Schweden ist bereit


Schweden am 28.06.2022 gegen Brasilien

Eigentlich soll man in Schweden immer das sogenannte Jante-Gesetz befolgen, das der norwegische Schriftsteller Aksel Sandemose (1899-1965) in seinem Roman „Ein Flüchting kreuzt seine Spur“ erstmals so benannt hat, Da beschreibt Sandemose eine kleine dänische Stadt, in der dieses Gesetz gelte.

Es beinhaltet Regeln wie „Du sollst nicht glauben, dass du irgendwas bist.“, „Bilde dir nicht ein, dass du besser bist als wir.“ usw.

Da diese Einstellung tatsächlich bisweilen charakteristisch für Norwegen, Schweden und Dänemark ist, hat sich der Begriff seit einem Jahrhundert fest etabliert.

Aber auf dem Cover der Sonderbeilage der Zeitung Expressen zur EM, die stolze 9 € kostet schreit Fridolina Rolfö posierend in die Kamera, ballt die Faust und über sie wird das Zitat „Vi ska ta det dör guldet!“ (Wir werden dieses Gold holen!) eingeblendet.

Stina Blackstenius

Nach WM-Bronze, dabei dem Viertelfinalsieg gegen den ehemaligen Angstgegner Deutschland und wieder Olympia-Silber mit klarem Goldgeschmack (schließlich hatte Caroline Seger es in der Hand, als sie ihren Elfer in die Wolken des Nachthimmels von Yokohama ballerte), dem aktuellen zweiten Platz auf der Weltrangliste (besser stand Schweden noch nie), was Nummer eins in Europa bedeutet, will die Mannschaft endlich ihr Gold holen.

Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit für Skipper Caroline Seger. Die 37-Jährige hat gerade ihren Vertrag beim FC Rosengård um weitere zwei Jahre bis 2024 verlängert. Bei Olympia spielte sie so gut wie lange nicht mehr und gehörte zu den besten Spielerinnen des Turniers.

Ohne Seger geht es nicht. Wenn die Chefin auf dem Platz und außerhalb des Platzes mal nicht zur Verfügung steht, dann wird Schweden gleich eine Spur schwächer und das scheint die Achillessehne des Teams zu sein. Während Spanien selbst die welbeste Alexia mal eben mit Aitana ersetzen kann, hat Schweden für die Rekordnationalspielerin keinen Ersatz.

Dabei sind längst andere die Stars, denen die Kinder und Jugendlichn zujubeln. Chelseas Mannschaftskapitänin Magdalena Eriksson etwa, die sich mittlerweile in der Innenverteidigung etabliert hat. Von keiner anderen wurden mehr beflockte Trikots verkauft als von „Magda“ (Schweden) oder „Mags“ (England), ungewöhnlich für eine Abwehrspielerin, aber dank der genuinen und authentisch-ehrlichen Ausstrahlung der 28-Jährigen, für die sich bekanntlich Pernille Harder mit dem VfL Wolfsburg anlegte und ihren Vertrag aufkündigte. Eriksson und Harder sind mittlerweile das Vorzeigepaar im Fußball geworden und beide sind auch wahnsinnig sympathisch und bescheiden. Ich habe beide getroffen und mit beiden auch länger gesprochen – sie sind Sympathieträgerinnen, die der Sport braucht und die vielen Mädchen nicht nur sportlich, sondern auch in ihrer Beziehung miteinander, die sie offen leben, wichtiges Vorbild sind.

Sportlich war Eriksson in diesem Jahr nicht immer optimal aufgestellt, zuletzt beim 3:1 gegen Brasilien hatte sie Zuordnungsprobleme und ermöglichte u.a. den Führungstreffer der von Pia Sundhage betreuten Südamerikanerinnen.

Amanda Ilestedt

Fridolina Rolfö ist spätestens seit ihrem Wechsel zum FC Barcelona ein echter Star geworden und die Journalist*innen schwedischer Zeitungen standen Schlange, um im schönen Barcelona Home-Stories mit der ebenfalls 28-Jährigen zu machen. Auch Rolfös Karriere hatte ich lange das Privileg verfolgen zu dürfen. Als sie mit 19 in Stockholm mit Jitex ein Gastspiel darf, traf ich sie das erste Mal und wusste, dass ich ein Megatalent gesehen hatte, dass dann seinen Weg über Linköping und München via Wolfsburg nach Katalonien machte.

Frido kann inzwischen ihre überlegene Athletik umsetzen und ausnutzen und trifft wesentlich häufiger als noch vor ein paar Jahren als sie schon von Kritiker*innen als „Chancentod“ abgeschrieben wurde.

Auch Stina Blackstenius (Arsenal) und Lina Hurtig (Juventus) sind Weltklassestürmerinnen. Blackstenius fiel schon als Juniorin auf und dominierte die U19-EM 2015 nach Belieben und schoss Schweden zum Titel. Hurtig hat eine ebenso wie Rolfö beeindruckende Athletik und steht unter anderem für sehr schöne Kopfballtore, zuletzt gegen Brasilien.

Die „Diva“ Kosovare Asllani ist auch schon auf der anderen Seite der 30 angekommen und will mit 32 endlich etwas Großes mit der Natio gewinnen. Sie ist eine sehr kreative und technische 10, die den Angriff in Szene setzen kann.

Schweden hat wenn überhaupt eine Schwäche in der Abwehr. Eriksson und Amanda Ilestedt sind solide, aber kein unüberwindliches Bollwerk à la Annike Krahn und Saskia Bartusiak zu ihren besten Zeiten. Und auch Jonna Andersson, die nach Jahren bei Chelsea nach der EM in die schwedische Liga zurückkehren wird, bekommt Probleme, wenn sie dribbelstarke, schnelle Gegenspielerinnen hat. Hanna Glas hat sich zum Schmuckstück der schwedischen Abwehr entwickelt.

Die 28-Jährige vom FC Bayern ist eine der besten rechten Außenverteidigerinnen der Welt und sieht sich auch ganz unschwedisch so.

Was für Schweden spricht, ist auch die enorm starke Bank, von der Gerhardsson tatsächlich noch mal spielverändernd auswechseln kann.

Der 62-Jährige Fußballehrer aus Uppsala, der übrigens ganz offen ein Hörgerät trägt, hat mit der Mannschaft, die er von Pia Sundhage übernommen hat, sein Lebenswerk gebastelt. Ohne ihn wären sie sicher nicht da, wo sie heute sind. Gerhardsson hat die richtige Mischung in der Personalführung gefunden. Sein Erfolg und der Erfolg des Teams basieren auf professioneller Analyse, immer besser werdenden Rahmenbedingungen und vor allem in seiner psychologisch klugen Führung des Kollektivs und der Betreuung der Individien.

Mit den „Alten“ Hedvig Lindahl (39; vielleicht hört sie nach der EURO in der Natio auf) und Caroline Seger (37, macht sicher weiter), LInda Sembrant (33), Kosovare Asllani (32) und einer Ollvia Schough (31), die noch nie so gut war wie heute und mit dem Stamm der U19-Europameisterinnen von 2012 (Eriksson, Andersson, Glas, Rolfö, Elin Rubensson, Ilestedt, Hurtig) ist eine erfahrene Kombination der Kern des Kaders, die einfach reif ist für einen großen Titel.

Sie haben alles erlebt und durchlebt und beim hochverdienten 3:0 gegen die USA bei Olympia eine ähnlich überzeugende Lestung geboten wie Deutschland gestern Abend. Aber wo Deutschland vermutlich noch nicht die Kontinuität für sechs Spiel hat – Schweden hat sie und

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