Tyresö: Hochmut und Gier kommen vor dem Fall


Nicht immer schaffe ich es, während einer normalen Arbeitswoche, mich so umfassend und zeitnah über aktuelle Ereignisse zu informieren, wie ich das gerne tun würde. Im Fall der Tyresö Fotboll AB, jener angeblich vollständig vollzogenen Abkopplung vom Restverein Tyresö FF, haben die schwedischen Medien in dieser Woche etliche Artikel und Berichte produziert. Acht Tage vor dem Viertelfinalhinspiel gegen den österreichischen Meister SV Neulengbach, der Tyresö einen Schritt weiter auf einem vor langer Zeit vorgezeichneten Weg zum Champions-League-Finale nach Lissabon am 22. Mai 2014 bringen soll, ist das Luftschloss zumindest leck geschlagen und wir alle wissen, was passiert, wenn sich ein kleines Loch in einem Ballon bildet oder hineingestochen wird: die Luft entweicht, manchmal langsam, meistens jedoch relativ schnell.

Angefangen hat das Märchen, das nun vermutlich kein glückliches Ende nehmen wird, im Herbst 2005. Die Frauenmannschaft war gerade in die vierte Liga abgestiegen, die Stimmung unter den damaligen Spielerinnen auf dem Tiefpunkt. Denn in den 90er Jahren hatte Tyresö tatsächlich einmal in der ersten Liga gespielt und da hatten internationale Stars wie die Amerikanerinnen Michelle Akers und Kristine Lilly das rotgelbe Trikot getragen.

Der damals 39-Jährige Unternehmer Hans Löfgren hatte einen Sohn und eine Tochter, die beide im Verein spielten. Beide Teams trainierte Löfgren. Er war Teil des Vereins und bekam mit, was der Frauenmannschaft passierte. Wie er mir 2010 selber erklärte, war das der Zeitpunkt, in dem die Idee entstand. Eines Abends setzte sich Hans Löfgren an seinen Computer und verfasste eine 24-seitige Power-Point-Präsentation über die mögliche, nähere Zukunft des Vereins, an deren Ende der Gewinn der schwedischen Meisterschaft 2012 und der Sieg in der Champions League 2014 standen.

In den Jahren nach 2006-2013 entwickelte sich in und um Tyresö ein fast beispielloses Spielerinnenkarussell. Mit jedem Aufstieg, zuerst in die dritte, dann die zweite und schließlich die erste Liga, trennte man sich von einem wesentlichen Teil des Kaders, der den Ansprüchen in der nächsthöheren Stufe nicht mehr genügte. 41 Spielerinnen hat der Verein innerhalb von nur vier Jahren verpflichtet, wenn die Zeitung Dagens Nyheter richtig gezählt hat. Am Ende stand dann irgendwann eine Spielertruppe, die von vielen Missgönnern des Vereins etwas verächtlich Real Tyresö genannt wurde. Torhüterin Carola Söberg genügte unlängst beim Algarve-Cup den Ansprüchen von Pia Sundhage für die schwedische Nationalmannschaft, in Tyresö setzte man ihr letzten Herbst Ashlyn Harris und nun Tinja-Riikka Korpela vor die Nase.

 

Hans Löfgren erhielt den Spitznamen „Hasse Plånbok“ (Hasse Brieftasche). Der Sportchef des Vereins bestimmte fast alles und machte auch fast alles. Er fuhr vor den Heimspielen zu den Botschaften der ausländischen Spielerinnen und lieh sich dort große Fahnen aus, die er dann am Spieltag ausgewählten Fans übergab, die sie schwenken mussten, besonders heftig dann, wenn es Fernsehübertragungen gab und die Kamera auf die neugebaute, teure Gegentribüne gerichtet war. Da konnte man sehen, wie Löfgren das Handzeichen zum Fahneschwingen gab.

Um die Mannschaft wurde ein vielmaschiges Netz aus kleinen und mittleren lokalen Unternehmen gebildet, die den Verein auf seinem Weg an die europäische Spitze unterstützen sollten und wollten. Löfgren ist ein Meister der Überredungskunst, meist redet er ohnehin selber. Den Verein mit seiner lokalen Identität zu einer Angelegenheit für die Heimatgemeinde zu machen – das war an und für sich eine großartige Idee. Der Lebensmittelladen der Kette ICA im Einkaufszentrum von Tyresö unterstützt den Verein ebenso wie das Fotostudio und der Blumenladen, dessen Sträuße Löfgren immer noch nach jedem Spiel an das Schiedsrichterteam verteilt und ab und an Jubilaren für ihr 50. oder 100. Länderspiel in die Hand drückt. Allerdings braucht man in der europäischen Spitze dann irgendwann, auch im Frauenfußball, viel mehr Geld, als kleine Blumenhändler, Fotostudios und Lebensmittelgeschäfte haben.

2011 passierte der erste GAU. Tyresö hatte sich für 2012 gerade verpflichtet, die Frauenrechtsinitiative UN Women der Vereinten Nationen auf die Trikots drucken zu lassen. Aktiv wollte man sich für die Rechte unterdrückter Frauen in der Welt einsetzen und dem Verein somit eine sehr positive Assoziation geben. Hans Löfgren kaufte sich im Herbst 2011 die Dienste einer Prostituierten in Stockholm und wurde erwischt. Anders als in Deutschland nämlich, wo das Laufhaus und das Bordell inzwischen rechtlich dem Friseurladen und der Bäckerei gleichgestellt sind, ist der Kauf sexueller Dienste in Schweden strafbar.

Ein paar Wochen vor dem Beginn der Saison 2012, in der man nun endlich die Meisterschaft gewinnen wollte und für die man Marta und Vero Boquete neben anderen Stars verflichtet hatte, kam die erste Meldung, dass der Sportchef eines Frauenfußballvereins aus dem Stockholmer Raum wegen des Kaufs sexueller Dienste zu einer Geldstrafe verurteilt worden sei. Einen Tag später war der Name in den Zeitungen. Caroline Seger ließ sich damals zu der dümmlichen Äußerung verleiten, dass das Löfgrens Privatsache sei. Eine Frau, die Vorbild sein will. Aber nur wenige beißen die Hand, die einen füttert. Löfgren war offiziell schon nicht mehr Sportchef des Vereins. Er hat das Amt offenbar offiziell im Herbst 2011 abgegeben, als er wusste, dass eine Verurteilung auf ihn zukommen wird.

Dennoch blieb er der Strippenzieher, der Zampano, der alles entschied. Zwei Heimspiele blieb er fern, dann tauchte er wieder auf, verteilte Blumensträuße an Aktive, übernahm manchmal auch das Mikro der Stadionsprecherin Gunilla Pajkull und verhandelte mit Agenten und Beratern über neue Einkäufe und Verträge, die seine Schöpfung Tyresö zur Nummer 1 in Europa machen sollten.

In den Medien tauchte seit 2012 aber nur noch der Vereinsvorsitzende Hans Lindberg auf. Der 71-Jährige Lindberg, selber Unternehmer wie Löfgren, war auch mal Bürgermeister von Tyresö und hat nach wie vor Aufsichtsratsposten in einem guten Dutzend Firmen, darunter auch der ominösen Tyresö Fotboll AB, die sich gegründet hat, um eine wirtschaftliche Trennung zwischen der A-Mannschaft und dem Rest des Vereins Tyresö FF zu erzielen.

Nun ist die Tyresö Fotboll AB also mit 7,8 Millionen Kronen in der Kreise, hat Rekonstruktion beantragt und bewilligt bekommen. Muss alle Ausgaben in bar bestreiten und hat einen Verwalter vom Amtsgericht zugeteilt bekommen, der alles überwachen muss. Beantragt die Firma während der Rekonstruktionszeit, die nun maximal bis Anfang September 2014 dauern darf, die Abschreibung oder Teilabschreibung der immensen Schulden bei den Gläubigern, hat der schwedische Fußballverband nach § 21 seiner Wettbewerbsregeln für 2014 keine andere Wahl, als den Verein 2015 in die Elitettan zu schicken, die zweite Liga.

Sollte die Rekonstruktion der Tyresö Fotboll AB misslingen, muss die Firma Konkurs beantragen. Die Chancen auf eine Rekonstruktion angesichts der immens hohen Verbindlichkeiten, müssen wohl eher als gering eingeschätzt werden. Beim Scheitern der Rekonstruktion wird die Firma somit in den Konkurs geführt werden. Allerdings hat der schwedische Fußballverband somit, einen Monat vor dem Start der neuen Saison ein Riesenproblem, denn es wird nicht mehr gehen, die Mannschaft aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Man fühlt sich an den Fall des Zweitligisten Dalsjöfors erinnert, der sich 2011 maßlos übernahm, während der Saison dann vom Konkursverwalter aus dem Spielbetrieb genommen wurde. Die Saison wurde mit elf statt zwölf Vereinen zu Ende gespielt, nachdem sich der aufgeblasene Tabellenführer nach der Hälfte der Saison ins Konkursverfahren verabschiedet hatte.

Nachdem wir aufgrund einer Spielerflucht und eher zweitklassiger Verstärkungen bislang Jitex BK als den ersten Abstiegskandidaten auf der Liste hatten, gesellt sich nun Tyresö FF als wahrscheinlich zweiter Absteiger hinzu, unabhängig davon, wie und mit welcher Mannschaft man 2014 abschneidet. Das ist noch Spekulation. Aber wer ist bereit, der Tyresö Fotboll AB jetzt 7,8 Millionen zu geben und den weiteren monatlichen Betrieb zu gewährleisten, mit allen Ausgaben für teils unverantwortliche Gehälter, Reisen zu Auswärtsspielen etc.?

Vergangenes Jahr präsentierte Tyresö wie immer vollmundig „den umfassendsten Sponsorenvertrag in der Geschichte des schwedischen Frauenfußballs“. Man hatte die Firma Prioritet Finans jetzt als fettgedruckten Namen auf den Trikots und auf beiden Seiten hinter den Toren. Der Besitzer der Firma, der nicht unumstrittene Unternehmer Nils Wiberg, sagte der Seite Fotbollskanalen von TV4: „Das kam wie ein Schock, ungefähr so, wenn man einen Hammer gegen den Kopf bekommt.“

Und er sagt weiter, dass seine Firma künftig Vorsicht walten lassen wird, wen man wie unterstützt: „In Zukunft werden wir die Sportvereine, die wir unterstützen mit der Lupe kontrollieren. Wir werden nicht mehr in verdammte Konkursmassen investieren. Wenn der Sport sich nicht am Riemen reißt, dann wird er viele Sponsoren verlieren.“

Die Gehälter in Tyresö sind dieser Tage öffentlich geworden. Ich hatte in diesem Blog einige genannt, aber inzwischen sind alle publiziert worden. Hans Löfgren sagte mir im Frühjahr 2010, dass Tyresös Konzept sei, keine besonders hohen Gehälter zu zahlen. Man setze viel mehr auf eine Kombination aus Fußball & Beruf oder Ausbildung plus Wohnung und wolle somit die Gehaltskosten überschaubar halten. Hier ist die Liste der aktuellen Gehälter in der Tyresö Fotboll AB:

1. Marta Vieira da Silva 168.000 Kronen/Monat (18.943 €)
2. Veronica Boquete 165.550 (18.667 €)
3. Caroline Seger 70.000 (7.893 €)
4. Fabiana 69.970 (7890 €)
5. Lisa Dahlkvist 39.000 (4.397)
6. Rilany 37.170 (4.191)
7. Tinja-Riikka Korpela 33.000 (3.721)
8. Thaisa 32.687 (3.685)
9. Christen Press 32.247 (3636)
10. Mayara 30.980 (3.493)
11. Madelaine Edlund, Linda Sembrant je 30.000 (3.382)
13. Line Røddik Hansen 25.000 (2.818)
14. Whitney Engen 20.000 (2.255)
15. Malin Diaz 15.000 (1.691)
16. Johanna Rytting Kaneryd 10.000 (1.127)

Die Trainer Tony Gustavsson (75.000 SEK / 8.456 €) und Peter Olsson (15.000 / 1.691) komplettieren die Liste, die also lediglich die Mannschaft umfasst. Das macht pro Monat 898 000 Kronen (101.258 €).

Alle diese Gehälter fallen aufgrund der Rekonstruktion unter die sogenannte „staatliche Gehaltsgarantie„. Das bedeutet, dass nicht die Tyresö Fotboll AB die Gehälter während der Rekonstruktion bezahlt, sondern der schwedische Steuerzahler, mit anderen Worten: auch ich finanziere derzeit Martas Gehalt…

Allerdings: Nach den Regeln der staatlichen Gehaltsgarantie werden niemandem mehr als 4 sogenannte Grundbeträge ausbezahlt. Der Grundbetrag für 2014 liegt bei 44.400 SEK. Mehr als insgesamt 177.600 SEK (20.026 €). Marta und Vero Boquete werden also keine zwei Monatsgehälter aus dieser staatlichen Garantie beziehen können, Caroline Seger und Fabiana keine drei, ebenso wie Trainer Tony Gustavsson. Das könnte bedeuten, dass die beiden Topspielerinnen des Vereins im Mai gratis beim Champions-League-Finale auflaufen?

Im Übrigen besagen die Regeln, dass im Falle einer positiv ausgehenden Rekonstruktion die Gehälter vom Arbeitgeber an den Staat zurückgezahlt werden müssen. Dagens Nyheter nennt diese Maßnahme „künstliche Beatmung“.

Simon Bank, einer der bekanntesten Sportjournalisten Schwedens und Sportchef bei Aftonbladet schreibt heute einen deutlichen Kommentar:

„Natürlich wäre es schön gewesen, zu sehen, wie eine Mannschaft den Weg von einem sympathischen Außenseiter aus dem Nirgendwo bis hin zur Greifweite europäischer Pokale geht. Auf der anderen Seite war es auch sympathisch, zu sehen, wie Johan Mühlegg Ski gelaufen ist, bevor er des Dopings überführt wurde.“

„Es ist nicht schade um Tyresö“, so Bank weiter. „Es ist schade um die anderen Vereine, die ihren Betrieb nach ihren Möglichkeiten gestaltet haben, Verantwortung für ihr Budget übernommen haben und schließlich von einer gelben, gedopten Lokomotive überholt wurden.“

Und kritisiert mit Recht, dass durch die staatliche Gehaltsgarantie jetzt sogar das fast perverse Faktum eintrete, dass die anderen Vereine und ihre Spielerinnen mit ihren Steuern die völlig uferlos gewordenen Einkommen Tyresös mitfinanzieren müssten.

„Die neuen Berichte aus Tyresö zeigen, wie die Vereinsverantwortlichen jedwede Verantwortung für den Verein über Bord geworfen haben für die Chance, sich im Glanz in Europa zu sonnen. Sportmoralisch gesehen ist das nichts anderes als kriminell. Es ist leicht zu sagen, dass sie verloren haben. Sie hätten nicht einmal spielen dürfen,“ lautet das harte Urteil von Simon Bank.

Möglich, dass 2014 ein Team die Champions League gewinnt, dass dann 2015 bei seiner nächsten Champions League-Teilnahme mit einem wesentlich billigeren Kader in der zweiten Liga spielt.

Unterdessen hört man schon von anderen Vereinen hinter vorgehaltener Hand, dass sich völlig verunsicherte Spielerinnen Tyresös melden und fragen, ob man denn möglicherweise Interesse an ihnen hätte, falls das leckgeschlagene Schiff Tyresö doch schneller sinkt, als erwartet.

Man fragt sich auch, wieso der schwedische Fußballverband eigentlich nichts gemerkt hat, denn Tyresö FF hätte unter den gegebenen Voraussetzungen in der Damallsvenskan 2014 nichts zu suchen. Dennoch hat man die Lizenz bekommen, die nun nicht zurückzuziehen ist, ohne dass das gesamte Ligagefüge ins Wanken gerät.

 

 

 

 

 

 

 

 

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