Die EURO hat begonnen


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Beth Mead macht das 1:0 für England gegen ihre Arsenal-Kameradin Manuela Zinsberger

Das erste Spiel ist in den Büchern, wie man auf Englisch sagt. 1:0 gegen defensivstarke, aber offensivschwache Österreicherinnen dank einer artistischen Einlage von Beth Mead. „F*ck You!, sagte Manuela Zinsberger ihrer Mannschaftskameradin von Arsenal, ganz deutlich zu sehen für Studierende des Proseminars „Lippenlesen für Anfänger“.

Danach aber nimmt Zinsberger Mead herzlich in die Arme und beide lachen. Alles in Ordnung.

Das Publikum war im Vergleich zum Männerfußball eher ruhig. Es gab keine jungen Männer mit nackten Oberkörpern, die aggressiv an den nicht vorhandenen Zäunen rüttelten und dabei gutturale, tierische Laute brüllten. Wenn Familien mit Kindern ins Stadion gehen, dann hört sich das eben anders an. Das schien ARD-Reporterin Christina Graf aber nicht verstanden zu haben. Immer wieder und ein paar Mal zuviel bemäkelte sie die angeblich fehlende Stimmung.

In der deutschen Berichterstattung ändert sich ohnehin wenig. Egal ob ARD oder ZDF. Immer wieder „erklären“ die Reporter*innen einem Millionenpublikum, was denn den „Frauenfußball“ ausmacht, dass er sich jetzt schon ganz ordentlich entwickelt hat, und was man tun sollte, um ihn weiterzuentwickeln.

Das nervt.

Berichtet doch einfach über das was ihr seht und hört anstatt den „Frauenfußball“ (den ich seit Jahren Fußball nenne) dadurch zu verringern, dass ihr ihn wie ein neues Tier im Zoo, eine neue Mikrobe unter dem Mikroskop beschreibt, dessen oder deren vermeintliches Anderssein IMMER WIEDER beschrieben werden muss, damit es oder sie irgendwann vielleicht mehrheitlic akzeptiert wird.

Ich glaube, dass die Menschen da schon viel weiter sind als die schulmeisterlichen, öffentlich-rechtlichen Erklärer*innen.

Dazu gehört übrigens auch, dass man nicht überall und an jeder Stelle Frauen als Expertinnen einsetzen muss. Ein selbstbewusster Fußball kann am Geschlecht vorbeisehen und an einer Quotierung in der Berichterstattung arbeiten. Wir brauchen keine 100% Frauen, damit bauen wir doch weiter an der Besonderheit. Das Stereotyp wird gepflegt, dass Männer keine Ahnung (weil kein Interesse?!) am Fußball haben, wenn er nicht von Penisträgerinnen gespielt wird.

In Schweden empfinde ich Auftritte des ehemaligen Profispielers Daniel Nannskog als wohltuend. Der kennt sich im Männer- wie Frauenfußball gleichermaßen aus und labert mich nach Spielen beider Geschlechter zu. Ansonsten gilt allerdings auch in Schweden ein massiver Überhang von Weiblichkeit.

Wenn man das ausgleichen will, dann quotiert man seine Expert*innen in Männer- wie Frauenfußballsendungen.

Überhaupt bin ich noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Samstagsabend um 18.05 Uhr die Sportschau begann. Zur gleichen Zeit lief im ZDF „Daktari“, jene nette, rassistische amerikanische Serie, in der der weiße Assistent den Daktari duzen durfte, der schwarze Mitarbeiter aber selbstverständlich „Sie“ sagen musste. Und ja, ich war in Paula (die Tochter Daktaris) verliebt und wollte die Schimpansin Judy als Haustier, Aber ich gerate auf Abwege.

In der Sportschau wurden von den Bundesligaspielen ca. 8-10-minütige Zusammenfassungen gezeigt. Keine Live-Übertragung von Ligaspielen. Keine 60-Minutenstudios vorher und keine 90-Minutenstudios mit Interviews aller Spieler in der Mixed Zone hinterher.

Ich will nicht von der „guten alten Zeit“ schwärmen. Aber die Experterei und die sinnentleerten Vorschauen und Nachberichte sind wirklich ein bisserl viel geworden? Aber vielleicht bin ich damit alleine. Zum Leben gehören noch andere Dinge als Fußball.

Wenn heute Abend Norwegen – Nordirland spiele, dann muss ich nicht von 20-23.45 am TV hängen und alle Expert*innenmeinungen hören. Mir reicht das Spiel.

Ich pokere hoch.

Warte das [Achtelfnale (EDIT: zumal es das ja gar nicht gibt) und ]das Viertelfinale ab und bewerbe mich dann um Pressetickets für die Halbfinals und das Finale. Falls es eine Zusage gibt, muss ich dann quasi ruckzuck meinen Rucksack packen und mich auf zur Insel machen. Am 26.07. in Sheffield, am 27.07. in Milton Keynes und am 31.07. in Wembley.

Schaun mer mal.

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