Überrollt


Ich habe nur die erste Halbzeit des Finals USA – Japan gesehen, weil ich heute im Büro sitzen muss. Aber das wars ja dann auch. Man hätte nach 16 Minuten abschalten können. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe.

Man ist versucht, kriegerische Metaphern zu strapazieren, um die Anfangsphase dieses WM-Endspiels zu beschreiben. Oder Gladiatorensprache aus dem alten Rom. Man könnte von wilden und hungrigen Löwinnen sprechen, die um 16.00 Uhr Vancouver-Ortszeit aus den Käfigen gelassen wurden und sich auf die Japanerinnen stürzten. Das Ganze vor einem nahezu ausschließlich aus US-Amerikanern bestehenden Publikum.

Keine Frage: Jill Ellis und Tony Gustavsson hatten das so geplant. Man wollte Japan überrollen und möglichst ein schnelles Tor machen. Dass es gleich vier wurden, das hat man der konsternierten japanischen Abwehr zu verdanken, dem Momentum des superschnellen 1:0 nach Megan Rapinoes Ecke, als sie den Ball flach beinahe auf den Elfmeterpunkt hereingab, wo Carli Lloyd ihn mit voller Wucht annahm.

Weltfußballerin des Jahres 2015. Carli Lloyd. Das können wir schon mal notieren.

Obwohl die Amerikanerinnen einen gerne mit ihren herrlichen „I love my team“ und „I do everything for my team“-Sätzen bei Interviews zudecken, die bald 33-Jährige Lloyd, die ihrem Verlobten Brian verboten hat, nach Vancouver zu kommen, weil sie befürchtete, auch nur ein paar Prozent Fokus verlieren zu können, diese Carli Lloyd eben hat die USA mehr oder minder im Alleingang ins Finale und zum Titel geschossen. Ein Tor beim 1:0-Sieg gegen China, ein Tor und ein Assist beim 2:0 gegen Deutschland und nun drei Tore beim 5:2 gegen Japan.

Keine Frage, dass die USA den Weltmeistertitel verdient haben. Auch wenn sie sich fußballerisch wenig entwickelt haben seit 1999. Ein wenig, aber nicht viel. Niemand kann so schnell und ausdauernd rennen, so ungestüm aggressiv pressen und dem Ball hinterherjagen, als ginge es darum, die Nation zu retten. Man hat die Japanerinnen mit den alten amerikanischen Tugenden weggehauen. Kick, rush, run, shoot. Opfere dich für das Team und die Nation auf.

Ich freue mich für Meghan Klingenberg, Ali Krieger und Christen Press und für Tony Gustavsson, die ich alle in Tyresö persönlich kennen lernen durfte. Aber ich bin nicht sonderlich ‚excited‘. Respekt, kein Enthusiasmus. Dass die amerikanische Liga NWSL von dem Gewinn profitieren dürfte, ist schön für den Frauenfußball in Nordamerika, die Zuschauerzahlen auch außerhalb von Portland dürften steigen. Nadine Angerer kann somit hoffen, ihre Karriere vor vollen Häusern ausklingen zu lassen.

Japan hat mich ungemein beeindruckt in diesem Finale. Nach sechzehn Minuten im wichtigsten Spiel der letzten und kommenden vier Jahre 0:4 zurückzuliegen und dann die restlichen 74 Minuten mit Anstand und respektabel beenden, das hätten nicht viele andere Mannschaften geschafft. Trainer Norio Sasaki sagte, es habe irgendetwas gefehlt. Schön und sportlich, dass er nicht einfach der japanischen Liga die Schuld an der Niederlage gegeben hat.

Advertisements

2 Gedanken zu „Überrollt

  1. „Schön und sportlich, dass er nicht einfach der japanischen Liga die Schuld an der Niederlage gegeben hat.“ was fuer ein fieser sidekick 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s