiel gegen Polen bekannt.

Nominiert sind:

Tor: Hedvig Lindahl (Kristianstads DFF), Carola Söberg (Avaldsnes IL/N), Stephanie Öhrström (Bardolino Verona)
Abwehr: Emma Berglund (Umeå IK), Amanda Ilestedt (FC Rosengård), Lina Nilsson (FC Rosengård), Marina Pettersson Engström (KIF Örebro), Linda Sembrant (Montpellier), Sara Thunebro (Eskilstuna)
Mittelfeld und Angriff: Emilia Appelquist (Piteå IF), Kosovare Asllani (PSG), Marija Banusic (Kristianstad), Lisa Dahlkvist (Avaldsnes IL), Hanna Folkesson (Umeå), Malin Diaz Pettersson (Eskilstuna), Antonia Göransson (Vittsjö), Sofia Jakobsson (Montpellier), Emma Lundh (AIK), Lotta Schelin (Lyon), Olivia Schough (Rossiyanka), Caroline Seger (PSG), Therese Sjögran (Rosengård)

Der Kader umfasst 23 Spielerinnen, gegen England zuletzt waren Öhrström, Pettersson Engström, Banusic und Schough nicht dabei. Rausgeflogen aus dem Englandkader sind Magdalena Ericsson, Nilla Fischer (Gesperrt), Fridolina Rolfö, Jenny Hjohlman und Elin Wahlström.

Sundhages und Perssons Ärger nach dem 0:4 gegen England, als die dem Team mangelnden Kampgeist vorwarfen, nach dem Spiel aber „ein sehr gutes Gespräch“ hatten, hat sich also vor allem auf diejenigen ausgewirkt, die gegen England gar nicht gespielt haben. Rolfö und Wahlström durften erstmals schnuppern und sind erst gar nicht wieder dabei. Nun dürfen Banusic und Pettersson Engström wiederkommen, aber es ist mehr als zweifelhaft, ob etwa Marija Banusic nur eine einzige Spielminute bekommen wird. Denn Pia Sundhages Personalpolitik beinhaltet, dass sie junge Spielerinnen mal dazukommen lässt, dann aber wieder mit Arbeitsaufträgen zurückschickt. Sowohl im Fall Rolfö wie auch schon jetzt wieder vorab bei Banusic hat sich die Trainerin kritisch über die Physis der Nachwuchstalente geäußert.

Sonderlich viel Mut zu Neubesetzungen hat Pia Sundhage auch schon nicht als Trainerin der USA gehabt. Christen Press etwa, die ich für eine der weltbesten Stürmerinnen halte, bekam unter Sundhage keine einzige Spielminute und kam dann erst unter dem bereits geschassten Nachfolger Tom Sermanni zum Spiel und erzielte gleich in ihrem ersten Länderspiel zwei Tore. Seitdem ist sie in der Truppe neben Abby Wambach, Sydney Leroux und Alex Morgan nicht mehr wegzudenken.

Pia Sundhage hatte in den Trainingslagern vor der EM jeweils weibliche Persönlichkeiten aus anderen Bereichen dabei, etwa Schauspielerin Inger Nilsson (Pippi Langstrumpf), Skiolympiasiegerin Anja Pärson oder Sängerin Louise Hoffsten oder Hochspringerin Kaisa Bergquist. Sie ist bekanntermaßen immer wieder für einen alten Klassiker auf ihrer abgewetzten akustischen Gitarre gut, aber was Personalentscheidungen angeht, zeigt sie ähnlich viel Loyalität wie ihr Vorgänger Thomas Dennerby zu seinen Favoritinnen.

Sara Thunebros defensive Qualitäten werden mit den Jahren nicht besser, mit Magdalena Ericsson gibt es hier eine 14 Jahre jüngere, interessante Alternative, die man aufbauen sollte, anstatt sie durch Nominierungen und Streichungen, rein und raus, zu verunsichern. Bei der WM in Kanada wird Thunebro nicht unbedingt schneller sein als heute.

Die ständigen Nominierungen von Sofia Jakobsson, Antonia Göransson und Olivia Schough zuungunsten von hochtalentierten Akteuren wie Lina Hurtig, Fridolina Rolfö, Marija Banusic, Jenny Hjohlman sind ebenfalls kaum nachzuvollziehen. Schough, so wird in Spielerkreisen gemunkelt, wird vorwiegend als Spaßmacherin, analog zu Lukas Podolski in der deutschen Männermannschaft, nominiert. Als Stürmerin hatte sie bei ihren letzten beiden Vereinen Bayern München und Kopparberg/Göteborgs FC keinen Stammplatz.

Auch Sofia Jakobssons Karriere ist sichtlich abgebremst. Aus der Überfliegerin der U19-EM 2009, die Schweden damals mit drei Toren im Halbfinale gegen Frankreich ins Finale schoss ist ein Dauertalent geworden, das im Wesentlichen von den nun fünf Jahre alten Meriten lebt. Dennoch kassiert sie Nominierung nach Nominierung.

Antonia Göransson kam in Potsdam kaum aufs Feld in der letzten Saison, weshalb sie auch letztlich nach Vittsjö gegangen ist. Auch ihr ist der Durchbruch in der Natio noch nicht gelungen.

Und so muss Sundhage weiterhin auf die 37-Jährige Therese Sjögran setzen, die jedwede Konkurrenz von Jakobsson, Schough oder Göransson mit der linken Hand lässig abwinken kann, weil sie einfach besser als die Drei ist und inzwischen neben Lotta Schelin zweite Spitze spielt.

Würde es gelingen, Marija Banusic zu entwickeln und zu integrieren, würde Sjögran ins Schwitzen kommen. Denn die weniger als halb so alte Banusic ist eine unglaublich treffsichere Stürmerin mit einem Klasseschuss – rechts wie links. Natürlich muss sie noch dazu lernen, aber die Gelegenheit dazu gibt man ihr bislang nicht. Vielleicht nach der WM.

Und so redet man sich das 0:4 dann doch schön. Man wisse, dass man viel besser sei. Ein schlechtes Spiel mache eine gute Mannschaft nicht vom einen auf den anderen Tag zu einer schlechten. man habe gute Gespräche gehabt. Dabei wurde Schweden dieses Jahr schon vier Mal besiegt, sehr klar durch Frankreich und England und knapp von Japan und Island (!). Und auch die Niederlagen gegen Frankreich und Island waren diskutabel. Frankreich in der Vorsaison und ohne einige Stammspielerinnen, aber man kann sich fragen, warum Sundhage und Persson einen Termin gegen Frankreich akzeptieren, an dem die eigene Mannschaft also quasi mit Ansage durcheinandergewirbelt und abgeschossen wird. Warum das eigene Selbstvertrauen schwächen und das der Französinnen für 2015 aufbauen?

Die WM-Quali wird kein Problem. Bei der WM aber wird es, auch mit Pia Sundhage, wohl kaum eine Medaille geben, wenn den Arrivierten nicht mehr Druck gemacht wird. Vergessen wir nicht, dass es die Leistungsträgerinnen waren, der Kern der Mannschaft, der am Sonntag in Hartlepool untergegangen ist und keine Führungsspielerin hat in irgendeiner Weise das Blatt wenden können. Das ist kein gutes Zeichen.