Die Teams in der Einzelkritik


Japan: Es ist mir fast ein bisschen peinlich, aber ich habe Japan vor dem Turnier als Geheimfavoriten bezeichnet und, was die deutsche Mannschaft anging, gesagt, dass ich lieber gegen England als gegen Japan im Viertelfinale spielen würde. Dennoch: Eine unglaubliche Mannschaftsleistung mit einer überragenden Honore Sawa und einem mehr als ausgefuchsten Trainer Norio Sasaki führte Japan zielstrebig zum Gold. Potsdams Yuki Nagasato hatte es immer wieder gesagt: „Wir wollen Weltmeister werden.“ Siege nacheinander gegen Deutschland, Schweden und die USA, das ist eine makellose Bilanz. Hochverdient!! Einziger Wermutstropfen. Ich hätte liebend gerne die in Schweden spielende, grossartige Mami Yamaguchi auch als Weltmeisterin gesehen…

USA: Sie haben sich gesteigert. Aber überzeugt haben sie nur selten und am meisten im Finale. Der Weltranglistenerste hatte mit dem Einzug ins Finale schon so viel Glück verbraucht, dass es dann im Elfmeterschiessen nicht mehr reichte. Wambachs Kopfball in der allerletzten Sekunde gegen Brasilien. Der glückliche Sieg gegen ein deutlich besseres Frankreich. Aber der internationale Durchbruch für Alex „Babyhorse“ Morgan. Silber für Pia Sundhage.

Schweden: Hat sich weit über Erwartung teuer verkauft. Fünf Siege in sechs Spielen. Endlich, endlich einmal zeigte Lotta Schelin, was sie kann. Und da zog sie das ganze Team mit. Enttäuschend Caroline Seger und wenn Dennerby auf alle uns gehört hätte, die für Sofia Lundgren im Tor waren, dann wäre gestern sogar Frankfurt drin gewesen. Grossartiges Resultat, das der heimischen Liga Auftrieb geben wird und auch der Stellung des Frauenfussballs innerhalb des Verbands.

Frankreich: Europas technisch versierteste Mannschaft. Tolle Leistung gegen Deutschland, gegen die USA, gegen Schweden gehandicapt durch Verletzungen und ein irreguläres Tor. Ein heisser Kandidat für die EURO 2013.

Deutschland: Erreichte nie die vorhandene Kapazität, in keiner einzigen Begegnung. Viele Fragen wären zu stellen gewesen, Analysen zu machen, aber der DFB wählte die Variante, alles unter den Teppich zu kehren und so weiterzumachen wie bisher. Eine gigantische, vertane Chance.

Brasilien: Hatte Pech, im Viertelfinale auf die KÄMPFERINNEN schlechthin zu treffen. Nach zwei Marta-Toren waren die USA schon geschlagen, dann kam Abby Rammbach. Müsste dringend was für das eigene Image tun, ist ja nicht schön, immer von allen ausgepfiffen zu werden.

Australien: Eine sehr starke junge Mannschaft, die nicht unerwartet Norwegen rauswarfen. Gegen Schweden fehlte es an Routine und Abgeklärtheit. Und an Kathryn Gill, die vor ein paar Monaten einen Kreuzbandriss erlitt.

England: Ein enttäuschendes Turnier einer (wie im Männerfussball) masslos überbewerteten Fussballnation. Kelly Smiths letzte WM geriet zu einem Misserfolg, bei dem sie nie ihre Leistungsstärke erreichte. Eniola Aluko hatte ich als einen der Stars ausgemacht, sie wurde nach dem zweiten Spiel auf die Bank gesetzt – völlig zu Recht, ihr gelang gar nichts. Glück, dass England in der insgesamt leichtesten Gruppe durchkam.

Nigeria: Sicher enttäuschend aus eigener Sicht. Aber immerhin drei Punkte und ein Sieg gegen Kanada am Ende. Viele bezeichneten das Spiel gegen Deutschland als brutal, ich war sehr beeindruckt, wie konsequent hart Nigeria einstieg, das war manchmal unfair, aber meistens in Rahmen des Erlaubten. Frauenfussball in einer neuen Dimension, was die Betonung des körperlichen Einsatzes angeht.

Kanada: Als Weltranglistensechster zu kommen und alle drei Spiele zu verlieren, das ist schon sehr enttäuschend. Gegen Frankreich wurde der Gastgeber der nächsten WM geradezu vorgeführt. Peinlich.

Mexiko: Fulminantes Tor von Monica O’Campo gegen England. Ein Schuss aus 35 Metern. Das wird mir im Gedächtnis bleiben. Ansonsten war Mexiko überschätzt, weil es in der Quali die USA geschlagen hatte. War hier um zu lernen.

Neuseeland: Hat sich von keinem Gegner deklassieren lassen. Nur 1:2 gegen den neuen Weltmeister und gegen England sah es lange, lange nach einer Sensation aus. Schön, dass die Kiwis im letzten Spiel gegen Mexiko einen 0:2-Rückstand noch aufholten und somit ihren ersten Punkt bei einer WM-Endrunde ergatterten.

Kolumbien: War hier um zu lernen. Technisch ansehnlich. Aber da ist noch sehr viel Arbeit.

Nordkorea: Spielerinnen, die in der Vorbereitung vom Blitz getroffen worden waren. Das ist auch der Grund, warum man ihnen dann chinesische Naturmedizin gegeben hat, die von den Dopingkontolleuren als anabole Steroide aufgefasst wurden. Spielerisch enttäuschend. Kann man diesen Verband nicht sperren wegen offenkundigem Vergehen gegen die Dopingvorschriften? Man hat Angst um die Sportlerinnen, was wohl passierte, als sie nach Pyöngjang kamen?

Norwegen: Frauenfussball in Norwegen ist auf dem absteigenden Ast. Finanzielle Probleme in den Vereinen. Elise Thorsnes etwa hat den Bürgermeister ihrer Heimatstadt um finanzielle Hilfe gebeten. Das Ganze zeigte sich auch in Deutschland, eine grosse Fussballnation verpasst erstmals das Viertelfinale. Hoffentlich ein Weckruf in Oslo.

Äquatorial-Guinea: Neben Nordkorea das am meisten abgeschottete Team. Angeblich gespickt mit Männern und Brasilianerinnen. Das erstere ist sicher Unsinn. Teilweise erfrischendes Spiel, aber am Ende doch die erwarteten drei Niederlagen. Potsdam wird viel Freude an Genoveva Anonma haben.

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