Kader gegen Polen

Es bleibt dabei, ich kann mich mit Pia Sundhages und Lillie Perssons Personalpolitik nicht anfreunden und ich verstehe sie auch nicht. Oder, ich beginne sie zu verstehen, halte sie aber teilweise für falsch.

Gestern Nachmittag um 14.00 Uhr gab Sundhage auf einer Pressekonferenz des schwedischen Fußballverbands in Solna den Kader für das am 21.08. in Gdansk stattfindende WM-Qualifikationsspiel gegen Polen bekannt.

Nominiert sind:

Tor: Hedvig Lindahl (Kristianstads DFF), Carola Söberg (Avaldsnes IL/N), Stephanie Öhrström (Bardolino Verona)
Abwehr: Emma Berglund (Umeå IK), Amanda Ilestedt (FC Rosengård), Lina Nilsson (FC Rosengård), Marina Pettersson Engström (KIF Örebro), Linda Sembrant (Montpellier), Sara Thunebro (Eskilstuna)
Mittelfeld und Angriff: Emilia Appelquist (Piteå IF), Kosovare Asllani (PSG), Marija Banusic (Kristianstad), Lisa Dahlkvist (Avaldsnes IL), Hanna Folkesson (Umeå), Malin Diaz Pettersson (Eskilstuna), Antonia Göransson (Vittsjö), Sofia Jakobsson (Montpellier), Emma Lundh (AIK), Lotta Schelin (Lyon), Olivia Schough (Rossiyanka), Caroline Seger (PSG), Therese Sjögran (Rosengård)

Der Kader umfasst 23 Spielerinnen, gegen England zuletzt waren Öhrström, Pettersson Engström, Banusic und Schough nicht dabei. Rausgeflogen aus dem Englandkader sind Magdalena Ericsson, Nilla Fischer (Gesperrt), Fridolina Rolfö, Jenny Hjohlman und Elin Wahlström.

Sundhages und Perssons Ärger nach dem 0:4 gegen England, als die dem Team mangelnden Kampgeist vorwarfen, nach dem Spiel aber „ein sehr gutes Gespräch“ hatten, hat sich also vor allem auf diejenigen ausgewirkt, die gegen England gar nicht gespielt haben. Rolfö und Wahlström durften erstmals schnuppern und sind erst gar nicht wieder dabei. Nun dürfen Banusic und Pettersson Engström wiederkommen, aber es ist mehr als zweifelhaft, ob etwa Marija Banusic nur eine einzige Spielminute bekommen wird. Denn Pia Sundhages Personalpolitik beinhaltet, dass sie junge Spielerinnen mal dazukommen lässt, dann aber wieder mit Arbeitsaufträgen zurückschickt. Sowohl im Fall Rolfö wie auch schon jetzt wieder vorab bei Banusic hat sich die Trainerin kritisch über die Physis der Nachwuchstalente geäußert.

Sonderlich viel Mut zu Neubesetzungen hat Pia Sundhage auch schon nicht als Trainerin der USA gehabt. Christen Press etwa, die ich für eine der weltbesten Stürmerinnen halte, bekam unter Sundhage keine einzige Spielminute und kam dann erst unter dem bereits geschassten Nachfolger Tom Sermanni zum Spiel und erzielte gleich in ihrem ersten Länderspiel zwei Tore. Seitdem ist sie in der Truppe neben Abby Wambach, Sydney Leroux und Alex Morgan nicht mehr wegzudenken.

Pia Sundhage hatte in den Trainingslagern vor der EM jeweils weibliche Persönlichkeiten aus anderen Bereichen dabei, etwa Schauspielerin Inger Nilsson (Pippi Langstrumpf), Skiolympiasiegerin Anja Pärson oder Sängerin Louise Hoffsten oder Hochspringerin Kaisa Bergquist. Sie ist bekanntermaßen immer wieder für einen alten Klassiker auf ihrer abgewetzten akustischen Gitarre gut, aber was Personalentscheidungen angeht, zeigt sie ähnlich viel Loyalität wie ihr Vorgänger Thomas Dennerby zu seinen Favoritinnen.

Sara Thunebros defensive Qualitäten werden mit den Jahren nicht besser, mit Magdalena Ericsson gibt es hier eine 14 Jahre jüngere, interessante Alternative, die man aufbauen sollte, anstatt sie durch Nominierungen und Streichungen, rein und raus, zu verunsichern. Bei der WM in Kanada wird Thunebro nicht unbedingt schneller sein als heute.

Die ständigen Nominierungen von Sofia Jakobsson, Antonia Göransson und Olivia Schough zuungunsten von hochtalentierten Akteuren wie Lina Hurtig, Fridolina Rolfö, Marija Banusic, Jenny Hjohlman sind ebenfalls kaum nachzuvollziehen. Schough, so wird in Spielerkreisen gemunkelt, wird vorwiegend als Spaßmacherin, analog zu Lukas Podolski in der deutschen Männermannschaft, nominiert. Als Stürmerin hatte sie bei ihren letzten beiden Vereinen Bayern München und Kopparberg/Göteborgs FC keinen Stammplatz.

Auch Sofia Jakobssons Karriere ist sichtlich abgebremst. Aus der Überfliegerin der U19-EM 2009, die Schweden damals mit drei Toren im Halbfinale gegen Frankreich ins Finale schoss ist ein Dauertalent geworden, das im Wesentlichen von den nun fünf Jahre alten Meriten lebt. Dennoch kassiert sie Nominierung nach Nominierung.

Antonia Göransson kam in Potsdam kaum aufs Feld in der letzten Saison, weshalb sie auch letztlich nach Vittsjö gegangen ist. Auch ihr ist der Durchbruch in der Natio noch nicht gelungen.

Und so muss Sundhage weiterhin auf die 37-Jährige Therese Sjögran setzen, die jedwede Konkurrenz von Jakobsson, Schough oder Göransson mit der linken Hand lässig abwinken kann, weil sie einfach besser als die Drei ist und inzwischen neben Lotta Schelin zweite Spitze spielt.

Würde es gelingen, Marija Banusic zu entwickeln und zu integrieren, würde Sjögran ins Schwitzen kommen. Denn die weniger als halb so alte Banusic ist eine unglaublich treffsichere Stürmerin mit einem Klasseschuss – rechts wie links. Natürlich muss sie noch dazu lernen, aber die Gelegenheit dazu gibt man ihr bislang nicht. Vielleicht nach der WM.

Und so redet man sich das 0:4 dann doch schön. Man wisse, dass man viel besser sei. Ein schlechtes Spiel mache eine gute Mannschaft nicht vom einen auf den anderen Tag zu einer schlechten. man habe gute Gespräche gehabt. Dabei wurde Schweden dieses Jahr schon vier Mal besiegt, sehr klar durch Frankreich und England und knapp von Japan und Island (!). Und auch die Niederlagen gegen Frankreich und Island waren diskutabel. Frankreich in der Vorsaison und ohne einige Stammspielerinnen, aber man kann sich fragen, warum Sundhage und Persson einen Termin gegen Frankreich akzeptieren, an dem die eigene Mannschaft also quasi mit Ansage durcheinandergewirbelt und abgeschossen wird. Warum das eigene Selbstvertrauen schwächen und das der Französinnen für 2015 aufbauen?

Die WM-Quali wird kein Problem. Bei der WM aber wird es, auch mit Pia Sundhage, wohl kaum eine Medaille geben, wenn den Arrivierten nicht mehr Druck gemacht wird. Vergessen wir nicht, dass es die Leistungsträgerinnen waren, der Kern der Mannschaft, der am Sonntag in Hartlepool untergegangen ist und keine Führungsspielerin hat in irgendeiner Weise das Blatt wenden können. Das ist kein gutes Zeichen.

 

 

 

 

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Schweden gewinnt unter Pia Sundhage

Pia Sundhages erstes Spiel als Trainerin der schwedischen Nationalmannschaft hätte besser nicht beginnen können. Nach nur 38 Sekunden drückte Rossiyankas Sofia Jakobsson nach einer tollen Vorarbeit von Paris SG:s Kosovare Asllani über die Linie und die 4900 im EM-Stadion von Växjö in Småland hatten erstmals Grund zum Jubeln.

4-4-2 ist das neue System der Schwedinnen. Nilla Fischer spielt in der Abwehr und Sundhage verlangt viel von ihrem Star Lotta Schelin. Sie trug heute erstmals die Kapitänsbinde und onwohl sie sich bemühte, muss sich die 28-Jährige wohl noch an beides gewöhnen – die Führungsrolle doppelter Hinsicht und die öffentlich geäußerten Erwartungen ihrer Trainerin.

Ein bisschen mehr Pippi Langstgrumpf sollte die Mannschaft bekommen, dachte Pia. Unberechenbarer werden, sich mehr trauen, auch mal das Außergewöhnliche wagen. Wie kann man das am besten erreichen? Man lädt Pippi Langstrumpf zu einem Besuch ins Trainingslager ein. Ende vergangener Woche kam Pippi-Darstellerin Inger Nilsson zur Mannschaft und sprach mit den Spielerinnen über Pippi. Der Besuch der 53-Jährigen Schauspielerin kam sehr gut an, davon zeugen einige Twitter-Einträge letzte Woche.

Wenn eine das umgesetzt hat, dann war es Kosovare Asllani. Die Stürmerin aus Paris war beste Spielerin auf dem Platz, bereitet den ersten und dritten Treffer vor und schoss den zweiten selber. In der ersten Halbzeit testete Sundhage vorn das Duo Schelin -Jakobsson, nahm dann Jakobsson raus und brachte Antonia Göransson. Asllani durfte jetzt neben Schelin agieren und das Duo funktionierte besser, auch wenn Sundhage sicher nicht mit Schelin zufrieden war. Göransson gelang auch das dritte Tor.

„Ich durfte im Sturm spielen in der zweiten Halbzeit, da fühle ich mich wohler,“ machte Asllani Ansprüche auf den Platz neben Schelin geltend. Pia Sundhage konterte lächelnd im Fernsehen, dass es Aufgabe der Mannschaftsführung sein werde, dafür zu sorgen, dass Asllani sich sowohl im äußeren Mittelfeld wie auch im Sturm wohlfühlen wird.

Die Schweiz war kein Prüfstein. Harmlos agierend, physisch und technisch auf fast alklen Positionen unterlegen. Da nützt es auch nichts, dass man mit Lara Dickenmann und Ramona Bachmann zwei Klassespielerinnen in seinen Reihen hat. Beide wissen, dass sie im Verlauf ihrer Karriere wohl kaum mit der Nationalmannschaft international Erfolg haben werden. Da hat Martina Voss-Tecklenburg eine schwere Aufgabe zu bewältigen.

Sofia Lundgren im Tor war sicher in allen Situationen, aber es gab eben auch nicht so viele. Nilla Fischer hatte bisweilen Koordinationsprobleme, aber sie gab ein vielbversprechendes Debüt in der Innenverteidigung. Sundhage scheint Fischer hier sehen zu wollen, denn sie sprach nach dem Spiel davon, dass sie in der Innenverteidigung gern jemanden hätte, der den Spielaufbau fördern kann.

Caroline Seger und Lisa Dahlkvist begannen, in der zweiten Halbzeit kam Emmelie Konradsson für Dahlkvist. Eine gute Leistung der Spielerin aus Umeå, die in diesem Aufgebot vielleicht die einzige Überraschung war. Aber Pia Sundhage ist auf Alternativen aus, das wurde im Gespräch deutlich. Sie beginnt allmählich, Strukturen aufzubaueb und zu verändern. Und hat noch acht Monate Zeit, die sie auch brauchen wird.

Pia bedauert, dass es jetzt bis ins nächste Jahr kein Länderspiel geben wird. Aber: Jeden Monat gibt es ein Trainingslager mit der Natio, das konnte sie durchsetzen. Und sie muss und wird auch den Trainern der Damallsvenskan vertrauen, denn anders als in den USA wird sie ihren Kader nicht ständig um sich haben können, da heißt es auch Verantwortung zu delegieren. Das kann Sundhage jedoch, sie ist eine charismatische Führungspersönlichkeit und wenn sie über Fußball spricht, dann merkt man, dass es kein anderes Thema gibt, das ihr mehr bedeutet. Diese Begeisterung ist gepaart mit einer analytischen Intelligenz und vor allem einer Menschenliebe, die man selten sieht. Wie weit das die Schwedinnen im nächsten Jahr bringen kann, werden wir sehen. Der Weg ist noch weit. Aber es wird interessant sein, ihn zu verfolgen.