ffschweden im Gespräch mit Johanna Rytting Kaneryd


32090600590_5eb0be2740_kIn der letzten Saison gewann sie den Titel „Årets genombrott“, was so viel heißt wie „Der Durchbruch des Jahres“, „Newcomer“ wäre vielleicht die bessere, aber freie Übersetzung.

Es geht um die 19-Jähriuge Johanna Rytting Kaneryd aus dem kleinen Dorf Kolsva in Västmanland, zwei Stunden entfernt von der Hauptstadt Stockholm. 15 km von Kolsva entfernt ist das Städtchen Köping mit 17.000 Einwohnern. Kolsva liegt nördlich der Europastraße 18, die die beiden Städte Västerås und Örebro miteinander verbindet. Hier kommt eigentlich nicht unbedingt jemand vorbei. Aber in Kolsva hat Johanna mit dem Fußballspielen begonnen. Im letzten Jahr hat sie das rund 13.000 km weg nach Port Moresby geführt, der Hauptstadt von Papua Neu Guinea, einem Land, von dem Johanna, wie sie mir sagte vorher noch nicht gehört hatte.

Djurgården dam hat wie alle schwedischen Erstligavereine mit dem Training für die neue Saison begonnen. Der Traditionsverein kam nach Abwesenheit aus dem Oberhaus Damallsvenskan vergangenes Jahr wieder zurück ub die erste Liga und es lief besser, viel besser als erwartet. Am Ende sprang im Zwölferfeld ein sehr beachtlicher sechster Platz heraus, für einen Aufsteiger mehr als Mission erfüllt. Und genauso wie Djurgården überraschte, überarschte auch Johanna Rytting Kaneryd. Sie spielte alle 22 Begegnungen von Beginn an und einige Journalisten forderten bereits ihre Nominierung für die A-Natonalmannschaft. Aber die schwedischen Mühlen mahlen sehr langsam, Pia Sundhage gilt als sehr konservativ und nominiert nicht so schnell einen Teenager in ihren Kader. Da muss man sich hochdienen und nach der U19 stünde erst einmal die D23 im Pflichtenbuch.

Am Mittwoch letzter Woche habe ich Johanna getroffen. Djurgården trainiert in diesen kalten und dunklen Wochen in einem Fußballzelt, das im Winter über den Kunstrasenplatz Hjorthagens IP in der Nähe der U-Bahnstation Ropsten aufgespannt ist. Ein großes, schweres, unbeheiztes Zelt, das Anfang November, gottlob nachts, einstürzte, als wir sehr viel Neuschnee hatten.

Erst als ich mich auf das Gespräch mit dir vorbereitet habe, las ich, dass du nicht aus Stockholm bist. Du bist sehr jung von zu Hause weggezogen, wie lief das?

„Alles fing damit an, dass ich an regionalen Trainingslagern teilnahm. Damals spielte ich in Kolsva, dem kleinen Ort, aus dem ich komme. Irgendwann sah mich ein Mann spielen und er fand mich interessant und half mir dann weiter. Er nahm Kontakt mit verschiedenen Mannschaften auf und ich durfte ein Probetrainiung bei Tyresö FF machen und die haben mir dann einen Vierjahresvertrag angeboten, 2+2. Und da habe ich nicht gezögert.“

32240459802_c76434a188_zJohanna bekam die Erlaubnis ihrer Eltern, ihren Traum weiter zu leben. Zunächst wohnte sie bei einer Familie in Stockholm, die sie wie ihr eigenes Kind aufnahmen, wie sie mir erzählt. Sie ging noch in die neunte Klasse, wechselte auf eine Schule in Tyresö und dann später ins benachbarte Haninge auf das Fredrika Bremer Gymnasium. Die Schule hat sie nicht beendet, es wurde zu viel mit bisweilen zwei Trainingseinheiten am Tag. Da muss Johanna noch nacharbeiten, in Schweden ist das relativ einfach. Im Moment arbeitet sie nebenbei und ist Fußballprofi.

Dass junge Mädchen von zu Hause wegziehen, ist selten in Schweden. Mir fällt nur Ramona Bachmann ein, die mit 15 aus der Schweiz nach Schweden kam und Profi bei Umeå IK wurde.

Als Johanna Rytting Kaneryd nach Tyresö kam, spielten da Marta, Caroline Seger, Christen Press, Meghan Klingenberg, Vero Boquete und andere. Es war eine der besten Mannschaften Europas und viel Einsatzzeit konnte sie sich kaum ausrechnen, auch wenn sie schon in den schwedischen Jugendauswahlen spielte.

„Auch wenn ich mir im Klaren darüber war, dass ich nicht viel Spielmiunuten bekommen würde, wusste ich auch, dass das Training mit diesen tollen Spielerinnen mich weiterbringen würde.“

Lampenfieber vor dem ersten Training mit Marta, Seger & Co.?

„Ich hab nicht so viel nachgedacht. Bin einfach hingegangen und habe versucht, mich von meiner besten Seite zu zeigen. Dann sah man ja, mit welchen Spielerinnen es zu tun hatte. Mein Selbstvertrauen war nicht so gut und es war teils etwas hart, zum Training zu gehen, weil man doch einen enormen Druck spürte. Es ist ja nicht so, dass die Rücksicht auf dich nehmen, nur weil du jung bist, das mache ich heute auch nicht.“

Nachdem Tyresös A-Mannschaft in Konkurs ging und den Spielbetrieb aufgab, landete Johanna in Älta, einem Team in Stockholm, das schon immer gute Beziehungen nach Tyresö gehabt hatte. Elin Ekblom Bak spielte dort und auch diue Vizeweltmeisterin von 2007, Elaine Moura. Das Jahr in Älta sei nicht so gut gewesen, sie sei auch verletzt gewesen, berichtet sie. Aber dann kam Djurgården.

Yvonne Ekroth [Djurgårdens Trainerin 2016] hatte mich in der Juniorinnennationalmannschaft gesehen uns holte mich u Djurgården.“

Dort spielte sie in der letzten Saison wie schon erwähnt stets von Beginn an.

„Meine Erwartungen vor dieser Saison waren ja, dass ich dieses Jahr für meine Entwicklung brauchen würde, ich wollte verletzungsfrei bleiben. Natürlich war mein iel, so viel wie möglich zu spielen und so kam es dann ja auch,“ sagt sie selbstbewusst.

31657344223_f3407d45f0_kAcht der elf Heimspiele von Djurgården habe ich 2016 gesehen und fotografiert und auf den Bildern, die ich von Johanna Rytting Kaneryd finde, ist sie meistens in einen intensiven Zweikampf verstrickt.

Sie lacht und sagt: „Vielleicht lege ich es ja darauf an. Es war wohl so, dass ich immer ziemlich schnell jemanden auf der Pelle hatte, besonders, wenn ich nach außen ging.“

Djurgården legte einen famosen Start hin. Der Aufsteiger war bisweilen Vierter, fiel dann aber im letzten Drittel der Saison etwas ab und wurde am Ende Sechster. Woran das lag?

„Ich weiß nicht, vielleicht wurden wir etwas zu bequem. Aber eigentlich glaube ich, dass unsere Gegner uns gelesen haben. Die wussten, dass wir sehr ballbesitzorientiert spielen wollen und haben das dann gut gestört. Vielleicht lag es daran, am Anfang konnten wir mehr überraschen.“

Ihre größte Reise hat Johanna im November gemacht, es ging zur U20-WM nach Papua Neu-Guinea. Schweden trat mit einigen der Spielerinnen an, die 2015 Europameister geworden waren, nicht zuletzt der in Israel 2015 überragenden Stina Blackstenius. Aberf einer Auftaktniederlage gegen den späteren Weltmeister Nordkorea (0:2) folgte ein 6:0 gegen den Gastgeber und ein 1:1 gegen Brasilien, das dank des besseren Tirverhältnisses weiter kam.

Das muss eine unglaubliche Reise gewesen sein.

„Ehrlich gesagt hatte ich von dem Land noch nie vorher gehört. Es war eine sehr besondere Reise und ein Erlebnis, das man wohl sein ganzes Leben lang mit sich tragen wird. Wir mussten dreimal umsteigen und flogen 30 Stunden. Wir brauchten auchviel eit für die Umstellung auf das Klima, die Zeitzone.“

Der schwedische Fußballverband hatte geraten, nicht alleine dorthin zu reisen. Wie war es mit der Sicherheit, was habt ihr vom Land mitbekommen?

„Wir durften nicht einmal das Hotel verlassen, zum Training und zu den Spielen sind wir jeweils mit Polizeieskorte gefahren. Wir haben also nicht sonderlich viel gesehen, außer auf der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel. Die Leure im Stadion waren sehr nett und fröhlich, allein die Tatsache, dass sehr viele Leute zu den Spielen kamen, war toll.“

Nordkorea hat euch geschlagen, sie haben nicht nur U20-Gold geholt, sondern vorher 2016 schon die U17-WM in Jordanien gewonnen. Was zeichnet sie aus, du hast immerhin 25 Minuten gegen sie spielen dürfen?

„Sie sind sehr geschickte Spielerinnen. Alle sind individuell sehr gut, vor allem technisch. Sie finden sich fast blind auf dem Platz und dann geht es einfach sehr schnell und ich glaube, das haben wir nicht verkraftet und sie haben durch uns hindurch gespielt, oft mit einem Touch.“

Viele Leute zu Hause wunderten sich, dass du so wenig Spielzeit bekommen hast und wir fragten uns, ob du krank warst oder verletzt?

„Nein, verletzt war ich nicht. Ich war etwas krank, aber zu den Spielen war ich 100% fit und ich fand auch, dass ich in guter Form war. Aber man muss natürlich den Trainer und seine Entscheidungen akzeptieren. Schade, dass wir dann nach Hause mussten, zumal uns lediglich eiun Tor fehlte.“

Wie willst du dich in der kommenden Saison weiterentwickeln?

„Ich suche mich immer gerne in die Mitte, spiele gerne als Ballverteilerin und manchmal gehe ich gerne selber los. Das will ich in dieser Saison häufiger machen und auch mehr Kälte in meinen Abschlüssen bekommen, was letzte Saison gefehlt hat. Damit werde ich sicher arbeiten. Gleichzeitig verstehe ich auch, dass ich mehr von meiner Schnelligkeit profitiere, wenn ich außen spiele.“

Die Saison beginnt im April, im Februar spielt Djurgården in der großen Tele2Arena gegen Eskilstuna nachdem Djurgårdens Herren das norwegische Team Vålerenga empfangen haben, ein Double Feature, bei dem ich versuchen werde, dabei zu sein. Johanna wird am Tag des Spiels 20 Jahre alt, ein großes Talent, das viele internationale Vereine sicher schon in ihren Notizbüchern haben und weiter beobachten werden.

 

 

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