Lotta Schelin: „Für mich hat sich nichts verändert“


Lotta_09022013

Lotta Schelin

Ich komme noch einmal zurück auf den letzten Samstag und meinen ersten Besuch in der Friends Arena. Hier wird am 28.07.2013 um 16.00 Uhr das Endspiel der EURO 2013 gestartet und hier hat Pia Sundhage am 09.02. zum ersten Mal ein Training angesetzt.

Jonas Nystedt, Pressechef des schwedischen Fußballverbands, ist da. Bevor die Nationalmannschaft einmarschiert, um sich zunächst mit Mädchen von Danderyds SK und dann mit uns Journalisten zu unterhalten, geht Jonas umher und fragt, mit wem wir reden wollen. Emma Berglund, Emmelie Konradsson, sagt Blogautor Anders Nilsson. Jonas notiert schnell auf einem behelfsmäßigen Zettel. „Elin Rubensson und Amanda Ilestedt, am liebsten beide zusammen,“ sagt Alva Nilsson, die wie ich für damfotboll.com schreibt.

Jonas schreibt weiter, sieht mich an. „Lotta Schelin“, sage ich. Jonas schreibt nicht, murmelt etwas wie „die kommt ja sowieso“.

Lotta Schelin ist der unumstrittene Star dieses 22 Personen umfassenden Kaders. Die anwesenden Mädchen von Danderyds SK wollen alle ein Foto mit der 28-Jährigen Fußballerin des Jahres haben, sie bekommen es auch. Lotta lächelt. Lotta schreibt. Lotta posiert. Für jedes der Kinder hat sie ein freundliches Wort, einen Klaps auf den Rücken, eine Geste.

„Hast du Instagram,“ fragt eine 12-Jährige und Lotta lacht, es ist ein offenes, ehrliches Lachen. „Nein, das hab ich nicht,“ sagt sie. „Haben wir nicht vorhin schon ein Bild zusammen gemacht,“ fragt sie zwei Mädchen mit denen sie in die Hocke geht und Wange an Wange posiert. Es ist eh egal, sie lässt sich nochmals fotografieren, inzwischen scheinen alle Kinder in diesem Land IPhones zu haben. Instagram sowieso. Und so erscheinen vermutlich innerhalb weniger Minuten etliche Lotta-Bilder im Internet. Auf Instagram, Facebook und sonstwo.

Pia Sundhage hat in den Wochen und Monaten nach ihrer Amtsübernahme das Land im Sturm erobert. Sie hat so gut wie alle erdenklichen Preise gewonnen, ist nebenbei auch noch Welttrainerin des Jahres geworden und ihr Charisma füllt auch die Halle, in der wir uns an diesem Samstag mit der Nationalelf Schwedens aufhalten. Pia hat offen und deutlich immer wieder in der Öffentlichkeit ihre Erwartungen an Lotta Schelin formuliert. Nicht nur im direkten Gespräch, sondern eben auch in Interviews in Printmedien, im Radio, im Fernsehen. Lotta ist der Star der Mannschaft, so Sundhage. Sie muss liefern. Sie muss Spiele entscheiden. Ich erwarte noch mehr von ihr.

An diesem Samstag sind immerhin gut 25 Akteure versammelt. Aber es ist das Charisma von Pia Sundhage, das den Raum füllt. Und das von Lotta Schelin. Mit einem Mal geht mir auf, das da zwei wahrlich große Persönlichkeiten sind in einem Team, zu dem viele gehören.

An diesem Samstag bin ich zur Friends Arena gekommen, weil ich mit Lotta Schelin über die Erwartungen an sie reden will. Wie sie damit klar kommt. Deshalb lasse ich sie nicht aus den Augen, als Funktionäre am anderen Ende des Saals mit ihren Presseerklärungen beginnen.

Wir werden lediglich maximal 15 Minuten haben mit der Mannschaft, bis das Training beginnt. „Verwaltet irgend jemand deine Interviews,“ frage ich sie vorsichtig. „Sprich mit ihm da,“ sagt Lotta und deutet auf einen Pressevertreter des Verbands. Der weiß es selber nicht so genau, sein Notizbuch ist in beeindruckender Weise mit Krakeleien gefüllt.

Schelin geht mit einer anderen Spielerin in die Arena. Übrig bleiben die anderen, die zu Interviews abkommandiert sind. Rubensson, Berglund, Caroline Seger, Sara Thunebro.

Dann ist der offizielle Teil 1 vorbei und wir dürfen die Spielerinnen sprechen, aber Lotta ist noch im Stadion. Als sie dann kommt, bin ich sofort da, aber dann sagt der neue Pressemann, dass sich die Spielerinnen uns erst einmal vorstellen sollen. Im Halbkreis stellen sie sich auf und Lotta beginnt. „Ich heiße Lotta Schelin und bin Stürmerin.“ Und auf der anderen Seite des Halbkreises endet es mit „Ich bin Pia Sundhage, ich bin die Trainerin der schwedischen Frauenfußballnationalmannschaft.“

Da sind ein paar, die auch zu Schelin wollen, aber ausnahmsweise bin ich mal penetranter und schneller. Wäre auch blöd gewesen, wenns jetzt doch nicht geklappt hätte.

Lotta, du bist schon so etwas wie der Star der Mannschaft. Alle Kinder wollen dein Autogramm, wollen mit dir fotografiert werden.

Naja, ich weiß nicht. Ich schreibe Autogramme für alle, die eins haben wollen, antwortet Lotta Schelin ganz Schwedisch bescheiden. Mir ist klar, dass ihr auch meine nächste Frage nicht gefallen wird.

Wie gehst du damit um, dass Pia Sundhage dich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund stellt und so klare Erwartungen auch öffentlich formuliert?

Was soll ich sagen? Ich bin wie immer. Etwas trotzig klingt die Antwort auf die Frage, die sie sicher nicht zum ersten Mal hört. Ich glaube, dass ich auch schon vorher eine ziemlich klar definierte Rolel hatte, für mich hat sich nichts verändert. Ich weiß, was ich kann und das versuche ich so gut wie möglich zu tun.

Naja, dass das alles jetzt auch ganz öffentlich an dich herangetragen wird durch Pia?

Aber was soll sich denn da verändern? Es gibt überhaupt keinen Grund etwas zu ändern. Sie darf doch machen und sagen, was sie will und mit „sie“ meint sie die Trainerin Sundhage aber wir sind nun mal elf Spielerinnen auf dem Platz und x Spielerinnen auf der Bank. Wir haben immer von der Mannschaft gesprochen. Ich denke, dass das das Wichtigste ist. Natürlich gibt es immer eine Zahl x von Spielerinnen, die eine mehr hervortretende Rolle haben. Das kaufe ich ab, aber das ist nichts Neues, so war das auch vorher. Der einzige Unterschied ist, dass Pia klarer ist, und Klarheit ist immer gut. Sie weiß, was sie will und sie weiß auch, was sie von jeder einzelnen Spielerin will.

Du bist jetzt seit 3-4 Jahren in Lyon. Es ist schon mein fünftes Jahr, korrigiert sie mich. Oh, mein Gott ja, die Zeit vergeht. Lotta lacht, sie wird jetzt entspannter, bilde ich mir ein. Hat dich die Zeit in Frankreich verändert, nicht nur im Hinblick auf den Fußball, sondern mehr auf das Land bezogen?

Darüber könnten wir sehr lange reden. Klar, dass mich diese Zeit verändert hat. Man entwickelt sich als Mensch, als Spielerin, wenn man ins Ausland zieht. Ich spiele in einem fantastischen Team mit vielen, vielen Weltklassespielerinnen. Das bewirkt, das man sich auch auf einem bestimmten Niveau befindet. Dann haben wir auch einen Trainer, der sehr hohe Ansprüche stellt und der viel von uns will.

Am 28. März wirst du in Malmö spielen, das ist wohl das erste Vereinsspiel auf schwedischem Boden für dich, seit du Schweden verlassen hast?

In meinem zweiten Jahr spielten wir gegen Umeå, aber im Rückspiel war ich verletzt, du hast also Recht. Das wird toll. Wir haben ein gutes Selbstvertrauen und wir brauchen vor nichts Angst zu haben. Natürlich ist Malmö eine supergute Mannschaft. Aber ich denke, dass wir trotzdem leicht favorisiert sind, wir müssen jedoch in beiden Spielen 100% geben.

Sicher. Wie soll eine Mannschaft, die zweimal in Serie die Champions League gewonnen hat und die sich gerade noch mal eben mit Weltstars wie Shinobu Ohno und Megan Rapinoe verstärkt hat, nicht favorisiert sein.

Ihr habt in der Liga aus 14 Spielen 14 Siege und 90:4 Tore. Sehr überlegen, beginne ich.

Dazu kannst du ein Tiorverhältnis von 39:1 in der Champions-League Saison 2011/12 legen, ergänzt Lotta Schelin. Das sagt etwas über unser Team, nicht alles über die französische Liga, die ist sicher nicht gleichmäßig stark, absolut nicht, aber das ist schwer für mich zu beurteilen, weil wir einfach eine so unglaublich gute Mannschaft sind. Wir lassen es nie zu, uns zu entspannen und das kann dann dazu führen, das manche Spiele 10:0 enden.

Wenn man all das addiert, kommt man auf 129:5 Tore in Meisterschaft und Champions League und auch in der mit zwei Runden gestarteten Saison hat man gegen den finnischen Meister PK-35 und den russischen Vizemeister Zorkij insgesamt weitere 23:0 Tore produziert.

Ist es eigentlich wirklich immer noch gleich spannend, in dieser Mannschaft zu spielen, wenn man allen anderen so überlegen ist? Vermisst du nicht manchmal die engen Spiele mit knappen Siegen oder Niederlagen?

Ich kriege diese engen Spiele doch und ich habe eine faszinierende Trainingsumgebung mit allen Möglichkeiten. Da gibt es für mich nichts, über das ich nachdenken müsste. Wir sind eine der besten Mannschaften der Welt.

Ganz schließt sie eine Rückkehr nach Schweden nicht aus und ich denke mir, dass ich spätestens dann wieder mal mit Lotta Schelin reden will, dann mit mehr Zeit und darüber, wie Frankreich auf sie gewirkt hat, welche Dinge sie dort schätzen gelernt hat und wie sich die Wahlheimat vom Leben in Göteborg unterscheidet. Sie hat ja selber gesagt, dass sie dazu viel zu sagen hätte, denke ich, als ich zum ersten Mal die Treppen der Friends Arena hochsteige zu den Presseplätzen, um mir das Training anzuschauen.

2 Gedanken zu „Lotta Schelin: „Für mich hat sich nichts verändert“

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