Russische Profiträume – Sofia Jakobsson packt aus


Dieses Interview hätte ich gerne selber geführt. Nachdem Sofia Jakobsson wochenlang mehr oder weniger verzweifelt versucht hat, ihren russischen Club Rossiyanka zu verlassen und letztlich bei Chelsea London landete und dann auch noch Linnés Liljegärd mit dem russischen Meister brach, konnte man sich an den Fingern einer Hand abzählen, dass da einiges vorgefallen sein muss.

Bislang hat Jakobsson geschwiegen oder niemand hat sie danach gefragt. In einem Interview mit der Seite Fotbollskanalen des TV4-Imperiums hat Sofia Jakobsson jetzt breit und ausführlich über Russland gesprochen.

Im Sommer 2011, so erzählt Jakobsson dem Fernsehsender, tauchte Rossiyankas damaliger Trainer Farid Benstiti (früher Lyon und jetzt Paris) auf in Umeå und machte der jungen Schwedin sportliche Avancen. Er solle in Russland eine Weltklassemannschaft aufbauen und man wolle ganz hoch hinaus. Jakobsson behauptet heute, dass sie erst sehr zögerlich war, ablehnen wollte. Aber der Promi mit Frankreich-Hintergrund und seine Zukunftsvisionen, die er mit ihr verbinden wollte, schmeichelte ihr dann doch.Das Gehalt war sensationell und als Rossiyanka auch bereit war, 400.000 Kronen Ablöse an Umeå zu zahlen brachen die Dämme. Der Vertrag kam zustande.

In ihrem Vorort, nordöstlich von Moskau, lebten die Spielerinnen das gute Leben, das man heute in Russland leben kann. Schöne Wohnungen, eine internationale Athmosphäre mit vier Brasilianerinnen, darunter Weltklassespielerin Cristiane und eine Südafrikanerin, mit der sich Sofia anfreundete. Die Spielerinnen unternahmen Dinge in der Freizeit, registrierten die großen Unterschiede in der russischen Gesellschaft in Krasnoarmejsk, aber sie waren Profis und lebten ihren Traum.

Sofia Jakobsson sagt heute, dass die Qualität, das Talent vieler russischer Spielerinnen hoch sei, dass sich viele ihrer ehemaligen Mannschaftskameradinnen auch in der Damallsvenskan gut behaupten könnten. Das ist sowieso ein Punkt, den ich nicht verstehe, kleiner Exkurs: Warum holt man nicht öfters osteuropäische Spielerinnen nach Schweden? Sie sind talentiert, billiger als Amerikanerinnen und Afrikanerinnen und oft leichter zu integrieren.

Vor der Olympiapause verlängerte Sofia ihren Vertrag in Moskau um ein weiteres Jahr. Und als sie aus London bzw. Schweden nach dem Sommerurlaub zurückkam, war auf einmal alles anders. Farid Benstiti war nicht mehr da, er war von Paris SG abgeworben worden und auch die vier Brasilianerinnen hatten bereits die Koffer gepackt und Russland auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Das Training übernahm der Sohn eines Vorstandsmitglieds und was Jakobsson derm Fernsehsender erzählt, so hätte wohl auch ich das Training übernehmen können, es wäre kaum schlechter gewesen.

„Es war fast wie eine Rückkehr zum Kinderfußball und für mich war das einfach nicht seriös,“ sagt Jakobsson dem Fernsehsender TV4. „Ich habe keine Ahnung, ob dieser Sohn irgendeine Fußballausbildung hatte, aber ich glaube es nicht. Er hatte einfach nicht die Art Übungen.“

Jakobsson packte langsam die Panik. Hier war sie in einem inzwischen runtergekommenen Verein und in Schweden löste Pia Sundhage Thomas Dennerby ab. Sofia sah ihre EM-Chance, noch dazu beim Turnier im eigenen Land, in großer Gefahr. Sprach mit Rossiyankam, bat entlassen zu werden. Dort zeigte man Verständnis, sagt sie, aber sie müsse ausgelöst werden aus dem Vertrag. Inzwischen war auch noch Göteborgs Linnéa Liljegärd eingetroffen, die Jakobsson in dem Interview merkwürdigerweise mit keinem einzigen Wort erwähnt.

In Moskau wusste man, dass die Schwedin weg will und setzte sie auf die Bank. Und manchmal nicht mal das. Nun hatte sie ein grottenschlechtes Training und dazu noch keine Spielpraxis. Dann kam ein deutscher Trainer (Achim Feifel, früher Hamburger SV), der Disziplin als Waffe benutzte, so der Artikel. Da er sich kaum mit dem Team verständigen konnte, hätte er oft „stopp, stopp, stopp“ über den Platz geschrien und als disziplinarische Maßnahme serienweise Strafrunden laufen lassen.

Ende Januar dann gelang der Schwedin der Absprung nach England, wo sie jetzt für Chelsea London spielen wird. Die Engländer zahlten eine Ablöse, von der es heißt, dass sie deutlich geringer war als die ursprüngliche Kaufsumme.

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2 Gedanken zu „Russische Profiträume – Sofia Jakobsson packt aus

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