ffschweden trifft: Christen Press


Christen Press und ffschweden auf dem Norrmalmstorg in Stockholm (Foto: Vero Boquete)

Christen Press und ffschweden auf dem Norrmalmstorg in Stockholm (Foto: Vero Boquete)

Tyresö FF ist inzwischen Geschichte und aus der Konkursmasse sind beinahe alle Spielerinnen versorgt mit neuen Vereinen. Niemals hat ein schwedischer Club so viele aktuelle amerikanische Nationalspielerinnen in seinen Reihen gehabt, im letzten Herbst waren es fünf.

Eine, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat und die meiner Meinung nach eine der großen Stars der Weltmeisterschaft 2015 werden könnte, ist die 25-Jährige Christen Press. Vor ihrer Abreise nach Chicago Ende Mai diesen Jahres habe ich mich mit der Stürmerin der Chicago Red Stars zu einem längeren Gespräch getroffen.

Zur Vorbereitung hatte ich mir vorgenommen, alle Texte ihres Blogs zu lesen, das sie mit ihrem Umzug nach Göteborg Anfang 2012 gestartet hatte. Aber das gab ich, vier Tage vor unserem Treffen, auf. Mehr als 150 Seiten auf A4 blieben übrig, als ich schon alle Fotos mühselig aus dem Text gelöscht hatte.

„Schreiben muss eine wichtige Rolle in deinem Leben spielen,“ begann ich als wir uns am Samstag vor dem Champions-League-Finale in Lissabon in einem der inzwischen vielen Filialen von Joe & The Juice auf der Hamngatan trafen, in der Christen Press, dem Namen des Cafés gerecht, einen Smoothie schlürfte.

„Ja, das stimmt. Am Anfang war das Blog für mich ein Weg, mit meinen Verwandten und Freunden in den USA den Kontakt aufrecht zu erhalten. In meinem Jahr in Göteborg habe ich so gut wie über alles geschrieben, ich war nicht in der Nationalmannschaft, ich war raus aus dem Scheinwerferlicht. Ich war der Auffassung, dass ich so ganz gut nach Haus berichten konnte, wie es mir erging. Ich schrieb viel über all die kleinen Missgeschicke, die einem am Anfang in einem fremden Land passieren. Heute schreibe ich vielleicht nur noch einmal im Monat.

Ich habe geschrieben, seit ich ein kleines Schulkind war. Das ist etwas, das mir Freude bereitet, es ist ein Ventil für mich, aber ich denke, jetzt ist das Blog ein bisschen ernster geworden. Jetzt, wo ich in der Nationalmannschaft spiele, habe ich ein viel größeres Publikum. Mit all den dramatischen Sachen, die in letzter Zeit passiert sind, ist es auch ein bisschen mehr Nachrichtenblog geworden.“

Christen Press, Torschützenkönigin der Damallsvenskan 2013 (Foto: Anders Henrikson)

Christen Press, Torschützenkönigin der Damallsvenskan 2013 (Foto: Anders Henrikson)

Schreibst du deine Texte und postest du sie fast direkt oder bist du der Typ, der schreibt, noch einmal liest, korrigiert und feilt und erst dann postet?

„Ich bin jemand, der sehr viel korrigiert. Ich bin eine Amateur-Autorin und wenn ich einmal im Monat schreibe, dann schau ich mir das sieben bis acht Mal an und schicke es dann meiner Schwester. Sie redigiert das dann nochmal, also man kann schon sagen, dass ich das als Amateur-Autorin ernst nehme. An der Stanford Universität hatte ich Kommunikation als Hauptfach und da geht es viel um Berichten, die journalistische Seite davon. Ich habe auch an einer Reihe von Kursen im Kreativen Schreiben teilgenommen und auch persönliche Essays. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.“

Deine Blogposts unterschreibst du immer mit Christen, aber auch mit dem Zusatz „rookie for life“ (Ein Leben lang Anfängerin). Ist das so eine Art Lebensphilosophie für dich?

„So hab ich mich einfach gefühlt. Nach vier Jahren im College und es waren vier harte Jahre, wo ich viel gelernt habe, aber um meine Karriere kämpfen musste, war ich dabei mir ein Leben außerhalb meines Elternhauses zu bauen. Dann hab ich meine Anfänger-Saison in der Profiliga WPS gespielt, die irgendwo eine große Katastrophe war. Ich habe für magicJack gespielt, einen sehr kontroversiellen Club und danach bin ich nach Schweden gezogen und natürlich war ich auch in dieser Situation eine Anfängerin. Ein Jahr später habe ich wieder den Verein gewechselt, ich denke, dass „Anfängerin ein Leben lang“ bedeutet, dass man die Wechsel im Leben willkommen heißt. Das war hart für mich mein ganzes Leben, es bedeutet aber auch eine Einstellung zu haben, dass man nett zu sich selbst ist. Wenn Sachen schief gehen und du landest in verrückten Situationen, musst du ein bisschen ruhig bleiben.“

Es gibt eine wunderbare Geschichte in deinem Blog, wo ich dachte, dass du irgendwo schon auch ein unsicherer Mensch bist, eine Geschichte, die aber auch zeigt, wie wichtig Rückhalt ist.

Du bist erst ein paar Wochen in Tyresö und weißt nicht, ob du den Erwartungen entsprechen kannst. Normalerweise machst du nach dem Training immer ein freiwilliges individuelles Schusstraining. Aber an einem Tag fühlst du dich unsicher, ob du mit den großen Spielerinnen wie Marta, Caroline Seger und Vero Boquete mithalten kannst und du verzichtest auf das Schusstraining, willst nach Hause. Umgezogen aus der Dusche kommend begegnest du Trainer Tony Gustavsson auf dem Parkplatz, der auf dich wartet. Er sieht dich an und lächelt, gibt dir einen Klaps auf die Schulter und sagt irgendwas wie, dass es schon gutgehen wird.

Foto: Anders Henrikson

Foto: Anders Henrikson

Ein Jahr später im finanziellen Chaos fühlst du dich wieder nicht gut. Und wieder willst du nach Hause und wieder steht Tony auf dem Parkplatz und wartet auf dich, aber dieses Mal sucht er nur deinen Blick, lächelt aufmunternd und geht.

„Ich würde sagen, jeder Mensch ist irgendwo ein wenig unsicher. Ich fände es wirklich verrückt, wenn man das nicht wäre. Ich gehe immer sehr vorsichtig in eine Situation hinein. Ich versuche, ein Gefühl für die Umgebung zu bekommen. Ich denke, dass ich so gepolt bin, mir Gedanken zu machen, bevor Dinge passieren. Ich denke schon Monate vorher über manche Dinge nach und dann, wenn eine Krisensituation eintrifft, bin ich ganz gut darin, damit fertig zu werden. Ich erinnere mich sehr stark an negative Dinge, also, vielleicht kommt das daher.“

Lass uns noch mal die Uhr zurücckdrehen, als du nach Europa kamst. Mir warst du schon aufgefallen, ich hatte zwei Spiele mit dir im Internet gesehen und war beeindruckt, aber soweit ich verstanden habe, hatte dein erster schwedischer Trainer Torbjörn Nilsson in Göteborg noch nichts von dir gesehen?

„Die hatten keine Ahnung, wer ich war. Und ich hatte keine Ahnung, wer die waren. Ich hatte ein Tryout bei Atlanta Beat in der WPS gemacht, aber dann brach die ganze Liga zusammen und vier Tage später schloss das Transferfenster in Europa. Ich hatte vier Tage, ein Team zu finden und ich war verzweifelt. Ich schrieb an alle meine Kontakte, Trainer, andere Agenten , Spielerinnen, die was wissen konnten. Ich versuchte, herauszufinden, ob es irgendwo Interesse gab und in dem Moment waren 50 – 100 andere Spielerinnen in derselben Situation. Es waren echt panische Zeiten für Spielerinnen, die nicht in der Nationalmannschaft waren. Ich hatte einen Kontakt, der den Besitzer von Kopparberg/Göteborgs FC kannte. Die haben mich unbesehen unter Vertrag genommen. Ich war aber schon vorher mal in Göteborg gewesen und hatte beim Kinder- und Jugendturnier Gothia-Cup mitgespielt. Daran konnte ich mich aber nicht erinnern. Aber meine Schwester und mein Vater hatten eine gute Erinnerung und meinten ‚Hey, das war doch nett da, da gibt’s doch diese Wasserwege und wir hatten eine schöne Zeit‘. Was passiert, passiert und ich hatte zu den Zeitpunkt nichts zu verlieren.“

Du hattest also auch keine großen Erwartungen. Erinnerst du dich noch an die ersten Wochen?

„Als ich dahin kam, war ich so verwirrt von all den Dingen, die mit Fußball nichts zu tun hatten. Fußball war so ziemlich das einzige, was ich wiedererkannte und was mir vertraut war. Es war so kalt im Februar, ich kannte die Stadt nicht und ich wurde jeden Tag im Hotel vom Manager zum Training abgeholt. Fußball war meine Schutzburg. Ich verstand mich von Anfang an sehr gut mit Torbjörn Nilsson, er hat mir so unglaublich viel beigebracht. Mein Spiel veränderte sich, der Stil, den ich spielte, veränderte sich sehr und zwar dank ihm. Er hat ja selber als Stürmer gespielt und er sah etwas in mir und wir arbeiteten viel zusammen. Am Ende denke ich, dass dieses Jahr ungeheuer ergiebig war für meine Karriere. Ich habe mir alte Videos mit Torbjörn angeschaut und er zeigte mir seine Bewegungen. Manchmal kam er zum Trainingsplatz und dann haben wir daran gearbeitet, das richtige Timing für die Sprints zu erarbeiten. Er war sehr detailversessen.“

Was nimmst du an Eindrücken mit, was hat dich geprägt?

„Die größte Lektion, die ich hier in Europa gelernt habe, ist, dass kontinuierlicher Druck dir nicht notwendigerweise die besten Ergebnisse gibt. Und ich habe hier durh meine Erfahrungen gelernt, dass es gut ist, manchmal die Dinge laufen zu lassen und weniger extrem zu sein. In Amerika sind wir so fokussiert darauf, immer die Besten zu sein. In Schweden ist es meh so, dass man die Dinge nimmt wie sie kommen. Ich mag wirklich das schwedische Wort „lagom“, ich mag den Gedanken dahinter. Dass du die Dinge laufen lässt und dass du trotzdem glücklich werden kannst und Dinge schätzen kannst.“

Was würdest du amerikanischen Spielerinnen sagen, die nicht das Privileg haben oder hatten, im Ausland spielen zu können?

„In den USA gibt es so viel Antrieb, so viel Fokus auf das Ziel. Hier in Schweden schätzen die Menschen mehr den Weg. Sie verstehen die Aufs und Abs einer Karriere. Sie lassen sich nicht dadurch definieren. in Schweden geht es mehr darum Spiel für Spiel zu absolvieren, Moment für Moment zu leben, es zu genießen, wenn die Sonne scheint. Wenn die Sonne scheint, lässt du alles auch mal liegen und genießt die Sonne. Ich habe hier erfahren, dass Spielerinnen mehr Spaß am Fußball haben. Sie verstehen das Spiel besser, sie leben es mehr und ich hoffe wirklich, dass ich ein bisschen davon nach Chicago mitnehmen kann. Ich denke, dass ich da in meinem neuen Team mehr eine Führungsrolle haben werde und wenn ich jüngeren Spielerinnen, die ihere Karrieren gerade beginnen, etwas vermitteln könnte, dass sie das Spiel mehr genießen lässt und dass sie dann erfolgreicher sein können, dann wäre ich zufrieden. Hört auf, euren Fokus auf den Erfolg zu setzen! Fokussiert auf das, was ihr könnt und der Erfolg wird kommen!“

Lass mich bitte noch einmal auf deine Unsicherheit zurückkommen. Es gibt einen Moment in Tyresö, wo sich der Kreis schließt, ein Moment, in dem gerade diese Unsicherheit auf immer verschunden sein muss, den du als den stolzesten Moment deiner Fußballkarriere beschrieben hast. Würdest du uns davon erzählen?

Marta (links), Christen Press (Foto: Anders Henrikson)

Marta (links), Christen Press (Foto: Anders Henrikson)

„Das war das dritte Tor im Champions-League-Halbfinale gegen Birmingham. Birmingham spielte unfair, Marta war respektlos angemacht worden vor dem Elfmeter, den sie dann verschoss. Sie ist eine ungeheuer emotionale Spielerin. Sie nimmt das mit, wenn sie spielt und du kannst es in ihrem Gesicht sehen. Wir führten mit 2:0 und wir würden gewinnen, aber man konnte es trotzdem in ihrem Gesicht sehen, dass sie fühlte, sie hätte uns im Stich gelassen, als sie den Elfmeter verschoss. Das Schöne an diesem Sport ist, dass es nicht nur um dich geht, es geht darum, mit anderen Menschen Verbindungen zu schaffen. Im letzten Moment des Spiels, wir waren in der Nachspielzeit schnappte ich mir den Ball und dachte eigentlich nicht, dass etwas Großes passieren würde. Marta und ich kommunizierten nie viel auf dem Platz, sie sagt mir nie, wenn ich passen soll, sie sagt mir nicht wo sie ist. Sie ist eine stille Spielerin, die stillste, mit der ich je gespielt habe und sie spricht niemals Englisch. Wenn sie was sagt, dann Spanisch, das ist ihre dritte Sprache und meine sehr schlechte Zweite. Am Ende des Spiels dann aber spielte sie mir den Ball zurück und sie rief ‚Wait!‘, weil sie das auf Englisch sagte, war mir klar, dass es ihr sehr ernst war und dann setzte sie zum Sprint an und ich spielte ihr den Ball zurück und sie schoss das 3:0. Als sie zu mir kam liefen ihr Tränen übers Gesicht und sie war so dankbar, dass wir diesen gemeinsamen Moment und diese Verbindung hatten. Sie sagte ‚Thank you!‘ Dieser Moment gab mir ein unglaubliches Glücksgefühl, ich fühlte mich so stark als Spielerin und so stolz als Mannschaftskameradin.“

Christen, wir müssen kurz über Tyresö reden, man würde mich sonst für verrückt halten. Aber ich will keine geheimen Details wissen, sondern mehr, wie das alles dein zukünftiges Verhalten beeinflusst und ob du glaubst, noch einmal vorbehaltlos Vertrauen zu einem Verein haben zu können?

„Nun, ehrlich gesagt, war ich sehr überrascht, dass so etwas in Schweden passieren konnte. Die Situation war insgesamt sehr ähnlich der, die ich schon mal mit magicJack erlebt habe. Da gab es kein Vertrauen in die Organisation, die Umwelt war hart gegen uns, das war absolut unakzeptables Benehmen und kaum zu ertragen. Die Liga ging kaputt und Teams gingen rechts und links kaputt. Es gab keinen Spielraum für Vertrauen mehr. Als ich nach Schweden kam, fühlte ich mich geborgen. Diese Mannschaften würden nirgends hingehen {magicJack verlegte seinen Standort von Washington DC nach Florida}, die sind schon lange hier, das ist stabil. Also, als das mit Tyresö dann losging war das schon ein Schlag. Ich glaube, dass ich jetzt in den USA nicht mehr dasselbe Vertrauen empfinden kann, dass ich einmal hatte.“

In Tyresö habt auch ihr immer sehr viel erst aus den Medien erfahren und wurdet nicht vom Arbeitgeber informiert. Du hast geschrieben, dass jed E-Mail vom Verein Angst ausgelöst hat und du erst einmal gewartet hast, bis du sie aufgemacht hast.

„Es geht ja nicht nur um das Geld. Es geht darum, wie wir behandelt wurden, man hat uns ausgenutzt. Wir haben viele Nachrichten aus den Medien bekommen, vieles davon war dann auch noch falsch. Aber weil wir keine Infos vom Verein bekamen, wussten wir gar nicht, was falsch war und was nicht. Wir fühlten alle, dass man uns eiskalt ausgenutzt hat. Die wussten genau, wieviel uns die Champions League bedeutete. Sie wussten, dass sie uns nicht bezahlen konnten und haben es durchgezogen.“

 

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