Aus Enttäuschung wurde Freude


DSC09104Nach dem Schlusspfiff flossen noch Tränen bei der norwegischen Mannschaft. Das hielt nicht langer an. Am Abend feierte man die Silbermedaille ausgiebig im Hotel und machte dem Trainer Evan Pellerud noch ein großes Geschenk.

Dennoch, Norwegen hatte es in der Hand, bzw. den Füßen gehabt, den Deutschen den sechsten EM-Titel in Folge wegzuschnappen. Zweimal zeigte die rumänische Schiedsrichterin auf den Elfmeterpunkt, zweimal glaubte Nadine Angerer, dass es sich um Fehlentscheidungen gehandelt hatte, zweimal war in den Zeitlupen zu erkennen, dass die Norwegerinnen zwar leicht fielen, aber dass Celia Okoyino da Mbabis und Jennifer Cramers Füße tatsächlich Cathrine Dekkerhus und Caroline Hansen im Weg gestanden hatten. Vertretbare Pfiffe.

Aber sowohl Trine Rönning wie auch Solveig Gulbrandsen ballerten jeweils in die Tormitte, einmal wurde glücklicherweise Angerers Knie getroffen, das andere Mal gelang es der Veteranin ihre Hand hochzureißen. Mit „Super-Natze“-Chören stürmte die deutsche Mannschaft anschließend die Pressekonferenz und schlug damit einmal straflos über die sonst so strengen deutschen Stränge in einer Organisation, in der Zucht und Ordnung herrschen und jede leise Kritik als aufmüpfiges Verhalten gedeutet und entsprechend sanktioniert wird und in der Spontaneität als unpassende Entgleisung empfunden wird.

Zurück zu den Norwegerinnen, die tatsächlich gestern die bessere Mannschaft waren, aber verdient verloren, weil sie zwei 100%-er nicht verwerteten.

Der temperamentvolle Assistenztrainer der Norwegerinnen, der das ganze Turnier über an der Seitenlinie hüpfte und schrie, Roger Finjord: „Wenn Trine und Solveig nicht so toll das ganze Turnier über gespielt hätten, dann wären wir doch gar nicht ins Finale gekommen. Der Einsatz der Beiden auf und außerhalb des Spielfelds war fantastisch. Natürlich ist das jetzt sehr bitter für sie, aber die werden wieder aufstehen. Die werden es verkraften, in einem EM-Finale Elfmeter verschossen zu haben.“

Gar nicht auszudenken, was Silvia Neid gesagt hätte, wenn es umgekehrt gelaufen wäre. Denn wenn es schlecht läuft, beschuldigt sie für gewöhnlich ihre Schützlinge wie sie das nach dem ersten Spiel gegen Norwegen in Kalmar gemacht hatte.

„Ich fühle mich schuldig,“ sagte Solveig Gulbrandsen, die ein großartiges Turnier gespielt hat. „Im Moment bin ich sogar untröstlich. Ich habe schon früher in meiner Karriere Elfmeter verschossen, aber nie in einem EM-Finale,“ sagte die 32-Jährige mit Tränen in den Augen. Ähnlich Trine Rönning: „Man fühlt sich natürlich ein bissche  wwie ein Sündenbock, aber ich war sehr froh, dass Solveig nach mir auch verschossen hat, womit sie die ganze Schuld bekommen kann,“ sagte Rönning ironisch und versuchte ein Lächeln.

Gulbrandsen war nicht zum Scherzen zumute. Trotz dass alle Mannschaftskameradinnen ihr den Rücken stärkten und erklärten, dass sie nicht an der Niederlage Schuld sei, meinte sie: „Das müssen die jetzt wohl sagen.“

Trainer Pellerud wurde mit einem riesigen Paket im Hotel überrascht, in dem sich seine Frau Anne befand, die er seit Wochen nicht gesehen hatte. „Immerhin erkennt er mich noch,“ scherzte sie. Da war den Norwegern schon wieder zum Feiern zumute. Da war die Leichtigkeit, die sie in diesen drei schwedischen Wochen ausgezeichnet hatte, auch wieder zurück. Ein wenig jedenfalls.

„Das ist toll hier und ich hoffe, es wird besser, je länger der Abend dauert,“ sagte Ada Hegerberg. Die Mannschaft war umgezogen und hatte sich fein gemacht: „Ich sehe hier heute Abend nur schöne Frauen,“ so Hegerberg.

Trainer Pellerud war stolz auf seine Mädels: „Ihr habt all das umgesetzt, was wir als Trainerstab wollten und noch ein bisschen mehr. Ich habe gesagt, dass wir physisch besser werden müssen, diese Herausforderung habt ihr angenommen. Ihr wart in der zweiten Halbzeit gegen Deutschland die bessere Mannschaft, wer hätte das gedacht? Ihr habt einen unglaublichen Job gemacht.“

Und Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der es sich im Gegensatz zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht hatte nehmen lassen, das Spiel persönlich im Stadion zu erleben, sagte zur Zeitung Aftenposten über die Mannschaft: „Ihr seid Vorbilder für das ganze Land!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s