„Ein ganz spezielles Jahr“ – Meghan Klingenberg im Gespräch

Bei den Olympischen Spielen war sie eine von vier Reserven im amerikanischen Team. Danach kam sie mit Pia Sundhages Assistenztrainer Tony Gustavsson, der Tyresö FF übernahm, nach Schweden und absolvierte acht Meisterschaftsspiele mit ihre´m neuen Verein, an deren Ende der Gewinn der schwedischen Meisterschaft stand.

Ich habe mich mit Meghan Klingenberg über ihre Saison unterhalten. Kannst du erst mal deine Version des Spiels in Malmö geben?

Ich denke, das Spiel war eine unglaubliche Weise, die Saison zu beenden. Für uns als Mannschaft aber auch für die schwedische Liga im Allgemeinen. Das Publikum war unglaublich und während des gesamten Spiels deutlich zu hören und ich denke, sie haben einen Gegenwert für ihr Geld bekommen, egal für wen sie letztlich waren. Das Spiel war sehr emotional, aber ich denke wir haben es gut gemacht, das Spiel kontrolliert so gut es ging. Der Elfmeter hätte uns zerbrechen können, aber wir haben weiter gespielt.

Maddes Tor dann war die reine Freude. Es war gut herausgespielt und wir hatten eine Weile lang ordentlichen Druck gemacht und Madde hat das toll gelöst, sich von ihrer Gegenspielerin zu lösen. Ich liebte ihren Gesichtsausdruck nach dem Tor. Das war eine Mischung aus Freude, Überraschung und Erleichterung.

Meghan Klingenberg und Marta (links) feiern den Meisterschaftsgewinn in Malmö

Der Schlusspfiff dann war aufregend. Aufregung für unsere Mannschaft, unseren Verein, unsere Fans und nicht zuletzt unseren Zeugwart, der immerhin schon 25 Jahre dabei ist.

Meghan Klingenberg hat in der amerikanischen Frauenfußballkaderschmiede North Carolina studiert und für die legendären Tar Heels gespielt. Die haben von 28 NCAA-Meisterschaften 20 für sich entschieden und Stars wie Kristine Lilly und Mia Hamm hervorgebracht. Selber ist sie 1,57 m klein und neben dem Fußball hat sie sehr ernsthaft Taekwondo betrieben, ein Kampfsport, bei dem sie es immerhin zum schwarzen Gürtel dritten Grades gebracht hat. Schwarz ist die Farbe der Meister. Wie kommt man zu so einem Sport?

Meine Eltern haben mich da hingeführt, als ich noch sehr jung war. Ich war schüchtern und nicht sonderlich selbstbewusst. Sie dachten, dass das ein Sport sein könnte, der mir mehr Selbstbewusstsein bringen könnte. Es war wirklich eine der besten Sachen, die sie je für mich getan haben. Abgsehen von all den körperlichen Dingen habe ich Disziplin gelernt und fühlte mich stärker als junges Mädchen. Diese Lektion ist in jedem Alter unbezahlbar.

2011 spielte Meghan für die Boston Breakers und wurde nach Ende der WPS-Saison neben Christen Press, Alex Morgan, Sinead Farrelly und Keelin Winters für den Newcomer (Rookie) der Saison nominiert. Press gewann die Auszeichnung und sie und Klingenberg landeten früher bzw später in Schweden, Winters in Deutschland bei Turbine Potsdam.

Du warst auch in London bei den Olympischen Spielen?

Ja, das war ein sehr spezielles Jahr. Ich hatte Glück, ein Teil so fantastischer Mannschaften sein zu dürfen. Von den Olympischen Spielen träumt man als Kind. Dann wirklich dabei zu sein und auch noch beim Team, das Gold gewinnt, ist etwas Besonderes. Ich hatte bei Olympia eine andere Rolle, ich war die Trainingspartnerin, die sicher stellen musste, dass alle anderen für das jeweils nächste Spiel fit waren. Sie sollten im Training härteren Widerstand haben als in ihren Matches. Obwohl das ein wichtiger Job ist, will man natürlich selber spielen. In Tyresö habe ich mit einigen der besten Spielerinnen zusammen gespielt, mit denen ich je gespielt habe. Dafür bin ich sehr dankbar. Die zwei Siege waren sehr speziell und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich ein Teil davon war.

Kommst du nächstes Jahr zurück?

Das kann ich weder bestätigen noch dementieren. Ich habe es in Schweden genossen und würde sehr gern eine weitere Saison im Ausland spielen. Jetzt aber freue ich mich auf meine Familie und meine Freunde und hoffe, dass die nicht vergessen haben, wie ich aussehe.

In diesem Video von Studio 90, dem offiziellen Kanal des USWNT kann man Meghan Klingenberg sehen, wie sie Taekwondo ausübt.

Gelesen: Hope Solo – A Memoir Of Hope

31 Jahre alt ist die Torhüterin der amerikanischen Nationalmannschaft und hat schon ihre Memoiren geschrieben. Na gut, andere machen das schon mit 21. Hope Solo hat das Buch, das sie zusammen mit der amerikanischen Sportjournalistin Ann Killion gemacht hat, Anfang September veröffentlicht. Es sollte schon vor der Olympiade in London erscheinen, aber angeblich hat Pia Sundhage sich die Veröffentlichung vor dem Turnier verbeten.

Und das kann man auch gut verstehen. Es ist ein gutes Buch, eine beeindruckende Geschichte, die die charismatische, aber auch sehr eigenwillige Weltklassetorfrau aus Richmond im Bundesstaat Washington erzählt. Einiges wusste man schon. „Happy Ends in meiner Familie gibt es nicht,“ sagt sie ziemlich zu Anfang und wenn man nun in epischer Breite liest, wie Solo aufgewachsen ist, dann wundert es nicht, dass am Ende eine starke Persönlichkeit herangereift ist. Obwohl es hätte ganz anders kommen können.

Hope Solos Vater kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, war viele Jahre lang obdachlos, verschwand immer wieder monatelang, einmal jahrelang von der Bildfläche und kam doch immer wieder um seine Tochter Baby Hope, wie er sie nannte, bei Fußballspielen zuzusehen. Die Beziehung zu ihrem Bruder Marcus ist in Kindheit und Jugend ebenfalls nicht einfach, immer wieder kommt es zu Misshandlungen der Kinder untereinander, erst im Erwachsenenalter wird aus den Geschwistern eine starke Einheit. Es ist Marcus, den Hope Solo noch vom Spielfeld aus China nach dem Olympiasieg 2008 anruft (das Telefon hatte sie in einem Handtuch neben dem Tor), eine Geste, die einige Mannschaftskameraden als egoistisch gesehen haben.

Überhaupt, die Mannschaftskameraden. Womit wir beim Thema wären, warum Sundhage natürlich Angst hatte, dass das Buch für Wirbel im Lager der amerikanischen Mannschaft führt. Hope Solo beschreibt ausführlich den Schatten, den die sogenannten 99er (die amerikanische Mannschaft, die 1999 Weltmeister wurde) auf sie geworfen haben. Die Hackordnung in der Mannschaft, in der Hope Solo dann später spielte, wurde von Kristine Lilly, Brandy Chastain und später Abby Wambach bestimmt. Wambach gehört zwar nicht zu den 99ern, solidarisierte sich aber mit ihnen.

2007 bei der WM in China kam es zum Eklat. Solo spielte in der Vorrunde und im Viertelfinale. Vor dem Halbfinale teilte ihr Trainer Greg Ryan mit, dass sie im Halbfinale gegen Brasilien auf der Bank sitzen müsse, weil Brianna Scurry eine bessere Bilanz gegen Brasilien hätte. Die USA verloren das Halbfinale mit 0:4, die WM wurde zum Fiasko. Hope Solo gab einem Journalisten ein Interview nach dem Spiel und kritisierte Ryans Entscheidung, Scurry spielen zu lassen und sagte auch, dass sie zwei der vier Tore verhindert hätte.

Diese unbedachte öffentliche Äußerung wurde zum großen Theater. Hope Solo flog aus der Mannschaft, durfte nicht zum Spiel um Platz 3 mitreisen, nicht mehr mit den anderen Spielerinnen zusammen essen und wurde von Lilly, Wambach & Co. regelrecht gemobbt und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Lediglich Carli Lloyd habe weiter zu ihre gehalten. In den Monaten nach dem Turnier wurd Ryan entlassen, aber die Mehrheit der Spielerinnen verhielt sich nach wie vor sehr feindlich gegen Hope Solo. Wenn die im Mannschaftshotel einen Fahrstuhl betrat, in dem schon 4-5 andere Spielerinnen waren, verließen die anderen demonstrativ den Fahrstuhl.

Erst Pia Sundhage machte deutlich, dass sie Solo haben will und bereitete ihr den Weg zurück ins Team. Mit Wambach versteht sich Solo inzwischen besser, eine Freundschaft jedoch wird das wohl nie werden, zumal Wambach zu denen gehört haben soll, die vor dem Spiel gegen Brasilien Trainer Ryan nahegelegt hatten, Solo aus dem Team zu nehmen. Nach dem Spiel ging Wambach auf dem Rasen auf Solo zu und sagte „Sorry, Hope. Ich hatte unrecht.“ Hope Solo notiert das geht aber an Wambach vorbei zu ihrer Familie. Zu tief sitzt die Verletzung.

Es ist eine freimütige und offene Lebensbeichte, in der viele Details verraten werden und das idealistische Bild, das sich viele Frauenfußballfans von großen Mannschaften machen, ordentlich zertrümmert wird. In ihren schlimmsten Momenten kommt einem das amerikanische Team lediglich als eine überehrgeizige Ansammlung von gefühllosen Zicken vor.

Dabei ist klar, dass Hope Solo kein einfacher Charakter ist. Sie beschreibt auch die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund Adrian – zwei Personen, die sich immer wieder treffen, auch wenn beide andere Partner haben, die nicht voneinander lassen können und doch nicht zueinander finden. Und fragt sich, ob sie die Schwierigkeiten, sich richtig zu binden, von ihrem Vater geerbt hat.

Ein Buch, das sehr gut geschrieben ist von Ann Killion und in dem man den Weg der amerikanischen Nationalmannschaft von 2000-2011 aus der subjektiven Sicht einer ihrer Stars geschildert bekommt. Solo beschreibt auch in sehr positiven Abschnitten ihre Saison beim schwedischen Club Kopparberg/Göteborgs FC, es hat ihr hier sehr gut gefallen, viel besser als bei Olympique Lyon, wo es nur zu einer kurzen Sejour kam.

Solos Geschichte aber macht auch Mut. Es ist die Geschichte einer großen Vater-Tochter-Liebe bei allen Schwierigkeiten. Die Geschichte einer der besten Torhüterinnen aller Zeiten, die hart, sehr hart gearbeitet hat, um dahin zu kommen wo sie ist – u.a., als zweifache Olympia-Siegerin. Ich erkenne auch einiges wieder – die Bereitschaft, die eigene Gesundheit für die Ziele aufs Spiel zu setzen. Monatelang kann Hope Solo nur mit sehr starken Schmerzmitteln das Pochen in ihrer Schulter aushalten. Die Analyse des Scheiterns der WUSA und der WPS ist sehr zutreffend. Ein lesenswertes Buch, das neugierig macht, diesen Menschen einmal zu treffen.