Vor den Finals 2


Spielerisch gesehen war die WM 2015 in Kanada eine Enttäuschung. Wenn die USA nun am Sonntag aller Voraussicht nach zum dritten Mal Weltmeister werden und damit auch Rekordweltmeister tun sie das nach einem Turnier, in dem der richtige Funken nie übergesprungen ist.

Was gab es an herausragenden Partien?

Trotz vieler Fehler auf beiden Seiten erinnere ich mich gerne an das spektakuläre 3:3 zwischen Schweden und Nigeria, in dem es zwar wenig fussballerische Klasse gab, aber in der nigerianischen Aufholjagd mit dem rohen, noch ungeschliffenen Talent afrikanischer Offensivkraft immerhin eine mitreissende Dramaturgie.

Deutschland gegen Frankreich war eine Klassepartie vor allem, weil Frankreich nach wackligem Start ins Turnier aufgewacht war und wohl das Beste zeigte, was der Frauenfussball derzeit optisch zu bieten hat. Grosse Technik und atemberaubende Geschwindigkeit. Zum Erfolg reichte es wieder nicht, weil man im entscheidenden Moment eben am Tor vorbeischoss. Bei der WM im Heimatland 2019 wird nun eine Weltklassespielerin wie Louisa Necib auch schon 32 Jahre alt sein, Camille Abily ist dann 34 und die unglaublich schnelle Elodie Thomis 32. Möglicherweise hat diese goldene französische Generation die letzte Chance zum Gold verpasst. Aber es gibt ja noch Olympia 2016 und die EM 2017 in den Niederlanden…

Schweden hat auf ganzer Linie enttäuscht, aber da man immer das Positive in meiner Wahlheimat mitnimmt, ist man nun mit dem Erreichen der Olympia-Qualifikation zufrieden und der Meinung, dass niemand anders als Pia Sundhage geeignet ist, das Team in diese brisante Vierer-Konstellation Anfang 2016 zu führen. Zurückgetreten aus dem Team sind nur Therese Sjögran und Sara Thunebro. 

Auch Norwegen hat in diesem Turnier enttäuscht, das Achtelfinalaus gegen kämpferisch starke Engländerinnen. Wieder einmal stellt sich die Frage, ob Norwegens beste aller Zeiten, Solveig Gulbrandsen nun wirklich die Schuhe an den Nagel hängt. „Das einzige, was ich weiss, ist, dass ich im Juli nach Thailand in Urlaub fliege,“ sagte Gulbrandsen. Und dass es bis zur Olympia-Quali lang sei. Trainer Even Pellerud haderte nach dem Spiel damit, dass die Engländerinnen eigentlich gar nicht so toll gewesen wären und Recht hat er.

Die FIFA hatte die eine Hälfte des Turniers ganz im Sinne Kanadas geplant, damit der Gastgeber ins Finale kommen können sollte. Damit nahm man viel Spannung aus dem Turnier. Dass mit England nun eine Überraschungsmannschaft vielleicht sogar eine Medaille gewinnen kann, ist die Lex Kanada. Denn der Gastgeber ist eine der grössten Enttäuschungen des Turniers. Kein einziges Spiel haben sie gezeigt, das auch nur ansatzweise an die Klasse erinnerte, die man 2012 bei Olympia in London hatte, als man in einem unvergesslichen Halbfinale nahe dran war, den haushohen Favoriten USA ins Spiel um Bronze zu schicken.

Wenn Mark Sampson sein englisches Team jetzt in den höchsten Tönen lobt, dann hat das mit solider Arbeit zu tun, die er seit 2013 geleistet hat. England ist gewachsen, vor allem als kämpferische Einheit, aber viel mehr ist da noch nicht.

So hat sich auch Weltmeister Japan mit eher mittelprächtigen Leistungen bis ins WM-Finale spielen können. Kamerun, Ecuador, die Schweiz, die Niederlande und Australien waren unterschiedlich schwere Aufgaben für Norio Sasakis Nadeshiko, aber wirklich geglänzt hat das Team aus dem Land der aufgegenden Sonne nur bei dem einen oder anderen Tor. Vielleicht reicht das zum Titel, aber ich habe meine Zweifel.

Auf den Rängen gab es auch kein Fussballfest, von den in Kanada anwesenden Kollegen aus Schweden habe ich gehört, dass es in den WM-Spielorten nur wenig Werbung gegeben habe. Taxifahrer wussten nicht einmal, dass eine Weltmeisterschaft stattfindet. „Wo und wann ist das?“ fragte ein Fahrer in Montreal ein schwedisches Kommentatorenteam, das sich vom Flughafen in die Stadt bewegte. Das Motto „From coast to coast“ klingt fantastisch als Fremdenverkehrswerbung, aber das Turnier war geographisch zu weit auseinandergezogen, um für kontinuierliche Begeisterung in der Breite zu sorgen. So waren die Spielstätten meistens Tausende Kilometer voneinander entfernt (Ausnahme Montréal und Ottawa). Am Kunstrasen wurde schon ein Jahr vorher durch ein internationales Spielerinnenkollektiv zu Recht gemäkelt, aber nachdem sich der zweite Bewerber für die WM, Simbabwe (!?), zurückgezogen hatte, war jedem klar, welches Land aus dem berühmten Umschlag gezogen würde.

Das Konzept der FIFA, die gesamte Welt demokratisch und paritätisch zu beteiligen, ist erst einmal wunderbar. Josef „Sepp“ Blatter hat darauf seine Macht begründet, die Delegaten aus Afrika, Asien und Südamerika verehren ihn deshalb wie andere „Mutter Teresa oder Jesus“ (wer hat das noch gesagt?).

So schön es ist, Spielerinnen aus der Elfenbeinküste und Ecuador zu sehen, die fröhlich um den WM-Titel spielen wollen, so wenig gehören sie sportlich in dieses Turnier. Es ist eine Weltmeisterschaft und man muss die philosophische Frage beantworten, ob hier die ganze Welt teilnehmen soll (dann sollte man vielleicht auch Ozeanien einen zweiten Platz anbieten?) oder ob die besten Mannschaften der Welt spielen sollen. Dänemark hätte sportlich mehr geboten als Ecuador. Schottland weniger hoch gegen Deutschland verloren als die Elfenbeinküste. Ich habe kein perfektes System für die Qualifikation und Verteilung, die Weltrangliste allein taugt nicht, aber eine Kommission der FIFA sollte sich das einmal ansehen, ohne dass dadurch Afrika oder Asien benachteiligt werden müssten. Im Gegenteil: Man sollte den reichen Nationen wie Deutschland und den USA ins Buch schreiben, dass sie dabei helfen müssen durch Ressourcen wie Personal, den Frauenfussball in noch nicht entwickelten Ländern zu fördern. Mehr als das bisher getan wird.

Am meisten bleiben mir eventuell nach diesem Turnier die katastrophalen Schiedsrichterinnenleistungen im Gedächtnis. Shame on you, FIFA! Es macht keinen Sinn, Schiedsrichterinnen aus Ländern zu nominieren, in denen Fussball im Schneckentempo gespielt wird. Wir haben zahlreiche sehr fragwürdige Elfmeterentscheidungen gesehen, die Spiele entscheidend beeinflusst haben. Laura Bassett hätte nicht Rotz und Wasser heulen müssen (die Arme), wenn die unsägliche neuseeländische Schiedsrichterin Anna-Marie Keighley nicht die schlechteste Schwalbe, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, mit einem Elfer für England belohnt hätte. Stephanie Houghton hätte die gelbe Karte sehen müssen. Auf der anderen Seite geschah das Foul an der Japanerin, das zum Elfmeter führte, möglicherweise Zentimeter vor dem Strafraum. Leider wurde auch das andere Halbfinale durch zwei Elfmeter entschieden. Die Rumänin Teodora Albon pfiff berechtigt Strafstoss für Deutschland nach dem Foul an der zugegeben fallsüchtigen Alexandra Popp, da es sich hierbei allerdings um eine klare Notbremse handelte, hätte Albon der US-Amerikanerin Julie Johnston die rote Karte zeigen müssen. Das hat Albon bei ihrer Schiedsrichterscheinprüfung offenbar überlesen. Auf der Gegenseite brachte Annike Krahn Alex Morgan auch VOR dem Strafraum zu Fall, der von Carli Loyd souverän verwandelte Strafstoss war unberechtigt.

Nun ist Elfmeter immer dann, wenn der Schiedsrichter pfeift. Kein Geringerer als der legendäre und in diesem Jahr verstorbene Udo Lattek hat diesen wunderbaren Satz geprägt und beantwortete so die Fragen von Journalisten, ob er denn diesen oder jenen Elfmeter für berechtigt hielt. Aber auch die miserablen Einsätze der Schiedsrichterinnen sollte man sich ansehen und dann beim nächsten Turnier entsprechend agieren und die besten Schiedsrichterinnen einsetzen.

Vielleicht werde ich mich auch weniger an diese WM erinnern, weil sie zumindest bis vor den letzten beiden Begegnungen keine richtigen Stars produziert hat. Es gab keine überragenden Spielerinnen, die dem Turnier ihren Stempel aufgedruckt hätten. So wie Homore Sawa das 2011 getan hat, Marta in China 2007 oder Birgit Prinz beim ersten deutschen Triumpf in den USA 2003.

Célia Šašić dürfte dank Hattrick gegen die Elfenbeinküste und zweier verwamdelter Elfmeter Torschützenkönigin von Kanada werden, aber überragt hat sie ebensowenig wie eine angeschlagene Dzsenifer Marozsan, die von verantwortlicher deutscher Seite seit Jahr und Tag als beste Fussballspielerin der Welt gefeiert wird, den Beweis dafür aber bis heute schuldig geblieben ist. Viellecht hätte sie ja, wenn sie nicht verletzt ins Turnier gegangen wäre, alle anderen überstrahlt.

Louisa Necib hätte es wieder einmal werden können, hätte sie nicht im entscheidenden Moment, als Nadine Angerer schon geschlagen war, am deutschen Tor vorbei geschossen. Eugenie LeSommers brillante Form aus Frankreich reichte zu zwei Toren gegen Südkorea, aber Frankreich strich früh die Segel.

Christen Press hatte ich auf meiner Liste. Das mag an persönlichen Sympathien liegen, denn in Schweden hatte ich Gelegenheit, die intelligente und sympathische Torschützenkönigin von 2013 mehrfach bei persönlichen Gesprächen kennen zu lernen. Aber Press hat die Qualitäten einer Tormaschine („goal scoring machine“) hatte sie Ex-Kameradin Ali Riley mir gegenüber genannt. Nur: In den USA hat Jill Ellis Spielerinnen, die noch einen Tick besser in das Gesamtkonzept passen. Alex Morgan und Sydney Leroux etwa, die aber auch das Turnier nicht zu ihrem machen konnten.

Der goldene Ball, da bin ich schon jetzt sicher, wird an Carli Lloyd gehen,. Die bald 33-Jährige von Houston Dash hat das Spiel gegen Deutschland entschieden, den einzigen Treffer gegen China im Viertelfinale erzielt und auch schon früher zweimal olympische Endspiele mit ihren Toren alleine entschieden. Lloyd verdient sich den goldenen Ball durch ein sehr hohes Niveau ohne aber den grossen Starglanz zu haben. Das soll ihre Grösse nicht schmälern.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s