Der Jahresrückblick (2)


Nun zum Rückblick auf das Frauenfußballjahr 2012 aus meiner Sicht. Mit dem Fokus auf Schweden aber Ausflügen nach anderswo.

Im Januar 2012 hing ich wie gebannt vor dem 17″-Zollbildschirm meines Rechners und sah mir erstmals die große Show des Draftings in den USA an. Die WPS schanzte sich die besten Spielerinnen der College-Saison nach einem ausgeklügelten System zu. Riesenaufwand für eine Liga, von der viele gewusst haben müssten, dass sie wenig später schon zu Grabe getragen werden sollte.

Offiziell gab man Dan „The Man “ Borislow die Schuld daran. Der Selfmade-Millionär hatte das vor dem Konkurs stehende Team Washington Freedom gerettet und dann in magicJack verwandelt. Dabei alle Regeln der Liga verletzt und auch die meisten Spielerinnen mehr oder weniger mies behandelt. Eine der wenigen, die sich trauten, auszupacken, war Ella Masar. Dagegen hält Abby Wambach Borislow bis heute die Stange. Das hat sicher auch mit Geld zu tun.

Die WPS scheiterte und Hollands Stürmerin Manon Melis war eine von wenigen Ausländerinnen, die in die USA gehen sollten, zu Sky Blue, wo vor ihr schon Therese Sjögran, Jessica Landström und eine meiner Lieblingsspielerinnen, Laura Österberg Kalmari, gespielt hatten.

Da Meister Malmö schon Anja Mittag und Ramona Bachmann verpflichtet hat, konnte man sich Melis nicht mehr leisten. Jörgen Pettersson, ihr Ex-Trainer rief an und holte sie nach Linköping, wo man offenbar Großes vorhatte, denn mit Lisa DeVanna hatte man eine weitere Weltklassestürmerin geholt. DeVanna hat in der Szene einen sehr zweifelhaften Ruf als sozial schwer zu integrierende Spielerin. Ob das gutgehen würde mit ihr, das fragten sich viele, die man im Frühjahr 2012 traf.

Ich weiß nicht mehr wer die erste und wer die letzte war, aber 2012 war das Jahr der Kreuzbandrisse. Es erwischte sehr viele Spielerinnen, was Fragen aufwarf nach Trainingsmethoden, medizinischer Betreuung und Vorbeugung. Klar ist, dass der Frauenfußball nur sehr wenig Ressourcen hat. Während internationale Topvereine bei den Männern medizinische Abteilungen haben, hat kaum ein Club der Damallsvenskan auch nur einen ganztags angestellten Mediziner oder Physiotherapeuten.

Charlotte Rohlin, Linda Sällström, Hedvig Lindahl, Linda Sembrant, Sofia Nilsson, Frida Nordin, Therese Sjögran, Lisa Ek und zehn weitere Spielerinnen der ersten Liga zogen sich die Langzeitverletzung zu. Am Ende waren es 17 oder 18, nicht alle wurden in den Medien gemeldet wie etwa Sofia Nilsson (Djurgården), von deren Verletzung ich durch eine Spielerin erfuhr.

Bevor Anja Mittag ihren ersten Ball bei ihrem zweiten Aufenthalt in der Damallsvenskan (sie hat 2006 schon kurz bei QBIK in Karlstad gespielt) trat, ließ Sportchef Niclas Carlnén das K-Wort in Malmö fallen. Konkurs, wenn Malmö und seine Wirtschaft nicht bald kapiert, dass man Geld springen lassen muss, wenn man einen Topverein haben will. Man hatte sich Spielerinnen geholt, ohne deren Finanzierung gesichert zu haben. Das ist ganz schön dreist und abgeschmackt, aber manchmal funktioniert es. Carlnén bekam Geld, schrie im Herbst nochmal Konkurs und am Ende fand sich ein reicher Retter, der den ansonsten dem Untergang geweihten Verein mit dem Duschgelnamen unter dem Preis der Fusion mit dem FC Rosengård aus der Vorstadt, unter seine Fittiche nehmen wird. Das freut uns trotz des leicht bitteren Geschmacks, den man vorher haben konnte.

Anders ging es dem Spitzenreiter der 2. Liga Süd (Söderettan). Dalsjöfors GoIF war aus der ersten Liga abgestiegen und wollte sofort wieder zurück. Auch hier agierte eine Vereinsführung ohne jegliche abgesicherte Finanzierung, in der Hoffnung, Geld aus dem allgemeinen Erbfond zu bekommen. Nahm kanadische Nationalspielerinnen wie Erin McLeod und Melissa Tancredi in Liga 2 unter Vertrag und führte diese auch an. War sportlich auf dem sicheren Weg zurück in die Damallsvenskan. Spielerin Rebecca Johnson wurde zur Chefin des Clubs gemacht, man klärte sie jedoch ebensowenig wie alle anderen über die desaströse finanzielle Lage auf. In der Pause im Sommer wurde klar, dass Dalsjöfors am Ende ist. Nicht erst am Ende der Saison. Sofort. Der Tabellenführer wurde dem Konkursverwalter überführt, wurde aus der laufenden Serie genommen. Aus der Traum. McLeod und Tancredi holten noch ihre Sachen ab und verschwanden über den großen Teich.

(FORTSETZUNG FOLGT)

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