Im Gespräch mit Marta Vieira da Silva


Marta_VdSZum ersten Mal traf ich Marta im Spätsommer 2005 im Bildmuseet in Umeå. Damals war sie 19 Jahre alt und schon der große Star des schwedischen Meisters Umeå IK. Roland Arnqvist, der wesentlich für den Erfolg dieser Mannschaft verantwortlich war, hatte die Brasilianerin entdeckt und vom anderen Ende der Welt ins kalte Nordschweden geholt.

Seitdem habe ich Marta Vieira da Silva oft live spielen sehen, sowohl für Umeå wie auch für Brasilien und Tyresö und manchmal kurz mit ihr gesprochen.

Letzte Woche war es dann endlich an der Zeit, ein langes Interview mit der fünffachen Weltfußballerin des Jahres zu machen. Wir trafen uns auf einen großen Capuccino im Einkaufszentrum von Tyresö.

Marta, die Saison 2013 muss für dich speziell gewesen sein. Kannst du kurz beschreiben, wie das für dich gelaufen ist?

„Für mich war das wirklich eine ganz andere Art von Saison. Es war das erste Mal, das ich nicht fast alle Spiele gemacht habe und viel Zeit in der Reha verbringen musste. Ganz neu für mich, weil ich bislang nie etwas hatte, was mich daran hinderte, zu spielen. “

Sieben Spiele verpasste Marta, fast ein Drittel der gesamten Saison, nicht zuletzt das entscheidende „Ligafinale“ zwischen Tyresö und Malmö, in dem Tyresö bei einer 2:1-Führung zwölf Minuten vor Schluss schon Kurs auf die Meisterschaft nahm, dann aber 2:3 verlor. Ein Spiel, auf  das wir zurückkommen werden. Ich bitte Marta, etwas über den Bandscheibenvorfall zu erzählen, den sie im Spätsommer bekam.

„Ich habe früher immer wieder kleinere Verletzungen gehabt. Aber trotzdem konnte ich dann irgendwie spielen, dieses Mal war das nicht möglich. Das war eine völlig neue Situation. Aber verletzt zu werden ist etwas, das uns Spielerinnen jederzeit passieren kann. Ich hatte sicher so einige kleinere Signale von meinem Rücken, am Schluss wurde es schlimmer. Ich konnte kaum noch gehen oder mich bewegen und musste sehr viel liegen. Das spüre ich immer noch irgendwie, aber ich kann jetzt spielen, muss aber meine Zeit zwischen Training, Reha und Spielen einteilen.“

Unwiderstehlicher Antritt

Unwiderstehlicher Antritt

Wenn man dich nach dem Comeback im Herbst gesehen hat, hat man dir nichts angemerkt. Gegen Göteborg etwa, da stand es 1:1 zur Halbzeit und ich habe das auch in meinem Spielbericht geschrieben, da warst lediglich du ambitioniert und hungrig, während die anderen irgendwie geschlafen haben.

(Marta lacht). „Naja, ich wollte einfach unbedingt wieder spielen und war fast schon gestresst, dass ich so oft nur zugucken konnte und nicht spielen durfte. Eigentlich hätte ich vielleicht besser noch etwas länger gewartet, aber es ging nicht mehr, die Lust aufs Spiel wurde zu groß. Es geht ganz ok. Ich hätte nicht mehr tun können, als was ich getan habe seitdem.“

Wie hast du während der Reha gearbeitet?

„Den größten Teil der Zeit habe ich alleine gearbeitet nach den Anweisungen, die ich bekommen hatte. Ich habe viel Zeit mit unserer Naprapatin Jessica verbracht und war auch 1-2 mal auf Bosön [dem Leistungszentrum der Nationalmannschaft in Stockholm; ffschweden] und konnte mit Christina arbeiten, die Rückenspezialistin ist. Ich habe gelernt, mich um mich selber zu kümmern und das alleine zu machen. Hundert Prozent fit bin ich immer noch nicht, ich merke immer noch, dass da was war.“

Wir kommen darauf zurück, dass 2013 das erste Jahr seit 2005 ist (!), in dem Marta nicht mit ihrer jeweiligen Mannschaft die Liga gewonnen hat.

„Das ist natürlich schade, zumal es wie gesagt das erste Mal war, dass ich längere Zeit pausieren musste. Natürlich denkt man daran, ob man der Mannschaft vielleicht etwas mehr hätte helfen können, wenn man nicht verletzt gewesen wäre. Aber hier geht es nicht nur um Marta, es geht um die ganze Mannschaft und wie wir dieses Jahr bestritten haben. Es kann noch eine ganz akzeptable Saison werden, wenn wir das Viertelfinale der Champions League erreichen. Und das ist dann auch eine gute Motivation, im nächsten Jahr weiterzumachen.“

Kumpel Caroline Seger hilft Marta aufzustehen - den anschließenden Elfmeter hält Kristin Hammarström

Kumpel Caroline Seger hilft Marta aufzustehen – den anschließenden Elfmeter hält Kristin Hammarström

Was wisst ihr über euren Gegner Fortuna Hjørring?

„Gar nicht so viel. Die sind sehr tüchtig, führen die Tabelle in Dänemark an und wir wissen, dass der Platz, auf dem wir auswärts spielen müssen, gerade in dieser Jahreszeit nicht so optimal sein wird., das ist Naturgras dort.“

Im Spätsommer geschah viel in Tyresö, Einige Spielerinnen, die kaum noch eingesetzt wurden wie Elaine oder Annica Svensson gingen zu anderen Vereinen und es kamen drei neue Amerikanerinnen und eine Norwegerin. Manche sahen das kritisch. Was denkst du?

„Das ist nicht so leicht, wenn man eine gute Mannschaft bauen will, muss man sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Zeit, ein solches Team zu bastteln. Schau dir nur Barcelona an, das ist für mich nach wie vor die beste Mannschaft der Welt. Das ist nicht von ungefähr gekommen. Es hat Zeit gebraucht. Und es ist schwer, wenn man eine Situation hat, in der einige verletzt sind und neue Spielerinnen dazukommen. Und man soll dennoch gute Leistungen bringen. Da wird es manchmal leicht chaotisch und irgendwo denke ich, dass das genau das ist, was bei uns passiert ist. Ich finde, wir müssen einen Plan für die Mannschaft machen und uns dann daran halten. Es ist nie verkehrt, wenn man ein, zwei oder drei Spielerinnen austauscht, aber du brauchst einen festen Kern. Es geht nicht nur darum, dass alle Fußball spielen können müssen, du musst dich auch auf dem Platz und außerhalb verstehen, damit es rund läuft.“

Drei Kinder tauchen auf und trauen sich endlich, Marta anzusprechen. „Jetzt machen wir eine kleine Pause,“ lächelt sie und schreibt bereitwillig Autogramme. Wirst du eigentlich oft erkannt?

„Ja, in Tyresö passiert mir das ständig,“ lacht die Brasilianerin. „In Stockholm schon ein bisschen weniger. Aber es kommt oft vor, dass jemand sich dann doch traut, zu mir zu kommen, um ein Autogramm zu kriegen oder ein Foto mit mir zu machen. Wir sind Vorbilder für die Kinder und wenn ich sie ein bisschen glücklich machen kann, wenn ich ihnen ein Autogramm geben kann, dann mache ich das sehr gerne.“

Nach den Heimspielen von Tyresö fällt auf, dass gerade Marta lange braucht, um vom Platz in die Kabine zu kommen. Jedes Mal stehen neue oder dieselben Kinder Spalier und die Weltfußballerin ist gleichermaßen freundlich zu allen. Außerhalb des Platzes lernt man eine ganz andere Marta kennen, die bei weitem nicht so verbissen und aggressiv ist, wie man das manchmal auf dem Platz wahrnimmt. Sie ist freundlich, nett und bescheiden und nach einer Weile ist sie ganz locker und aus dem Interview wird eine Unterhaltung über den aktuellen Frauenfußball. Wir wechseln das Thema.

Warum hat Malmö die Meisterschaft gewonnen? Tony (Gustavsson) sagte etwas enttäuscht am Abend nach dem Spiel Malmös in Mallbacken, dass man die Meisterschaft gerade in jenen 12 Minuten verloren habe, die eingangs schon erwähnt wurden. Aber war Malmö nicht einfach auch sehr gut?

„Natürlich, Malmö hat eine ganz tolle Saison gespielt. Aber weißt du, als wir gegen die gespielt haben, da waren wir Tabellenführer. Ich glaube, dass wir, wenn wir dieses Spiel gewonnen gätten, etwas mehr motiviert gewesen wären. Es drehte sich da, sie gewannen gegen uns und hatten auf einmal den psychologischen Vorteil und zwar den ganzen Herbst lang.“

Marta, ich habe nachgeschaut. Du bist zum zehnten Mal hintereinander nominiert als beste Fußballspielerin der Welt. Niemand anders hat das erreicht. Wie fühlt sich das an?

„Das ist natürlich unglaublich, auch wenn man bedenkt, wie diese Saison gelaufen ist. Sie war nicht 100% komplett und trotzdem darf ich wieder zu den zehn Besten gehören. Das ist großartig. In einem Jahr, in dem eine WM oder Olympiade ist, beeinflusst das sicher die Wahlen, je nachdem wie es für deine Nationalmannschaft gelaufen ist. In diesem Jahr scheint es aber keine klare Favoritin zu geben. Wir werden sehen.“

Im Juni war die brasilianische Nationalmannschaft zu Besuch in Stockholm. Außer dir und 2-3 anderen Spielerinnen habe ich niemanden erkannt, das war ein sehr junges Team.

Marta spielte lediglich die zweite Halbzeit gegen Schweden im Juni

Marta spielte lediglich die zweite Halbzeit gegen Schweden im Juni

„Ja, das stimmt, da sind viele neu. Brasilien baut eine neue Mannschaft. Aber Formiga ist noch dabei und auch Christiane wird zurückkommen. Und die anderen sind vielleicht nicht ganz so jung, wie du geglaubt hast, aber das ist ja schön für sie, dass du findest, dass sie jung aussehen,“ lacht Marta.

Wie es sonst so ausschaut mit dem Frauenfußball in anderen südamerikanischen Ländern, frage ich. Ich habe gesehen, dass etwa Argentinien, Peru und Chile aus der Weltrangliste herausgenommen wurden, weil sie keine Spiele absolviert haben in den letzten anderthalb Jahren.

„Ich denke, dass Brasilien immer noch ein, zwei Schritte vor den anderen ist in Südamerika. Aber es ist sehr schwer, da den Überblick zu haben, was in den anderen Ländern passiert. In Brasilien wollen jedenfalls immer mehr Mädchen spielen. Manchmal ist es schwer, weil sie wenig Möglichkeiten haben, zu spielen. Aber vor kurzem habe ich mich mit dem Nationaltrainer und dem Boss der Nationalmannschaft darüber unterhalten und sie haben mir erzählt, dass sie regionale Trainingslager abhalten werden, um besser Talente sichten zu können. Es soll zum Beispiel eine U15 geben, das ist ein großer Fortschritt. Es ist wirklich schön zu sehen, dass da etwas geschieht. Aber viele große Teams gibt es nicht, Santos und Corinthians waren sehr gut.“

Gerade Santos hat ja das Frauenteam abgeschafft, um Neymars Gehalt zahlen zu können.

„Ich glaube das nicht, dass Santos wegen Neymars Gehalt mit Frauenfußball aufhören musste. Die sollten meines Wissens nach nur ein paar Prozent von seinem Gehalt zahlen. Ich glaube, dass Santos seine Frauenmannschaft hätte behalten können. Die kosteten auch nicht so viel.“

In weniger als anderthalb Jahren ist die WM in Kanada. Denkst du schon manchmal daran?

„Oh ja, und auch an die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. Wir haben drei Endspiele mit Brasilien erreicht, zweimal bei einer Olympiade und einmal bei einer WM. Wir waren jedes Mal nah dran, zu gewinnen, also ist man weiterhin motiviert, endlich einmal Gold zu gewinnen.“

Auch in Deutschland, wo ihr im Viertelfinale gegen die USA ausgeschieden seid, hättet ihr durchaus viel weiter kommen können. Ich habe mit Pia Sundhage und Ali Krieger über diesem magischen Moment gesprochen, als Abby Wambach in der buchstäblich letzten Sekunde das 2:2 gegen euch machte. Dann gewannen die Amerikanerinnen das Elfmeterschießen und kamen bis ins Finale. Wie hast du das auf der anderen Seite erlebt?

„Das ist wirklich nach wir vor schwer für mich an diesen Moment zu denken,“ gibt Marta zu. „Wir haben einfach nicht klug genug gespielt, als wir mit 2:1 führten und nur noch 15-20 Sekunden Spiel übrig waren. Warum mussten wir die Amerikanerinnen herausfordern und versuchen, einander zuzupassen, statt den Ball einfach nur wegzudreschen? Nein, für mich ist das nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass wir da einen taktischen Fehler gemacht haben und natürlich war ich sehr traurig nach dem Spiel. Während des Elfmeterschießens sah ich die hängenden Köpfe der anderen und dass sie nicht an sich selbst glaubten. Aber daraus müssen wir lernen und weiterarbeiten.“

Trotz all deiner Erfolge ist es imponierend, jede Woche deinen Hunger und deinen Ehrgeiz zu sehen. Woher kommt das?

„Ich weiß es nicht. Ich war wohl immer so. Ich lebe mein Leben, um Fußball zu spielen und immer mein Bestes zu geben. Wenn ich ein gutes Spiel mache, will ich ein noch besseres Spiel beim nächsten Mal machen. Das hat mir sehr geholfen zu werden wie ich bin. Als ich klein war, musste ich kämpfen und ich habe mich entschieden, Fußball zu spielen und Profi zu werden und musste gegen fast alle anderen kämpfen, die es nicht in Ordnung fanden, dass ein Mädchen Fußball spielt. Aber ich wollte denen zeigen, was ich kann und vielleicht ist es so, dass ich aufhören muss mit dem Fußball, wenn ich irgendwann mal zufrieden mit mir selber bin.“ Marta lacht, aber sie meint es ernst.

Eine Mutter kommt zu uns: „Entschuldigung, dass ich störe, Marta, aber ich möchte dir nur sagen, dass meine Tochter dich vergöttert.“

„Danke, vielen Dank, das bedeutet mir sehr viel. Grüß sie von mir.“

Vieles hat sich verändert seit das kleine Mädchen in dem brasilianischen Provinzstädtchen Dois Riachos sich gegen alle durchsetzen musste. Sie ist prominent geworden und vielleicht und wie ich persönlich nach wie vor finde, die beste Spielerin aller Zeiten. Und jetzt passieren auch in Brasilien positive Sachen.

„In meiner Heimatregion spielen jetzt tatsächlich viele Mädchen. Wann immer ich da bin und mich umsehe, sehe ich Mädchenmannschaften, die richtige Matches spielen.“

Jetzt bist du 27 und hast noch ein paar Jahre aktive Karriere vor dir, aber denkst du manchmal schon dran, was danach kommen soll?

„Ja, ich denke tatsächlich ab und zu daran und ich habe begriffen, dass ich mit dem Fußball nicht aufhören kann. Auf irgendeine Art und Weise will ich mit Fußball zu tun haben. In meiner Heimatregion mache ich schon ein paar Sachen und versuche, denen zu helfen. Für mich spielt es aber keine Rolle, ob das in Brasilien oder Schweden sein wird.“

Drei Jahre warst du in den USA. Jedes Jahr in einer anderen Stadt. Los Angeles, San Francisco und Buffalo. Wie war das Leben da?

„Es war nicht so einfach. Besonders das erste Jahr war schwer. Ich kannte nicht viele Leute in Los Angeles und ich sehe Los Angeles nicht als eine Stadt für Sport, das ist eine Stadt für Filme und Prominente, Es war ein hartes Jahr, wo sich alles um den Fußball drehte. Ich trainierte, fuhr zu den Spielen und fuhr nach Hause und hatte nicht viel soziales Leben. Manchmal bin ich tatsächlich zu IKEA gefahren, nur um die schwedischen Hackfleischbällchen („köttbullar“) zu essen. Viel besser war es dann in San Francisco. Da habe ich viele Leute aus Brasilien kennen gelernt. Am Ende waren wir eine riesige Clique von 25-30 Personen haben viel zusammen unternommen, gekocht und so. Mit den meisten habe ich nach wie vor Kontakt. In Buffalo im dritten Jahr war es wieder langweiliger. Da gibt es nicht so viel. Aber da war Maurine, eine brasilianische Mannschaftskameradin und auch Caroline Seger und wir hingen oft zusammen. Besser als L.A., aber am besten war wirklich San Francisco.“

Aber jetzt bist du wieder zu Hause.

„Hier bin ich zu Hause, klar, besonders, wenn du es mit den USA vergleichst. Ich komme hier auch völlig allein klar. Wir haben viele brasilianische Fans in Tyresö, die jedes Mal kommen und einen tollen Lärm machen mit ihren Trommeln. Jedes Mal, wenn ich rausgehe und sie höre, spüre ich ein wenig Wärme auf den Platz kommen, die schicken mir etwas Energie rüber. Aber ich habe in ganz Schweden viele Freunde, erst vorletztes Wochenende war ich in Umeå und habe alte Freunde da besucht. Diese Stadt wird immer besonders sein, ich mag Umeå.“

Ein langes Interview geht zu Ende und am Samstag steht Marta wieder gegen Fortuna Hjørring auf dem Platz für Tyresö FF. Ziel Lissabon 2014. Auch da könnte sich Marta dank der Sprache heimisch fühlen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s