Tyresö spielt auf Zeit


Auf dem Rasen könnte man sich das kaum vorstellen von dem Team, das aufgrund seiner überragenden Individualisten eine der besten Mannschaften der Welt ist. Aber hinter den Kulissen wird seit Wochen, seit Monaten auf Zeit gespielt.

Heute Nachmittag also kam die Meldung des schwedischen Fußballverbands, das Tyresö für 2015 keine Elitlizenz bekommt, also nicht in der Damallsvenskan spielen darf. Hauptgrund: Man hat keinen wirtschaftlichen Jahresbericht abgeliefert, die Grundlage für die Beurteilung ds Finanzgebarens der 12 Vereine der ersten und 14 der zweiten Liga ist.

Sechs Wochen und ein Tag ist die Deadline her. Natürlich griffen die Kollegen von Funk und Fernsehen zum Telefon und riefen den 71-Jährigen Hans Lindberg an, der in Personalunion sowohl Geschäftsführer der hochverschuldeten Tyresö Fotboll AB ist, die die A-Mannschaft betreibt und gleichzeitig Präsident des großen Fußballvereins Tyresö FF.

„Damit haben wir gerechnet,“ sagte Lindberg dem schwedischen Fernsehen per Telefon. „Wir haben ja die notwendigen Unterlagen nicht eingereicht.“

Dieses Verhalten kann man cool finden, es ist eigentlich eine weitere bodenlose Frechheit. Natürlich wussten die Spielerinnen nichts davon, dass einen Tag nach dem Erreichen des Champions-League-Finals von Lissabon der Zwangsabstieg verkündet wird.

Aber selbstverständlich hat die Tyresö Fotboll AB die Möglichkeit, gegen den Beschluss Widerspruch einzulegen. Man werde den Wirtschaftsbericht einreichen und selbstverständlich werde man Widerspruch einlegen, so Lindberg, man hätte einige wichtige Informationen noch nicht parat gehabt als die Deadline 16.03. ablief.

Da es sich um das Jahr 2013 handelt, kann man sich fragen, welche Unterlagen aus einem abgelaufenen Haushaltsjahr fehlten und wie das sein kann. Aber ungereimt ist vieles, was aus dem Mund Lindbergs kommt.

Unterdessen halten Fans der A-Mannschaft weiterhin die Treue. „Ich würde mir wünschen, dass ihr mehr auf die guten und positiven Nachrichten um Tyresö fokussiert, zum Beispiel das Erreichen des CL-FInales“ schrieb ein Fan aus Dänemark an die Seite damfotboll.com auf Twitter, nachdem diese die Nachricht von der verweigerten Lizenz publiziert hatte.

„Die Spielerinnen und die Leute um das Team herum. Große Idole für mich und meine Mädchen. Solche Geschichten müssen veröffentlicht werden,“ schreibt derselbe Fan aus Hjørring, dessen eigene Mannschaft Fortuna vergangenes Jahr am Tyresövallen überrollt wurde.

Überrollt von einer Mannschaft, die unfinanzierbar war und ist. Während die Däninnen aus Hjørring ebenso wie Neulengbach, Birmingham und nicht zuletzt PSG wirtschaftlich mit ehrlichen Karten und vorhandenem Geld antraten. Und allesamt von der „gedopten gelben Lokomotive“ (so der Sportjournalist Simon Bank, Aftonbladet) aus dem Weg geräumt wurden.

Tyresö spielt auf Zeit, das nehmen inzwischen fast alle Beobachter an. Es geht um den 22.05. in Lissabon, das CL-Finale gegen den VfL Wolfsburg, mit dem sich die Stars verabschieden werden: Marta, Vero Boquete, Caroline Seger, Christen Press, Meghan Klingenberg und Whitney Engen sowie Ersatztorhüterin Carola Söberg.

14 Tage später findet am Amtsgericht in Nacka die zweite Verhandlung statt. Es muss geklärt werden, ob man der Tyresö Fotboll AB weitere drei Monate Rekonstruktion einräumt. Wenn die Gläubiger nein sagen, wird es wohl in den Konkurs gehen. Dann sind auch Tinja-Riikka Korpela, RIlany, Mayara, Thaysa, Linda Sembrant, Malin Diaz, Lisa Dahlkvist, Line Røddik Hansen, Lisa Klinga, Madelaine Edlund und die letzten Verbleibenden kurzfristig zu haben und die Serie wird mit elf Vereinen zu Ende gespielt.

Es ist eine Schande. Die vielen ehrenamtlichen Helfer des Vereins fühlen sich durch die Berichterstattung zutiefst verletzt. Dafür habe ich Verständnis. Sie stehen noch immer hinter dem Team und tun alles für den Sieg in der Champions League. Dem Frauenfußball in Schweden und überhaupt schadet das Projekt Tyresö. Das Projekt des Hans Löfgren, der Fußballbegeisterung mit krankhaftem Ehrgeiz und grenzenloser Gier kombinierte und mit Sicherheit die eine oder andere Krone am rasanten Aufstieg seines Geschöpfs verdient hat. Er ist jetzt wieder Mitarbeiter von Tyresö, nachdem er fast zwei Jahre lang unter anderem wegen einer Verurteilung wegen des in Schweden illegalen Kaufs sexueller Dienste offiziell nicht in Amt und Würden war. Ein Fußballvater aus Tyresö, Anders Bengtsson, hat den Sportredaktionen aller großen Zeitungen Ende vergangener Woche einen offenen Brief geschickt. Ich werde ihn hier übersetzen.

 

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