Dalsjöfors – Wenn Frauenfußball zur Farce wird


Bald nur noch Geschichte? Trikot und Vereinswappen von Dalsjöfors GoIF, hier das von Emily Zurrer 2011

Die letzten Kapitel der Geschichte des Frauenteams von Dalsjöfors GoIF werden geschrieben. Wir berichteten dass der Verein, der letztes Jahr in der Damallsvenskan spielte, vor einer Woche als Tabellenführer der zweiten Liga Süd Konkurs angemeldet hat, da über 150.000 € in der Kasse fehlen.

Vor einem Jahr war man in die Damallsvenskan aufgestiegen. Man hatte sich in der Söderettan gegen einige andere Teams durchgesetzt, die bis kurz vor Schluss um den Titel und den Aufstieg konkurrierten. Der Aufstieg kam erst in den letzten Spielen zu Stande, eine wirtschaftliche Planung für ein Engagement in der ersten Liga existierte vermutlich nicht. Der Verein generierte 2010 Einnahmen, die unter 100.000 € lagen und hatte sogar noch etwas geringere Ausgaben gehabt.

Nach allgemeinem Verständnis ist der Unterschied zwischen zweiter und erster Liga derzeit noch so hoch, dass man, um den Klassenerhalt in der Damallsvenskan zu schaffen und eine Mannschaft dort zu etablieren, mit Ausgaben um ca. 300-400.000 € rechnen muss. Also beinahe das Vierfache von 2010.

Man ging aber in die Damallsvenskan ohne nennenswerte Verstärkungen. Von Djurgården kamen die Mittelfeldspielerinnen Rebecca Johnson und Klara Lindberg. Und Rebecca, die Nummer 21 von Djurgården und nun Dalsjöfors, war auf einmal der „Star“ in einem fast namenlosen Kollektiv von jungen, sicherlich engagierten Spielerinnen.

Es kam, wie es kommen musste. Man gewann fast gar keine Punkte. 0:9 daheim gegen Jitex BK war eine der schlimmsten Klatschen gleich zu Beginn. In Schweden gibt es dann immer die Sommerpause, in der sich viele Vereine noch einmal für die zweite Runde verstärken. Dalsjöfors leckte Blut. Nun wollte man es einfach mal probieren. Man verstärkte sich. Und wie: Über einen deutschen Spielervermittler kamen die Kanadierinnen Erin McLeod (Nationaltorhüterin), Emily Zurrer (Abwehr). Dia Amerikanerin Alex Singer (heute Potsdam) war schon zu Anfang der Saison gekommen. Aber aus der WPS kam nun auch noch India Trotter. Schon damals fragte ich mich hier, woher denn das Geld gekommen sei?

Offenbar gab man erst einmal aus. Man spekulierte, dass ein Antrag bei Allmänna Arsvfonden dem Verein viel Geld bringen könnte. Hierbei handelt es sich um eine Stiftung, der das Erbe von Personen ohne Verwandschaft verwaltet und es auf Antrag tatsächlich in soziale Jugendprojekte investiert. Irgendjemand muss dem Vorstand offenbar den Floh ins Ohr gesetzt haben, dass da viel Geld zu holen sei. Und man setze sich doch wohl eindeutig für ein Projekt mit Kindern und Jugendlichen ein.

Im Dezember wurden Journalisten vom Verein zu einer Präsentation eingeladen. Und das Beispiel Hans Löfgren aus Tyresö sollte kopiert werden. Den Reportern wurde ein Papier vorgelegt, das die Überschrift „Schwedischer Meister 2016“ (SM-guld 2016) trug. Etwas Ähnliches hatte Löfgren in Tyresö gemacht, als sein Verein in der vierten Liga war.

Die Torhüterin Erin McLeod wurde auch für die zweite Liga 2012 verpflichtet. Zurrer blieb zwar nicht und SInger wurde geschasst (angeblich weil sie zu „amerikanisch“ gewesen sei), aber man holte die Stürmerin Melissa Tancredi, die in Piteå gespielt hatte. Zwei Olympiaspielerinnen in der zweiten Liga. Eine Ausländerin kostet einen Verein mindestens 14.000 Kronen im Monat plus Arbeitgebergebühren (ca ein Drittel). Damit sind wir bei gut 19.000 pro Person. In der Regel schlägt man die Miete für die Wohnung auf das Gehalt. Geht man von zehn Monaten Beschäftigung aus, kosten also zwei Ausländerinnen mindestens 380.000 Kronen, vermutlich im Falle kanadischer Spielerinnen noch mehr. Der Verein hatte aber zu keinem Zeitpunkte die Einnahmen hierfür. Aus Tickets schon gar nicht, davon kann sich kein Verein der ersten oder zweiten Liga finanzieren. Aber eben auch nicht aus Sponsoreneinnahmen.

Das Unternehmen Damallsvenskan 2013 allerdings ist nun auf halbem Weg gescheitert am verantwortungslosen Finanzgebaren einer Gruppe inkompetenter Funktionäre, die möglicherweise einen 87 Jahre alten Verein mit Kinder- und Jugendmannschaften in den Bankrott gewirtschaftet haben.

Das Sagen hat nun der Konkursverwalter, er hat die Verantwortung für die Bearbeitung des Konkursantrags und die Abwicklung des Vereins übernommen. Gestern Abend präsentierte der Vorsitzende der Frauenfußballabteilung Hans Forsman die beiden übrig gebliebenen Alternativen, die der Konkursverwalter sieht:

1) Man zieht die Frauenmannschaft sofort aus dem Spielbetrieb der zweiten Liga zurück und löst sie auf. (Bis zum nächsten Spiel sind es nur noch zehn Tage) Das würde den sofortigen Abstieg in die unterste Kategorie des Seriensystems bedeuten. Das Team könnte 2013 in der fünften Liga neu starten oder annulliert werden.

2) Das Team spielt die Saison zu Ende. Selbst im Falle des Sieges in der Söderettan könnte man jedoch aus finanziellen Gründen nicht aufsteigen, sondern würde „freiwillig“ in die dritte Liga zurückgehen.

Und jetzt kommt es: Um die Saison weiterspielen zu können, müssten die Kosten für Reisen, Material, Schiedsrichter usw von jemand anderem als dem Verein aufgebracht werden. Es gäbe natürlich auch keine Gehälter oder Aufwandsentschädigungen für Spielerinnen vonseiten des Vereins. Bedeutet: Die Spielerinnen müssten selber die Kosten für den Spielbetrieb tragen.

Bis Dienstag muss nun die endgültige Entscheidung getroffen werden. Es ist kaum damit zu rechnen, dass Erin McLeod und Melissa Tancredi zurück nach Schweden kehren, um dann selber zu finanzieren, dass sie spielen dürfen.

Das Beispiel Dalsjöfors ist leider kein Einzelfall im Frauenfußball. Die zunehmende Professionalisierung muss sich auch in den Organisationsstrukturen widerspiegeln. Es muss auch Personen geben, die wirtschaften können. Und nicht die jahrzehntealte Tradition eines in der Region Sjuhärad gewachsenen Sportvereins leichtfertig aufs Spiel setzen.

Ebenso wird hier das Problem deutlich, dass der Frauenfußball mehr Geld braucht, als er selber einnehmen bzw. generieren kann. Das Beispiel von Umeå IK und Djurgården hatr sich nicht so krass entwickelt wie Dalsjöfors. Aber zwei ehemalige Spitzenvereine sind nach Jahren von hohen Ausgaben und geringer werdenden Einnahmen allmählich in die unteren bzw. untersten Tabellenregionen gedümpelt.

Und viele fragen sich, worauf die enormen Investitionen gebaut sind, die man z.B. in Tyresö getätigt hat, wo innerhalb vierer Jahre aus einer ambitionierten Freizeitmannschaft ein Team nur noch aus Nationalspielerinnen gebaut wurde, von denen allerdings nur noch ganz wenige wirklich aus dem Mutterverein kommen. Wer bezahlt das und vor allem wie lange, wenn der Rückfluss von Geld irgendwann ausbleibt? Dalsjöfors zeigt, auf welch schmalem Grat manch Verein wandelt – um die Spielerinnen, die teils nur wegen des Fußballspielens nach Borås gezogen sind, kann es einem nur leid tun.

Wir werden die Entwicklung weiter verfolgen. Ungeklärt ist noch die Frage, was nach einem Rückzug des Teams aus der laufenden Meisterschaft wird. Dann wären nur noch elf Teams in der Söderettan, die mit Mallbacken erst einmal einen neuen Tabellenführer hätte.

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