Vor den Finals


Im Blog war es sehr ruhig. Zum einen, weil die schwedische Mannschaft ausgeschieden ist, zum anderen, weil ich zehn Tage in Japan war.

Das Finale in Vancouver spielen also nun (wie auch in Frankfurt 2011) die USA und Japan, das Spiel um Platz 3 in Edmonton am Samstag ist eine Neuauflage des EM-Endspiels von 2009 in Helsinki, Deutschland gegen England.

Zuerst Schweden. Sara Thunebro hat wenig überrraschend ihren Rücktritt von der Nationalmannschaft bekanntgegeben. Überraschender für mich aber die Gründe der 36-Jährigen. Sie habe lediglich eine Viertelstunde Spielzeit in Kanada bekommen und offenbar nicht das Vertrauen von Pia Sundhage, so Thunebro im Gespräch mit der Lokalzeitung Eskilstuna Kuriren. Da sie auch nicht glaube, dass sich daran etwas ändern werde, habe sie sich zu dem Schritt entschlossen.

Traurig. Das ist fehlende Selbsteinsicht, die schon ein wenig weh tut. Thunebro ist eben auch 36 Jahre alt und sie ist in den letzten Jahren nicht schneller geworden und wurde unlängst in der Damallsvenskan von 17-Jährigen überlaufen. Immerhin sollte nun endlich die Möglichkeit bestehen, dass mit der 21-Jährigen Magdalena Eriksson endlich die Spielerin nominiert werden wird, die schon in Kanada hätte dabei sein müssen.

Pia Sundhage wird bleiben, ebenso Lillie Persson und Marika Domanski Lyfors. Das bedeutet, das sich wenig ändern wird und möglicherweise erst nach einer eventuellen, verlorenen Olympia-Qualifikation für 2016 Änderungen im Personal erfolgen. Denn Erneuerer sind die Damen Sundhage, Persson und Domanski eben leider nicht. Dabei müsste jetzt vcrsichtig mit Blick auf die WM 2019 in Frankreich ein Generationswechsel behutsam eingeleitet werden. Die Olympia-Qualifikation findet Ende Februar / Anfang März 2016 statt und wird im Gruppenmodus (jeder gegen jeden) gespielt, wobei dann der Gruppensieger nach Rio fahren darf.

Olympia-Quali-Gegner der Schwedinnen werden die Niederlande, die Schweiz und Norwegen sein. Das sind allenthalben starke Gegner und eine Vorhersage, wer das Rennen machen wird, ist keine Selbstverständlichkeit.

Zur deutschen Mannschaft. Von der ersten Spielminute an sprach man in Schweden darüber, dass die deutsche Innenverteidigung, in der Silvia Neid nibelungentreu an den arg in die Jahre gekommenen Annike Krahn und Saskia Bartusiak festhielt, die Achillesferse ist. Und so war es denn am Ende auch. Während man gegen Frankreich zwar gerade hier schon arg in die Bredouille gebracht wurde, aber noch mit unendlich viel Glück, Angerers Knie und französischem Unvermögen, Bälle ins leere Tor zu schieben, als Sieger reüssierte, reichte das gegen die USA natürlich nicht mehr.

Vor anderthalb Jahren hatte ich ein langes Gespräch mit dem jetzigen Co-Trainer der USA, dem Schweden Tony Gustavsson, damals Tyresös Cheftrainer. Wir sprachen über den internationalen Fussball und dass die USA erkennen müssten, dass der Welt(frauen)fussball sich spielerisch enorm weiterentwickelt hätte und dass der Fussball der Zukunft, so Gustavsson, von Frankreich und Japan gespielt werde.

Deutschland erwähnte Gustavsson nicht in seinem kleinen Vortrag über den Weg, den der Weltfussball nehmen wird. Die USA nutzten Deutschlands Achillesferse immer wieder aus, liessen die wieselflinke und behende Alex Morgan gegen den starren Panzer Annike Krahn anrennen, am Ende muss der Neu-Leverkusenerin schwindlig gewesen sein. Silvia Neid ist kein Match-Coach, so hat es immer schon geheissen, sie ist keine Trainerin, sagt man, die intellektuell in der Lage ist, ihr starres Konzept zu ändern und bei starkem Widerstand, Dinge taktisch oder personell so zu verändern, dass ein Spielverlauf gedreht werden kann. Gegen die USA hat sich dies offenbar bestätigt. Der deutschen Mannschaft fehlen aber auch Spielerinnen der äussersten Weltklasse, möglicherweise hat Nadine Kesslers schwere Verletzung (kommt sie jemals zurück?) auch schon das Schicksal dieses deutschen Teams besiegelt. Denn die Führungsfigur, die man in Kessler nicht hatte, haben die Amerikanerinnen seit Jahren in Carli Lloyd. Sie hat mit ihren Toren zwei olympische Endspiele entschieden und sie hat auch das Spiel gegen Deutschland mit einem souverän verwandelten Strafstoss und einer brillanten Hereingabe zu Kelly O’Hara entschieden.

Der deutsche Fussball ist sehr erfolgreich ,man hat sechs Mal hintereinander die EM gewonnen. Man hat aber dadurch auch an Selbstzufriedenheit angesetzt und zugenommen. Wenn man die EM in Finnland 2009 mit der in Schweden 2013 vergleicht, muss man doch sagen, dass der deutsche Gewinn vorletztes Jahr mehrfach an einem seidenen Faden hing. In Solna war es einzig Nadine Angerer, die Deutschland im Finale den Titel rettete, im Halbfinale schon waren die Schwedinnen in Göteborg ebenbürtig (um dann nach zwei weiteren Jahren mit Pia Sundhage in die hintere Spitzengruppe Europas zurückzufallen).

In Deutschland aber hat sich spielerisch, taktisch und organisatorisch auch nichts verändert. Frauenfussball in DFB-Frankfurt wird von einer Gruppe von Frauen diktiert, die ebenso wie in Schweden wenig ändern wollen. Spielerinnen werden nicht nur taktisch und spielerisch mit dem jahrein, jahraus immergleichen Konzept ausgebildet, sie werden auch menschlich und charakterlich „erzogen“, jedwede Kante soll da abgeschliffen werden, jede Spur von möglicherweise brillanter Kreativät und Eigensinn ausgemerzt werden. „Der Star ist die Mannschaft“, dieses Mantra wiederholte Berti Vogts 1996, als Deutschland im Männerfussball Europameister wurde.

Dabei entwickelt sich Fussball um uns herum weiter. Japans WM-Sieg vor vier Jahren war genauswenig Zufall wie der Finaleinzug in diesem Jahr. Der technisch versierte, auif Ballbesitz ausgerichtete Fussball der Japanerinnen, der mit sehr viel Geduld gespielt wird, um den Gegner laufen zu lassen, zu ermüden und zu Fehlern zu verleiten,. ist schon eine ganze Generation weiter als das, was Deutschland dieser Tage noch spielen lässt. Frankreich ist in Europa schon deutlich besser als Deutschland, sie sind nur noch nicht in der Lage, den Sack bei entscheidenden Turnieren  auch zuzumachen. Aber: Der Tag wird kommen und dann wird die deutsche Vormacht auch in Europa dahin sein.

Schon am Samstag dürfte es gegen die Überraschungsmannschaft des Turniers, England, nicht mehr so einfach sein wie noch 2009 im EM-Finale, als man dank Inka Grings und Birgit Prinz ein 6:2-Schützenfest gegen das damals noch von Hope Powell angeführte England veranstaltete.

Sicher, England hat vom Versuch der FIFA profitiert, dem Gastgeberland Kanada einen weichen Weg ins Finale zu gestalten. Da hatte man kurzerhand die grössten Favoriten im Vorfeld, Deutschland, die USA und Frankreich in eine Hälfte gepackt, damit Kanada wenigstens unter die ersten Vier kommen kann und bis zum Ende des Turniers dabei ist. Der Versuch ist gescheitert. England gelang ein Doppelschlag und erst durch ein fast tragisches Eigentor von Laura Bassett in der 92. Minute war der Traum vom Finale ausgeträumt. Coach Mark Sampson war gerade aus Schweden und auch von mir dafür kritisiert worden, die 30-Jährige Anita Asante vom FC Rosengård nicht nach Kanada mitgenommen zu haben, aber der Erfolg gibt ihm Recht. England verlor gegen Frankreich knapp und gewann danach bis zur gestrigen 92. Minute jedes einzelne Spiel.

Weltmeister dürfte nun die USA werden. Denn der unbändige Wille der Amerikanerinnen, ihre überlegene Athletik und die Revanchelust nach dem Finale 2011 dürften genug Energie freisetzen, um das Finale gegen Japan klar zu gewinnen. Das System, mit dem in den USA Frauenfussball gefördert wird, ist aber auch nicht kopierbar. Hier ist Fussball ein Universitätssport, an den Colleges gibt es Hunderte von hochtalentierten Spielerinnen, die bereits in den College-Teams einen Förderapparat zur Verfügung haben, den die meisten Teams in der Damallsvenskan oder Bundesliga gerne hätten.

So können die verantwortlichen Trainer, nun also Jill Ellis, ihre Kader aus rund einhundert exzellent begabten Spielerinnen formen und zudem haben sie noch die Möglichkeit, die Kerntruppe sehr oft zu versammeln und einzuspielen. Die Nationalmanschaft hat immer Vorrang, auch weil der Verband seine Topspielerinnen bezahlt und nicht die Vereine.

In Schweden wird schon in sechs Tagen wieder Damallsvenskan gespielt. Die Liga geht weiter in die „Herbstrunde“. Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Verband ujnd Vereinen hierzulande weiter entwickelt, nachdem sowohl Lillie Persson wie auch Pia Sundhage die Verantwortung für das schlechte Abschneiden in Kanada zu einem grossen Teil der Liga zugeschoben hat, die nicht bereit gewesen sei, die Spielerinnen häufiger abzustellen.

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3 Gedanken zu „Vor den Finals

  1. man, da schleimt aber einer rum, vor 4 wochen war der us trainerstab laut medien der unfähigste der welt und jetzt wird das genaue gegenteil behauptet, so schnell geht das.
    hätte die deutsche mannschaft den elfmeter verwandelt und das spiel gewonnen, dann hätte jeder wieder silvia neid zugeschleimt.
    mein lieber rainer, deutschland spielt um platz 3, was ist mit schweden und norwegen, die sich wahrlich nicht mit ruhm bekleckert haben.
    zur englischen mannschaft, sie spielen wie früher kick and rush mit verfeinerungen, und sind schlagbar.
    und zum schluss, tony gusdavsson der im cl finale viele fehler begangen hat als trainer gott zu bezeichnen ist ein witz.

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