Zwei Wahrheiten – Frankfurt/Rosengård


Nach dem Mittwochabendspiel in Frankfurt stehen die Vorwürfe rassistischer Entgleisungen durch Frankfurter Fans weiterhin im Raum. Auf deutscher Seite werden alle Vorwürfe als unverschämt und aus der Luft gegriffen zurückgewiesen. Beide Frankfurter Zeitungen, die Rundschau und die FAZ bekundeten einig und wissend, sie hätten nichts dergleichen gehört, die FR meint gar, die UEFA könne 3220 Zeugen einladen, die allesamt nichts Rassistisches gehört hätten.

Man hätte lediglich die unfaire Spielweise der Kamerunerin Gaelle Engamanouit und natürlich, wie immer in Deutschland, Martas mit Pfiffen und Buhrufen quittiert.

In Schweden genau die andere Version. Als ich versuche herauszufinden, was denn gerufen worden sei, bekomme ich von Max Wiman (Sydsvenska Dagbladet) die Antwort, es seien so schlimme Worte, die er niemals in den Mund nehmen würde. Klas Tjebbes, Clubchef von Rosengård sagt, er habe nicht genau gehört, was das Publikum gerufen habe, weil das ja auf Deutsch gewesen sei: „Ich hörte lediglich, dass sie wie verrückt buhten, wenn Marta und Gaelle den Ball hatten. Aber ich weiss, dass viele rassistische Dinge hörten und die Schiedsrichterin muss es auch gehört haben, schliesslich unterbrach sie das Spiel.“ Tjebbes hat selber also nichts verstanden, aber „viele“ haben es verstanden. Er nennt allerdings niemanden, der zu „viele“ gehört. Man kann die Frage, was denn geschrien wurde, nicht weiterreichen.

Mannschaftskapitänin Emma Berglund: „Man hörte, dass sie jedes Mal buhten, wenn Gaelle den Ball hatte. Aber ich weiss nicht, was sie gesagt haben, denn das war auf Deutsch.“

Auch hier keine klare Auskunft. Auf Twitter gibt es Andeutungen, einige Zuschauer hätten Affenlaute in Bezug auf Engamanouit voin sich gegeben. Wenn das stimmen sollte, wäre das in der Tat hochrassistisch und der gastgebende Verein hätte diese Zuschauer unmittelbar des Stadions verweisen müssen.

Anita Asante, englische Allroundspielerin in Diensten des FC Rosengård mit familiären Wurzeln in Ghana gab der BBC ein Interview zum Thema: Anita sagt, sie wäre während des Spiels nicht belästigt worden, hat aber natürlich gemerkt, dass Marta und Engamanouit ausgebuht wurden. Sie habe geglaubt, man hätte das getan, weil sie beide sehr gute Spielerinnen sind und erst später erfahren, dass es möglicherweise auch andere Gründe gab.

„Es gab eine grosse Zahl von Fans, die sehr aggressiv buhten, aber nichts in Form von Worten, die ich verstanden hätte,“ so Asante.

„Falls die Anschuldigungen war sein sollten, wäre es die Angelegenheit der UEFA sich mit Frankfurt zu befassen und dafür zu sorgen, dass Frankfurt sicher stellt, dass verantwortliche Fans für ihr Verhalten bestraft werden und nicht die Möglichkeit bekommen, es wieder zu tun.“ Eine vorsichtige und korrekte Auskunft der Engländerin, ganz im Gegensatz zu ihrem Trainer Jack Majgaard Jensen, der nach dem Spiel konstatierte: „Das ist sehr traurig, hier gibt es viele Idioten.“

Aber auch Schwedens Nationaltrainerin Pia Sundhafe zeigte sich entsetzt: „Ich habe so etwas noch nicht erlebt, das ist völlig unakzeptabel. Man sollte nicht die Augen verschliessen und sagen ‚war doch gar nicht so schlimm‘. Das ist einer Spiegelung der Gesellschaft und das ist eine grosse Gefahr.“ Sundhage sah das Spiel auf Eurosport im Fernsehen.

Und zum Schluss noch einmal Rosengårds Clubchef Klas Tjebbes: „Es ist verdammt furchtbar, dass so etwas passiert. Man sollte nicht so eine Menge Mist von einer Menge Rassisten erdulden müssen. Das ist furchtbar.“

Wir können gespannt auf Dienstag sein. Mir ging es nur darum, zu zeigen, dass die Ansichten über das, was am Mittwochabend in Frankfurt passiert ist, völlig auseinanderdriften. Selber habe ich keine entscheidende Meinung hierzu, da ich nicht weiss, ob überhaupt und wenn ja was gerufen wurde. Auf beiden Seiten gibt es glaubwürdige Schilderungen, was mich stört ist die Selbstverständlichkeit, mit der deutsche Medien die möglichen Ereignisse verneinen und die Selbstverständlichkeit auf der anderen Seite der schwedischen Medien, die überzeugt sind, dass eine kleine oder grössere Anzahl von Zuschauern sich daneben benommen hat.

Klar ist, dass Medien hier wie dort und selbst im Ausland (siehe BBC) diesen Disput als „gefundenes Fressen“ aufnehmen, um zu polarisieren und Aufregung in das ansonsten eher ruhig ablaufende Geschehen im Frauenfussball zu bringen. Die Fragen an Berglund und Tjebbes, die beide kein Deutsch verstehen wollen nur provozierende Äusserungen entlocken. Dass ausgerechnet Malmös Trainer darauf reinfällt und das gesamte Publikum verunglimpft, ist höchst bedauerlich.

Genauso bedauerlich allerdings, dass Jensen, der in der Pressekonferenz Dänisch sprach und schlecht von der schwedischen Dolmetscherin Frankfurts übersetzt wurde und gesagt haben soll, er sei froh, nicht Frankfurts Trainer zu sein (warum?), bedauerlich dass Jensen von der deutschen Fach(?)presse ausgebuht wird auf der Pressekonferenz. Das ist dann mindestens genauso niveaulos wie die Äusserungen des Trainers. Schade. Schade, dass diese Begegnung zweier europäischer Spitzenmannschaften so einen faden Beigeschmack bekommen hat.

 

3 Gedanken zu „Zwei Wahrheiten – Frankfurt/Rosengård

  1. Was ich nicht verstehe: warum befragen die schwedischen und internationalen Medien zu diesem Thema nur Personen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind (Tjebbes, Berglund, Asante), obwohl es doch im Spielerkader und Trainerstab des FC Rosengard auch welche gibt, die nachweislich Deutsch verstehen (Schmidt, Greulich) und viel eher über den Inhalt der Rufe Auskunft geben könnten?!

  2. Mich interessieren die Reaktionen der schwedischen Presse, aber auch des FCR Rosengard zu dem Urteil der UEFA. Wäre schön, wenn Du darüber berichten würdest

    • „Alle Energie wird jetzt auf das Spiel gegen Kristianstad nächste Woche gesetzt anstatt auf die UEFA,“ so Tjebbes gegenüber der Abendzeitung Kvällsposten.
      (http://www.expressen.se/kvallsposten/sport/rosengard-gar-inte-vidare-efter-rasistiska-tillmalena/).

      „Ich denke vor allem an Gaelle und Marta. Es war traurig zu hören, dass sie beide ausbuhten, was das Publikum bei jeder Ballberührung machte. Auf der anderen Seite haben Beide gezeigt, dass sie damit umgehen können, schließlich sind sie Vollblutprofis. Gaelle und Marta haben gewonnen und das Publikum hat verloren, so sehe ich die Sache.“

      Und weiter unten noch mal Tjebbes: „Dass Gaelle dann am Ende den Elfer verwandelt hat und auf ihren Arm zeigte, um zu zeigen wie stark sie ist, das war eine herrliche Aktion von ihr.“

      Tjebbes sagte, dass Rosengård die Angelegenheit nicht weiter verfolgen werde. Damit werden wir wohl nie erfahren, was angeblich gesagt worden sein soll.

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