Eine Stunde mit Marta


Im ersten Programm P1 des schwedischen Radios gibt es eine 53 Jahre alte Tradition. In der Woche vor Mittsommer bis zum Ende der Schulferien spricht jeden Tag eine bekannte Person eine Srunde lang über Themen, die sie selber auswählt und spielt dazwischen selbstgewählte Musik.

Am 27.07.2012 wurde eine Stunde mit Marta Vieira da Silva gesendet, der fünffachen Weltfußballerin des Jahres, die in Umeå richtig groß wurde, dann zweimal die WPS-Meisterschaft in den USA gewann und dabei dreimal Torschützenkönigin wurde.

Hier sind übersetzte Auszüge aus der Sendung des schwedischen Radios:

ZUM ERSTEN MAL IN SCHWEDEN: „Manchmal werde ich gefragt, ob ich mich erinnen könne, was ich dachte, als ich zum ersten Mal in Schweden landete. Ja, ich weiß das noch. Es war am 4. Februar 2004. Auf dem Flughafen in Brasilien redete ich mit einem Mann, der Spanisch sprach. Er fragte, wohin ich fliegen würde und als ich Schweden antwortete, verstand er gar nichts. Er sah auf meine dünne Jacke und sagte *Caramba, hast du keine wärmeren Sachen?‘ Nach ein paar Zwischenlandungen, verstand ich die Frage des Mannes. Vom Fenster des Flugzeugs konnte ich keine Stadt sehen. Das einzige, was ich aus der Luft sehen konnte war: weiß, weiß, weiß, überall weiß, wie ein Ozean aus Schnee. Also, was dachte ich, als ich das Flugzeug verließ. Zwei Sachen: 1) Wie soll das gehen, hier Fußball zu spielen? und 2) Wie können Menschen hier leben?“

KINDHEIT IN DOIS RIACHOS: „Ich komme aus einer sehr kleinen Stadt in Nordbrasilien, Dois Riachos, von der nicht einmal die meisten Brasilianer etwas gehört haben. Da wohnen 10-12.000 Menschen. Ich habe vier Geschwister, mein Pappa verließ uns, als ich ein Jahr alt war. Meine Mutter arbeitete bei der Stadt als Putzfrau und wenn sie abends nach Hause kam, war sie kaputt. Obwohl sie hart arbeitete, gab es kein Geld für die Schule für mich. Ok, die Schule war kostenlos, aber nicht die Bücher, nicht die Hefte und nicht die Stifte. Als ich acht Jahre war, gingen meine Freunde jeden Morgen zur Schule. Selbst mußte ich warten, bis wir uns das leisten konnten. Während Mamma arbeitete, war ich oft bei der Großmutter und sah Fernsehen. Mit Hilfe von Kindersendungen im Fernsehen brachte ich mir selber das Lesen und Schreiben bei. Am meisten jedoch war ich draußen und spielte Fußball mit den Jungs auf der Straße. Meine Mutter war immer mein großes Idol. Sie verdiente nie mehr als etwa 100 € im Monat und selbst in Brasilien ist das nicht viel Geld. Meine erste Mannschaft war eine mit Jungs, es gab keine Mädchenmannschaften. Eines Tages kam der Opa eines Jungen in meiner Mannschaft zu mir und gab mir ein paar Schuhe. Das war das tollste Geschenk meines Lebens. Er war beeindruckt, dass da ein Mädchen mit all den Jungs spielte. Die Schuhe waren zwei Nummern zu groß. ‚Aber doch nicht szu groß‘, sagte ich. Ich wollte sie behalten. Und stopfte Papier hinein, um sie auszufüllen. Ich spielte in den Schuhen bis sie völlig kaputt waren.“

ANGEBOT AUS SCHWEDEN: „Als wir mit der Nationalmannschaft 2003 in die USA fuhren, um an der WM teilzunehmen, wusste ich eines: Fußball war die Chance, mir selbst und meiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Aber ich musste es zu einem Club auf dem höchsten Niveau schaffen, ich musste Profi werden. Die WM in den USA begann gut, wir gewannen gegen Frankreich und Norwegen, ich schoss Tore in beiden Spielen. Im Viertelfinale verloren wir gegen Schweden. Ich verwandelte einen Elfmeter, aber wir verloren mit 1:2. Wir fuhren nach Hause, hatten gut gespielt, aber gemerkt, dass wir einiges noch lernen mussten.
Im Januar 2004 begann das Telefon zu klingeln. Da war ein Mann, der sprach von einer Mannschaft, die Umeå IK hieß, die hätten Interesse an mir. Ich glaubte an einen Scherz, aber der Mann rief immer wieder an und hinterließ immer dieselbe Nachricht: Umeå IK in Schweden will dich haben, bist du interssiert? Ich antwortete ganz ehrlich, ‚ich weiß nicht mal, wo Schweden liegt‘, aber ich begann zu verstehen, dass diese Schweden es ernst meinten. Ungefähr zur selben Zeit kamen Leute vom schwedischen Fernsehen nach Brasilien. Sie wollten eine Reportage über Frauenfußball bei uns machen. Ich fragte die Fernsehleute nach dieser Mannschaft – Umeå. Sie sagten, dass Umeå eine der besten Mannschaften in Europa sei. Und dass mehr als die Hälfte der schwedischen Nationalmannschaft, die uns bei der WM geschlagen hatten, bei Umeå spielten, unter anderem die Spielerin, an die ich mich am meisten erinnerte: Schwedens Nummer 10, Hanna Ljungberg. In meinem ersten Jahr gewannen wir den UEFA Women’s Cup. Wir waren die beste Mannschaft Europas, vielleicht sogar die beste der Welt.In Umeå bekam ich auch zum ersten Mal den Preis als beste Spielerin der Welt.“

VON ZÜRICH NACH HAUSE: „Ein Winterabend in Zürich, wo die FIFA ihren Sitz hat. Es beginnt immer mit einem Cocktail für die nominierten Spieler. Dann geht man umher mit einem Drink in seinem schönsten Kleid und gratuliert den anderen Nominierten zu einem erfolgreichen Jahr. Messi, Cristiano Ronaldo, Xavi. Früher waren da auch Ronaldinho und Kaka. Unter den Frauen traf ich oft Birgit Prinz und zuletzt war da die äußerst tüchtige Japanerin Homore Sawa. Aber ich halte mich für gewöhnlich oft für mich selber. Ich bin nicht der Typ der sich unter die Leute mischt und ich will nicht stören. Wenn die Preise ausgeteilt sind, gibt es Abendessen und eine Party mit eingeladenen Künstlern. Aber so spät am Abend bin ich für gewöhnlich völlig fertig, sowohl im Kopf wie in den Beinen. Ich bin nicht gewohnt, mit hohen Absätzen zu gehen. Am liebsten will ich nach Hause ins Hotel, damit ich mir die Schuhe ausziehen kann.

„Es war ein paar Tage vor Weihnachten 2006. Nach einem Tag in Zürich reiste ich zurück über Rio. Und dann war ich endlich zu Hause. Oder beinahe. Das kleine Dois Riachos liegt drei Stunden mit dem Auto von Macaio, der Hauptstadt in unserer Region Alagoas. Trotzdem erkannte ich eine Menge von Freunden und Familie, die zum Flughafen gekommen waren, um mich zu empfangen. Ich hatte die grüne Jacke der Nationalmannschaft an. Denn auch wenn das ein individueller Preis war, so wollte ich zeigen, dass dieser Preis uns allen gehörte. Jemand gab mir die Flagge von Alagoa, rot, weiß und blau und die hatte ich um die Schultern. So ging ich runter von der Gangway, mit meinem Preis als beste Spielerin der Welt in der Hand. Als ich all die Menschen von zu Hause sah, die auf mich warteten, bekam ich einen dicken Kloß im Hals. Und als ich sah, dass da auch meine Mutter war, fing ich an zu weinen. Mamma und die anderen hatten da mehrere Stunden gewartet, denn mein Flug aus Rio war verspätet. Da waren nicht nur Freunde und Verwandte, sondern auch Minister des Bundesstaates. Sie hatten einen offenen Wagen besorgt und ich wurde zum Palast des Gouverneurs gebracht, wo der Sportminister eine Rede hielt. Trotzdem sehnte ich mich am meisten danach, mich bei meiner Familie ausruhen zu können.

Die Musik, die Marta ausgesucht hat, können Spotify-Nutzer unter Musiken i Sommar med Marta Viera da Silva 2012-07-27 hören.

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