Richard Jansen: „Es ist Lüge, dass ich das nicht ernst genommen haben soll“

In der unseligen Affäre um den norwegischen Spitzenclub Stabæk hat gestern auch der Sportchef des Vereins der Zeitung VG ein Interview gegeben. Es war Richard Jansen, dem sich Leni Larsen Kaurin im Dezember 2013 anvertraut hatte und dem sie advon berichtete, von Cheftrainer Øyvind Eide sexuell belästigt worden zu sein.

Jansen übergab Leni auch den Gutschein für eine „erotische Massage mit Happy-End“, den sie von Eide bei einem gemeinsamen Abendessen nebst einem Strauß roter Rosen bekommen hatte. Nun stellte sich heraus, dass Richard Jansen den Gutschein verschlampt haben will. Aufgrund eines Büroumzugs könne er das Papier nicht mehr finden.

Jetzt wendet sich Jansen in heftigen Worten gegen die ehemalige Spielerin: „Es ist Lüge, zu behaupten, dass ich das nicht Ernst genommen hätte. Wir haben sogar vereinbart, wie wir weiter verfahren würden. Ich sollte mich mit Øyvind treffen. Das tat ich auch ganz nach Absprache und teile Leni per SMS mit, dass das geschehen sei,“ so Jansen zu VG.

„Dann sollte sie mit mir Kontakt aufnehmen, es sollte darum gehen, was der Verein  sagen sollte, wenn sie aufhört. Nach 13 Tagen erinnerte ich sie daran, da hatte sie noch nicht geantwortet.“

Und den „Gutschein“ betreffend erklärt Jansen in dem Interview: „Ich hatte keine Absicht, das Ding zu verschlampen. Ich habe viel Zeit aufgewendet, die Karte wieder zu finden. Nicht zuletzt, weil Leni den Inhalt schlimmer darstellt als was er war. Ich fragte sie bei unserem Treffen, ob ich die Karte behalten könne, um ihm damit zu konfrontieren. ‚Ja‘, antwortete sie. Es schien mir, dass das eine Kopie war und dass si9e nach wie vor das Original hatte. Im Übrigen weiß ich, dass Øyvind weiterhin das Geschenk hat, das er von Leni bekommen hat: nämlich eine Massagemaschine.“

Lisa Marie Woods, die mit ihrem Blogpost alles öffentlich ausgelöst hatte, berichtete inzwischen, dass sie von rund einem Dutzend Fußballspielerinnen kontaktiert worden sei, die ähnliche Dinge wie Leni Larsen Kaurin erlebt hätten. In ihrem Blog erzählt Woods auch davon, dass sie Nachrichten bekommen habe, in denen sie aufgefordert wurde, mit ihren Posts aufzuhören, sonst würde man Geschichten über sie veröffentlichen.

Jorunn Sundgot-Borgen, Professorin an der norwegischen Sporthochschule in Oslo sagte dem norwegischen Fernsehen NRK, dass sie glaube, dass es künftig jungen Frauen und Männern, die Ähnliches wie Leni Kaurin erlebt hätten, noch schwerer fallen würde, über das Erlebte zu berichten. Wenn man sieht, wie man im Verein mit dieser Geschichte umgegangen sei, som Sundgot-Borgen, dann würde man sich vermutlich nicht mehr seiner Vereinsführung anvertrauen.

Im Gespräch mit VG sagte Stabæks Vorsitzender Espen Moe etwas Interessantes: „Ich unterstreiche, dass wir nur die Lage bei Stabæk untersucht haben, nicht die Anklagen, die in anderen Zusammenhängen gegen ihn geäußert wurden.“

Andere Anklagen gegen Eide? Gibt es also doch noch mehr und hat der Verein das außer Acht gelassen? Es gab in einem norwegischen Forum den Hinweis darauf, dass es schon zur Zeit Eides als Männertrainer von Kongsvinger Vorkommnisse gegeben habe.

Im Blog von Lisa Marie Woods gibt es Hinweise auf E-Mails und SMS. Habt ihr die gesehen? wird Moe von VG gefragt.

„Nein, das haben wir nicht.“

Habt ihr denn danach gefragt, die sehen zu dürfen?

„Das will ich nicht kommentieren. Das, was mit Kaurin in dem 2-Stundengespräch am letzten Dienstag herauskam, ist vertraulich,“ sagt Espen Moe.

Stabæk hält an Øyvind Eide fest

Diese Woche wollte sich der norwegische Meister Stabæk Zeit nehmen, um eine Entscheidung über die Zukunft seines Trainers Øyvind Eide zu treffen, der von der ehemaligen Spielerin des Vereins, Leni Larsen Kaurin, angeklagt wird, sie sexuell belästigt zu haben.

Gestern Abend kam dann schon die (erwartete) Entscheidung: Die Vereinsführung erteilt Eide eine Abmahnung wegen ungebührlichen Verhaltens, hält aber an ihm fest.

„Das war die stärkste, mögliche Reaktion, abgesehen von der Kündigung,“ sagte der Vereinsvorssitzende Espen Moe. Man sei die Angelegenheit nun intensiv durchgegangen und zu dem Schluss gekommen, dass man vollstes Vertrauen in den Trainer habe. „Es wird sicher seine Zeit brauchen, bis das in der Spielertruppe kein Thema mehr ist, aber hier handelt es sich um einen Fehler, den er gemacht hat und da geht es darum, zu verzeihen. Darüber sind sich alle einig,“ so Moe weiter. „Es ist weit mehr als ein Ausrutscher und Øyvind räumt ein, dass das nie hätte passieren dürfen und verspricht, dass es nie wieder geschieht.“

Der Verein wird jetzt Mechanismen gegen solche Dinge im Club errichten, hieß es. Danach könnten sich jetzt alle, die unangenehme Situationen erleben, anonym bei der Vereinsführung melden. Wer wird sich wohl dieser Vereinsführung anvertrauen? Bei Beschwerden sollen künftig externe Ratgeber eingeschaltet werden.

Leni Larsen Kaurin ist nicht unerwartet sehr enttäuscht und wütend über den Ausgang. Ihr Kommentar ist scharf: „Muss denn erst eine Vergewaltigung passieren? Dass er seinen Job behalten darf, war keine Überraschung, aber das ist sehr dramatisch für den weiteren Weg Stabæks, die sitzen da mit einer ungesicherten Waffe,“ sagt sie und meint Øyvind Eide. „Dies zeugt von Verantwortunglosigkeit und Unwissen bei Stabæk. Die haben selber behauptet, dass für alle Art von Belästigungen null Toleranz gilt. Ist es denn wirklich so, dass man eine Vergewaltigung beweisen können mussm, um Ernst genommen zu werden?“

„Schlimm ist auch, was das für Signale an andere Mädchen und Frauen sendet,“ so Kaurin weiter im Gespräch mit der Zeitung Budstikka. „Der Weg, nein zu sagen, ist weiter geworden.“

Vorsitzender Moe sagt dazu: „Wir wollen uns nicht in eine Polemik mit Kaurin begeben und sagen nichts dazu.“

Unterdessen ist übrigens der ominöse Geschenkgutschein für eine „erotische Massage mit Happy End“, den Eide Leni Larsen Kaurin bei einem gemeinsamen Abendessen gegeben hatte, VERSCHWUNDEN. Kaurin hatte ihn dem Sportchef Stabæks Richard Jansen übergeben, als sie ihm im Dezember von der Sache berichtete. Jansen behauptet, er habe nach einem Büroumzug überall nach dem Papier gesucht, könne es aber nicht mehr finden.

Der Verein bestreitet nicht die (ehemalige?) Existenz des „Gutscheins“ und meint daher, dass sein Verschwinden eine Bagatelle sei und keinesfalls absichtlich. Dabei hätte eine Veröffentlichung von Eides plumper Anmache sicher noch einmal seine Wirkung gezeigt. Nun hat wohl eine kleine Schlamperei von Jansen dafür gesorgt, dass es diese Peinlichkeit nicht mehr geben kann. Dafür verdient er sicher einen Vereinsorden. Im Übrigen ist das der endgültige Beweis dafür, wie sehr es in diesem Verein, Verzeihung, stinkt.

Der norwegische Sportverband hat angekündigt, die Sache zu untersuchen, aber auch hier sollte man sich keine all zu großen Hoffnungen machen.

 

 

 

 

Stabæk will nächste Woche eine Entscheidung treffen

Da ich die „Stabæk-Affäre“ eingehend geschildert habe, fühle ich mich nun auch verpflichtet, den weiteren Entwicklungen zu folgen und sie hier darzustellen und gegebenenfalls zu kommentieren.

Gestern trafen sich Vereinsboss Espen Moe und Sportchef Richard Jansen im Clubhaus zu einer Besprechung, in der sie nach eigenen Aussagen die Lage zusammenfassen wollten. Es habe sich hierbei nicht um eine Krisensitzung gehandelt, sagte Moe der norwegischen Presse.

„Es war ein Treffen, in dem wir zusammengefasst haben, was vorliegt und wir werden die nächste Woche noch dazu benutzen, zu einer Schlussfolgerung zu kommen. Darüber hinaus wollen wir die Angelegenheit nicht weiter kommentieren,“ so Moe gegenüber der Lokalzeitung Budstikka, deren Interview mit Leni Larsen Kaurin am Donnerstag die Entwicklung enorm beschleunigt hatte. Moe berief sich darauf, dass man die Sache als eine Personalangelegenheit betrachte und deshalb gerne ohne Öffentlichkeit geblieben wäre.

Øyvind Eide hat es schwer gehabt in den letzten Tagen,“ sagte Moe noch. Und über Kaurin und ob es richtig gewesen wäre, an die Öffentlichkeit zu gehen: „Sie muss für das stehen, was sie gesagt hat und wie sie es gesagt hat.“

Sportchef Richard Jansen, dem Kaurin laut Aussage Jansens sich am 3. Dezember 2013 anvertraut hat, räumte ein, einen großen Fehler gemacht zu haben. Er hatte nämlich nach dem Vieraugengespräch mit der Spielerin nicht seinen Vorstand informiert und die Angelegenheit für sich behalten.

Moe sagte kurz nach 17 Uhr am Freitag, dass er die Spielerinnen über die Situation informiert habe und wiederholte, dass man die nächste Woche benötigen werde, um sich klar darüber zu werden, wie es weitergehe.

„Wir müssen daraus lernen und dafür Sorge tragen, dass so etwas nicht mehr vorkommt,“ so Espen Moe. „Wir sind der Meinung, dass wir ganz gut mit der Sache umgegangen sind und wir nähern uns dem Ende der internen Behandlung.

Wenn man die Kommentare in Lisa Marie Woods Blog liest, befindet sich dort auch der Kommentar einer Malin: „Ich bin leider nicht überrascht, wenn ich daran denke, wie er sich benommen hat, als er noch in Kongsvinger wohnte. So unglaublich trist und tragisch, dass er sowas so lange machen durfte. Ein überdimensionaler Missbrauch von Macht.“ (16.01.2014, 22.11 Uhr)

Unterdessen arbeitet die ehemalige norwegische Nationalspielerin Ragnhild Gulbrandsen weiter am Thema. In Budstikka ist sie heute abermals mit einem Interview vertreten, dieses Mal mit der Sportprofessorin Jorunn-Sundgot Borgen.

Borgen, so schreibt Gulbrandsen, zeigte sich beinahe wütend darüber, dass es Menschen gibt, die sexuelle Belästigung im Frauensport herunterspielen oder nicht ernst nehmen.

„Ich habe die größte Untersuchung zu diesem Thema in Europa gemacht,“ so Jorunn-Sundgot Borgen zu Budstikka.

„Über 500 Mädchen wurden interviewt und über 50% von ihnen berichteten über Belästigungen von Autoritätspersonen, es waren Trainer, Leiter, Vorstandsmitglieder, im Großen und Ganzen Leute, die ihre sportliche Entwicklung kontrollieren. Ich habe keinen Zweifel, dass dies ein Problem im Sport ist,“ sagt Borgen.

In der Untersuchung hatte man auch eine Kontrollgruppe, die nichts mit Sport zu tun hat. Hier wurde nach Belästigungen durch Lehrer, Vorgesetzte oder andere Autoritätspersonen gefragt. Nach Borgens Erfahrungen ist die Zahl der Belästigungen außerhalb der Sportwelt deutlich niedriger.

Die Dunkelziffer im Sport, so glaubt die Forscherin, sei hoch, da sich viele Mädchen und jungen Frauen gar nicht erst trauen würden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie hätten Angst, man würde ihnen sowieso nicht glauben oder dass dies ihrer sportlichen Entwicklung schaden könne. Sehr oft, so Borgen, würden Vereine dann auch dazu tendieren, Vorfälle abzuschwächen oder nicht zu kommentieren. Die Trainer könnten dann in einem anderen Verein genauso weitermachen, so Borge und das dürfe nicht sein.

Den aktuellen Fall kommentierte die Wissenschaftlerin so gegenüber Ragnhild Gulbrandsen und Budstikka: „Dass hier nichts geschah, als die Spielerin den Sportchef der Mannschaft informierte, ist eine Katastrophe. Glücklicherweise hat der Club sich jetzt der Sache angenommen, nachdem sie in die Medien kam und jetzt müssen sie Handlungen zeigen. Für so etwas muss es im Sport Null-Toleranz geben und ein solcher Trainer darf auch nicht mehr im Sport arbeiten. Dass die Spielerin 32 Jahre alt ist, ist in keinster Weise ein mildernder Umstand. Es hilft nicht, dass sie das Problem sehen, sie müssen jetzt handeln,“ so Jorunn-Sundgot Borgen.

Wie Heidi Støre vom norwegischen Fußballverband findet Borgen, dass das Thema in die Trainerausbildung gehört. Es müsse gelehrt und gelernt werden, wie man sich verhalten muss. Man sei oft auf gemeinsamen Reisen und Lehrgängen, auch Trainer könnten sich unter Druck gesetzt fühlen und es müsse ganz klar vermittelt werden, wie man solche Situationen hantieren muss.

Der Fall Stabæk

Leni Larsen Kaurin in Kalmar (Juli 2013)

Leni Larsen Kaurin in Kalmar (Juli 2013)

Gestern Morgen veröffentlichte die Lokalzeitung Budstikka, die eine überschaubare Auflage von ca. 23.000 Exemplaren hat und in den an Oslo grenzenden Gemeinden Asker und Bærum erscheint, ein Interview mit der norwegischen Nationalspielerin Leni Larsen Kaurin, in der sie erstmals offen über die Ereignisse des vergangenen Jahres aus ihrer Sicht sprach.

Zur Erinnerung: Kaurins Freundin Lisa Marie Woods hatte in ihrem englischsprachigen Blog aus Australien vor Wochenfrist über eine Spielerin berichtet, die von ihrem Trainer über Monate sexuell belästigt wurde. Selbst ich, der mit dem norwegischen Frauenfußball nicht sonderlich vertraut war, hatte als erste Idee, dass es sich um Kaurin und den norwegischen Meister- und Pokalsieger Stabæk handeln könnte, was sich also gestern bestätigte. In Norwegen muss das ein offenes Geheimnis gewesen sein.

Im folgenden nun eine ausführliche Zusammenfassung des Interviews und der Geschehnisse aus Sicht von Leni Larsen Kaurin.

Warum?

In diesem Blog geht es um Frauenfußball. Vornehmlich aus Schweden, aber nicht zuletzt seit der EM in Schweden 2013 bin ich dem norwegischen Nationalteam näher gerückt, weil wir fast zwei Wochen miteinander Tür an Tür gewohnt bzw. trainiert haben. ALLE Spiele, die ich bei der EM gesehen habe, hatten Norwegen als eines der spielenden Teams. Fünf Mal hatte ich die Gelegenheit in der Mixed Zone mit den norwegischen Spielerinnen zu sprechen, 3-4 mal besuchten wir das Training auf Gröndals IP in Kalmar und hatten angenehme Begegnungen und gute Gespräche.

In diesem Fall, denn es ist einer, ein Fall, den ich Fall Stabæk nennen möchte, geht es aber auch um etwas, das weit über den Fußball hinausgeht. Es geht darum, was sich Frauen in einem Arbeitsverhältnis gefallen lassen müssen und wie Arbeitgeber darauf reagieren, wenn weibliche Arbeitnehmer sexuellen Belästigungen durch leitende Angestellte ausgesetzt sind. Leni Larsen Kaurin hat mir gestern Abend noch einmal persönlich bestätigt, dass genau das eines der zentralen Anliegen ist, warum sie sich an die Öffentlichkeit gewandt hat: Anderen zu zeigen, was nicht erlaubt sein darf und dass man sich wehren muss.

Blenden wir also zurück. Was ist geschehen? Aus der Sicht der 32-Jährigen Spielerin.

Im Sommer 2012 unterschrieb Leni Larsen Kaurin beim Osloer Topclub Stabæk. Trainer war und ist bis heute Øyvind Eide. Von Beginn an habe sich Eide an der neuen Spielerin interessiert gezeigt. Man sah sich täglich auf dem Trainingsplatz und es habe auch sporadischen Kontakt außerhalb des Platzes gegeben. Am Anfang habe die 32-Jährige noch die Aufmerksamkeit und Komplimente, die bekam eher positiv gesehen, aber mit der Zeit hätte das deutlich zugenommen in Form von SMS, E-Mails und handgeschriebenen Notizen.

„Unter anderem bekam ich Links zu der Internetseite von VG [einer norwegischen Boulevardzeitung] und deren Seiten über Sex und Partnerschaft, auf denen Øyvind Model auf mehreren Illustrationsbildern war,“ berichtet Leni Larsen Kaurin gegenüber Budstikka.

Die Bilder des entkleideten Trainers fungierten hier als Illustration zu Artikeln über Sex. (Hier ein Beispiel mit anonymen Personen). Da mag man sich wirklich schon einmal wundern, was das für ein Trainer ist, der mehr oder weniger nackt in solchen Kontexten posiert. Und laut Budstikka erhielt Larsen Kaurin die Mails mit den anzüglichen Links mit der Unterschrift: „med sportslig hilsen Stabæk Fotball, Øyvind Eide, Hovedtrener Stabæk Kvinner“ (Mit sportlichen Grüßen, Stabæk Fußball, Cheftrainer Stabæk Frauen). Schlimmer gehts nimmer.

Kaurin sagt, dass ihr damit klar geworden sei, was der Trainer wolle. Bei einem Restaurantbesuch mit Eide im November 2012 habe die Kellnerin ihr einen Strauß roter Rosen gebracht und gesagt, dass die von Eide seien. „Ich bekam den Eindruck, dass die Kellnerin und die Personen um uns herum das Ganze als Verlobungssituation auffassten, wobei ich mich sehr schlecht fühlte.“

Zusätzlich zu den Blumen bekam Larsen Kaurin an diesem Abend einen Geschenkgutschein von Eide, auf dem er ihr eine „erotische Massage mit Happy End“ versprach, ausgeführt von ihm selber.

Nun begann sie zu überlegen, wie sie mit dieser Situation umgehen könne und müsse. Eide sei trotz allem ihr Trainer gewesen, sagt Kaurin und da sie nicht im geringsten dieselben Absichten wie er hatte, versuchte sie verzweifelt nach der richtigen Art von Reaktion zu suchen, die für alle Seiten den geringsten Schaden verursachen würde.

Genau hier wird der Fall Stabæk typisch. Sehr oft in solchen Situationen versucht das Opfer von exzessiver Verfolgung den Schaden zu minimieren, zum einen aus Selbsterhaltungstrieb und weil man gelehrt wurde, große Konflikte tunlichst zu vermeiden. Zum anderen aber sicher auch, weil man sich schämt, zügig öffentliche Hilfe zu suchen, aus der falschen Überlegung heraus, dass es jemanden geben könnte, der einen für „mitschuldig“ hält. Auch ich habe gestern überlegt, ob nicht an irgendeiner frühen Stelle schon ein deutlicheres Nein oder Absagen statt Zusagen etwa zu einem Abendessen zu Zweit hätten erfolgen können. Hätte man die Entwicklung dann stoppen können? Die Frage mag berechtigt sein, allerdings ist ein wie auch immer geartetes Nein, zu welchem Zeitpunkt auch immer ein NEIN, das man in zwischenmenschlichen Beziehungen zu akzeptieren hat.

Øyvind Eide hat dies offenbar nicht kapiert. Er hat es auch nicht akzeptiert. Der Übungsleiter von Stabæk outet sich aber auch als selbstverliebter Narziss, wenn er Kaurin Internetlinks schickt, auf denen er mehr oder weniger unbekleidet in nachgestellten erotischen Situationen posiert. Eide wollte sich das holen, von dem er überzeugt war, dass es ihm zustand. Und gesellte sich zu der leider nicht kleinen Schar Männer, für die ein weibliches Nein lange erst mal ein Ja ist.

„Das war nur der Auftakt des schlimmen Klimas, das sich entwickelte und das für mich nur schlimmer und schlimmer wurde, weil er einfach nicht nachließ,“ erzählt Leni Larsen Kaurin der ehemaligen Mannschaftskameradin und heutigen Journalistin Ragnhild Gulbrandsen.

Leni begann, auch das wieder typisch und vielerorts nachzulesen, sich Schutzmechanismen auszudenken und zuzulegen. Man vermeidet den Augenkontakt mit dem Chef, den man täglich sehen muss, versucht ihm aus dem Weg zu gehen, um bloß nicht wieder in eine unangenehme Situation zu kommen. „Ich lief umher und musste die ganze Zeit daran denken,“ sagt sie und man kann ihre Qualen und Hölle verstehen, die sie offenbar erst einmal mit niemandem teilen konnte.

„Ich weiß jetzt, dass ich viel früher mit anderen hätte reden müssen,“ sagt sie denn auch, „aber es ist leicht nachher klug zu sein.“

Die EM in Schweden stand vor der Tür. Es gab Ablenkung durch mehrere Lehrgänge und das Turnier, das für die Norwegerinnen bekanntlich sehr positiv verlief.

Nach der EM eskaliert die Situation. Leni hält es nicht mehr aus und geht zu einem Psychologen, der ihr rät, mit dem Trainer zu reden. Aber das kann sie nicht und man kann es ihr auch nicht verdenken. Sie denkt an die Mannschaft, die fast alle Spiele gewinnt, will nicht im Weg sein, denkt selber daran, aufzuhören und weiß nicht, was sie tun soll, zumal die meisten anderen den Trainer mögen, sein wahres Gesicht aber auch nicht kennen.

Sie trifft die falsche Entscheidung und beschließt, hart zu trainieren, den Mund zu halten und irgendwie damit fertig zu werden. Der eitle Øyvind Eide aber akzeptiert scheinbar nicht, abgewiesen worden zu sein. Larsen Kaurin landet im Herbst 2013 immer häufiger auf der Ersatzbank. Im Pokalendspiel gegen Avaldsnes im November wurde sie nicht aufgestellt und nicht einmal eingewechselt.

Leni Larsen Kaurin geht zu Stabæks Sportchef Richard Jansen und erzählt ihm, was geschehen ist.

„Ich wollte ihm eine Erklärung geben, warum ich so in mich gekehrt war und nicht die übliche Gute-Laune-Macherin, die ich früher einmal war.“

Sie erzählt Jansen die ganze Geschichte, zeigt ihm den inzwischen berüchtigten Massagegutschein. Jansen habe sich geschockt gezeigt, glaubt Larsen Kaurin, habe wenig kommentiert. Schon in diesem Gespräch stellt sich aber heraus, dass Eide ihr einen Schritt voraus ist. Richard Jansen erzählt Leni Larsen Kaurin, dass er ein Gespräch mit dem Trainer über sie gehabt habe und dass man gemeinsam beschlossen habe, ihr keinen Vertrag für 2014 anzubieten, da man die Mannschaft gezielt verjüngen wolle. Jansen verspricht ihr jetzt, unter Berücksichtigung des Gehörten noch einmal mit Eide zu sprechen und seine Version zu hören. Larsen Kaurin hört jedoch nichts mehr von Jansen.

Das Opfer sollte also schlicht und einfach weg. Entsorgt werden. Natürlich hat der Verein offiziell erst spät von der Geschichte erfahren. Sicher zu spät. Aber klug ist man leicht hinterher. Da hat Leni Recht. Eide muss das Ganze extrem peinlich gewesen sein. Er wollte Larsen Kaurin haben, die lehnte ihn ab, da machte es keinen Sinn mehr für ihn, die ohnehin sich ablehnend verhaltende Frau um ihn herum zu haben, zumal er sicher ständig befürchtet haben muss, dass sie über seine eher peinlichen, kläglichen und dümmlich-widerlichen Annäherungsversuche (Massagegutschein…) mal etwas zu Mannschaftskameradinnen wie Trine Rønning, Ingrid Hjelmseth oder Ingvild Stensland erzählen. Übrigens sind die alle Drei auch deutlich jenseits der 30 und wenn man die Mannschaft wirklich verjüngen wollte, dann…

Warum sie denn jetzt doch damit an die Öffentlichkeit gehe, fragt Gulbrandsen sie? Und es ist ihre Antwort, die überzeugt und die auch rechtfertigt, dass man auch außerhalb Oslos und Norwegens davon schreibt, liest und darüber spricht.

„Weil ich weiß, dass mein Fall kein Einzelfall ist. […] Auch, weil ich es jüngeren Spielerinnen, die viel mehr zu verlieren haben, leichter machen will, aber auch für die Erhaltung meiner Selbstachtung. […] Ich hoffe auch auf einen größeren Fokus auf dieses Thema in der Sport- und Berufswelt. Man wird unsicher und verletzbar, wenn eine Person mit Macht im Verhältnis zu deiner eigenen Entwicklung, nicht mit sexuellen Annäherungsversuchen aufhört. […] Ein Nein muss ein Nein bleiben, auch dem Chef gegenüber, wenn er oder sie über die Grenze gegangen ist, die man eigentlich nicht überschreiten darf. “

Ihre Zukunft lässt die 32-Jährige in dem Interview noch offen, sagt, sie habe den Kopf noch nicht frei darüber nachzudenken. Um weiterzumachen, müsse man mental und physisch bereit sein. Und da sei sie heute noch nicht.

Die Rolle des Vereins hier ist leider auch typisch, wodurch aus dem Fall Eide der Fall Stabæk wird. Still halten, aussitzen, hoffentlich ist der Sturm bald vorbei. Das Opfer soll verschwinden, bekommt keinen neuen Vertrag. Was die Mannschaft wohl zu einem solch charakterlosen Haufen Funktionäre sagt? Gar nichts? Gibt es einen Maulkorb für Spielerinnen? Oder kümmern die sich nicht, weil nur der Erfolg zählt und Eide hat ja das Double geholt?

Fünf Tage nach dem Blogpost von Lisa Marie Woods schaffte es der norwegische Meister ein kurzes Statement abzugeben. „Kein Kommentar.“ Dabei wurde erst im Herbst 2012 ein Juniorentrainer Stabæks zu sieben Monaten Haft verurteilt, weil er drei Jungs sexuell belästigt hatte.

Diesem Verein darf eigentlich niemand mehr seine Kinder anvertrauen. Man hat nichts gelernt.

Gesagt hat der Beschuldigte erst einmal nichts. Auch auf Anfrage von Budstikka und allen anderen norwegischen Medien.

Heute aber wurde der Druck wohl doch zu groß. Øyvind Eide äußerte sich. Ausgerechnet in der Zeitung, in der er schon als halberotisches Model zu sehen war und ist, VG (= Verdens gang; etwa: Der Lauf der Welt).

Er bedauere den Umgangston, den er mit einer seiner Spielerinnen an den Tag gelegt habe, so Eide. VG schreibt, dass man den Trainer gestern Abend im Schneetreiben getroffen habe, an seiner Seite seien drei Vertreter des Vereins gewesen (die ihn dann wohl gezwungen haben sich zu äußern?!`). Man habe ihm angemerkt, dass er von der Sache tief betroffen sei, er habe müde und kaputt ausgesehen.

Jetzt räumt er Fehler und unpassendes Verhalten ein: „Das war während 2-3 Monaten im Herbst 2012. Ich war fasziniert von einer Spielerin und wir waren vielleicht 3-4 Mal zusammen aus. Während dieser Zeit gab es einen flirtenden Jargon und es gab einen SMS-Austausch, der innerhalb dieses Jargons normal war,“ so Eide gegenüber VG.

„Auch wenn sie de facto älter ist als ich, habe ich damals schlechtes Beurteilungsvermögen an den Tag gelegt in Bezug auf die Rolle in der ich war, und ich bedauere, dass sie all das auf die Art und Weise empfunden hat, in der sie es offensichtlich getan hat,“ so Eide weiter.

Larsen Kaurin ist acht Monate älter als Eide. Und seine Äußerungen klingen auswendig gelernt und die anwesenden Vereinsvorsitzenden haben sie sicher vorher schon mit einem Anwalt abgesprochen. Zumal er jetzt trainerväterlich-scheinheilig sagt: „Es ist natürlich sehr schade, dass sie solche Gefühle hatte. Ich hätte mir gewünscht, dass wir darüber einen Dialog hätten führen können, aber ich habe sie mit meiner Hinwendung nicht erreicht,“ so Eide in Begleitung des Trios. Das Wort Hinwendung hätte er sich sparen können, es kommt sehr doppeldeutig daher.

Aber typischerweise versucht man das Opfer jetzt als ‚Sensibelchen‘ zu diskreditieren, dass alles viel zu sehr ernst genommen habe und dass sich doch mal in einem Vieraugengespräch (nackt, Herr Eide?) hätte artikulieren können.

„Dass sie keinen neuen Vertrag bekommen hat, hat ausschließlich sportliche Gründe,“ so Eide. Er habe nun einmal vier Nationalspielerinnen, die alle jünger seien und Larsen Kaurins Position spielen könnten. „Attraktive Spielerinnen, die damals und jetzt verfügbar waren,“ so Eide und die Doppeldeutigkeit sprüht nur so, aber das mag an der Übersetzung liegen, tatsächlich aber verwendet Eide sowohl das Wort „attraktive“ wie auch „tillgenglig“ (= verfügbar).

Die Geschenkkarte mit dem Gutschein für eine erotische Massage mit Happy End, so Eide, habe er ihr tatsächlich gegeben, aber das sei doch ein Scherz gewesen. Ein Scherz!! Den muss ich mir merken und auch mal benutzen, wenn ich mich alleine mit einer Bekannten in einem Restaurant treffe und ihr durch die Kellnerin rote Rosen überreichen lasse… Jede Frau wird doch schallend lachen über solch kreative Scherze. Ist das norwegischer Humor?

Larsen Kaurin habe ihm übrigens an jenem Abend selber auch ein Geschenk gegeben, als sie gemeinsam das Pizzarestaurant verlassen hätten, so Eide weiter. Und was die leichtbekleideten Bilder in der Zeitung VG angehe, so habe er diese 2004 gemacht und der gesamten Mannschaft gezeigt, da er der Meinung war, dass dies besser sei, als dass es Spielerinnen zufällig herausgefunden hätten, dass er solche Bilder dereinst von sich machen ließ.

Die anwesenden Vorstandsmitglieder räumten im Gespräch mit VG ein, dass Eide tatsächlich einige unkluge Dinge getan habe in jenem Herbst 2012, dass es sich dabei aber keinesfalls um sexuelle Belästigungen gehandelt habe. Der Vorstandsvorsitzende Stabæks, Espen Moe: „Wir hatten ein sehr gutes Treffen mit Leni und sind die Angelegenheit im Detail durchgegangen. Sie hat bei unserem Treffen bestätigt, dass sexuelle Belästigung ein zu starkes Wort wäre, dass es sich mehr um Belästigung gehandelt habe,“ so Moe gegenüber VG.

Leni hat diese angebliche Äußerung gegenüber VG jedoch dementiert.

Stabæk kommuniziert nun also, dass es diese Sache ernst nehme, dass man Respekt für Kaurin habe. Eides Stellung im Verein jedoch ist offenbar ungebrochen.

„Sie müssen die Spielerinnen fragen, aber ich habe das Gefühl, dass ich ihre Unterstützung habe,“ so Øyvind Eide abschließend im Gespräch mit VG.

Und so wird dieser Fall enden, wie es leider zu erwarten war. Der Trainer hat sich ein bisserl blöd verhalten. Und die Frau hat allen Respekt verdient, Frauen fühlen ja nunmal anders als Männer. Irgendwie komisch halt. War doch ein guter Witz mit der erotischen Massage! Und wenn der Trainer sagt, wackel nicht so mit dem Hintern, ich kann mich ja gar nicht konzentrieren, dann muss sich die Spielerin umdrehen und ihn halb amüsiert, halb erotisch hingebungsvoll anschauen. Nee, nee. Allen Respekt verdient, aber immer so empfindlich diese Frauen. Unser Trainer macht weiter, hat doch Erfolg. Und attraktive und verfügbare Spielerinnen gibts auch noch…

Ich wünsche Leni Larsen Kaurin, die ich letzten Sommer kennen gelernt habe, als eine sympathische und bestens trainierte Athletin, dass sie sich erholt von dieser Angelegenheit und dass sie noch ein Jahr dran hängt im Fußball. Nicht unbedingt vielleicht in Norwegen. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Zivilcourage von den älteren Spielerinnen von Stabæk, auch weibliche Solidarität, das sie dem Verein sagen, was sie von all dem halten und dass sie sich andere Chefs wünschen als einen halbseidenen Trainer, der angeblich 16-Jährige Spielerinnen entjungfert (ist diese Geschichte jetzt eigentlich ganz vom Tisch?) und anderen erotische Massagen mit Happy-Ending (Was ist das eigentlich? Orgasmus-Garantie?) als Scherz anbietet.

Die stümperhaften Erklärungsversuche im Stabæker Schneetreiben gestern Abend jedenfalls taugen nicht dazu, das zu erreichen, was Stabæk am liebsten will: Weg mit Larsen Kaurin in die Vergessenheit und alles unter den Teppich kehren. Nein, dies ist die mit Abstand schmutzigste und widerlichste Geschichte, die mir bislang im Frauenfußball untergekommen ist.

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PS: Nun haben sich heute auch Stabæks Spielerinnen zu Wort gemeldet. In einer Presseerklärung, unterschrieben vom Spielerinnenrat: Hjelmseth, Rønning, Stensland und Cathrine Dekkerhus.

Die Erklärung im Wortlaut:

„Zuerst ist dies eine schlimme Sache für alle Seiten.

Wir von Stabæk Fußball Frauen sind eine verantwortungsbewusste und erwachsene Spielerinnengruppe und wären selbstverständlich eingeschritten, wenn wir der Auffassung gewesen wären, dass jemand aus der Mannschaft oder jemand anders im Club sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen sei.

Wir sind uns einig darin, dass es von Øyvind unpassend war, im Herbst 2012 eine unglückliche Beziehung mit einer unserer Spielerinnen einzuleiten und dies hat er auch vor uns bedauert. Øyvind war Verdächtigungen und Anklagen ausgesetzt, die weit außerhalb der Proportionen dessen liegen, was er tatsächlich getan hat.

Er und unsere sportlichen Leiter haben unsere volle Unterstützung und wir stehen hinter ihren sportlichen Beschlüssen und Entscheidungen.

Jetzt freuen wir uns mit der Saison 2014 in Gang zu kommen, in der viele Herausforderungen auf uns warten.“

Ingvild Stensland, Ingrid Hjelmseth, Trine Rønning, Cathrine Dekkerhus (Spielerrat)

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Übrigens müssen die vier Spielerinnen ihre Presseerklärung in La Manga (Spanien) verfasst haben, denn alle befinden sich schon die ganze Woche mit der norwegischen Nationalmannschaft dort.

Ja, da wird Leni Larsen Kaurin schon nicht einmal mehr namentlich genannt. Der Spielerinnenrat spricht von einem Verhältnis (?), was dann auf Gegenseitigkeit beruht hätte. Ansonsten liest sich der Text so, als sei er von denselben Strategen geschrieben worden, die einige Stunden zuvor noch das Interview Eides gesteuert haben, in der er ja noch die Unterstützung der Spielerinnen erhofft. Jetzt ist sie da. Anders war das auch kaum zu erwarten. Rückgrat wird nicht häufig trainiert. Aber das eigene Wohlergehen ist einem dann doch wichtiger. Und man will noch mal Meister werden und Champions League spielen. Denn man weiß, es gibt „attraktive“ junge Spielerinnen, die „verfügbar“ sind, vielleicht ja sogar gefügig. Da kann man schnell draußen sein. Volles Vertrauen.