Elaine fühlt sich in Schweden zu Hause

Es gibt sehr wenige Spielerinnen (Spieler ebenso), die auf nahezu allen Positionen in einer Mannschaft spielen können und dabei auch noch fast eine Idealbesetzung sind. Die Duisburgerin Linda Bresonik kann sowohl in der Abwehr wie im Mittelfeld eingesetzt werden, die Schwedin Linda Forsberg war so eine. Die ich erstmals bei Hammarby als Stürmerin sah, in Malmö als Außenverteidigerin und in der Nationalmannschaft zuletzt bei der WM im Mittelfeld. Forsberg hat ihre Karriere mit 26 beendet, nach der x-ten Knieverletzung.

Eine oft unterschätzte Weltklassespielerin mit großer Variations- oder besser Positionsbreite ist die 29-Jährige Brasilianerin Elaine Moura. Sie spielt nun seit knapp eineinhalb Jahren beim aufstrebenden Stockholmer Vorortclub Tyresö FF, der in der abgelaufenen Saison das Pokalfinale im Elfmeterschießen gegen Kopparbergs/Göteborg verlor und in der Meisterschaft Vierter wurde, nachdem man zwei Spieltage vor Schluss noch ganz oben gestanden hatte.

Ich habe Elaine an ihrem Arbeitsplatz im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen besucht. Hier arbeitet sie für die Gewerkschaft Sjöbefälsförbundet, die sich um die Belange und Interessen von Führungskräften auf schwedischen Schiffen kümmert. Elaine führt mich durch das Großraumbüro, in dem sicher 15 und mehr Personen arbeiten. “Da ist mein Platz,” sagt sie, “und da sitzt Madde.” Madelaine Edlund, schwedische Nationalspielerin und Stürmerin bei Tyresö FF sitzt mit Headset an ihrem Schreibtisch und winkt mir zu. Elaine erzählt mir, dass sie meistens mit schwedischen Gewerkschaftsmitgliedern zu tun hat, ab und an aber gibt es die Gelegenheit, auch Portugiesisch zu sprechen. Denn nördlich von Rio de Janeiro liegt die Ölstadt Macaé und Offshore, wo gewaltige Ölquellen gefunden wurden, sind auch schwedische Firmen aktiv.

Wie bist du eigentlich damals nach Umeå gekommen?

2004 hatte Umeå schon Marta geholt, erzählt Elaine. Im Zusammenhang damit hatte man vereinbart, dass die brasilianische Nationalmannschaft ein Spiel in Umeå bestreitet. Ich kann mich noch sehr gut an dieses Spiel erinnern, es war eines der besten Spiele, an denen ich je beteiligt war. Danach flogen wir nach Hause und Roland Arnqvist [Umeås damaliger Sportchef; ffschweden] nahm mit mir Kontakt auf und 2005 kam ich nach Umeå.

Elaine stammt aus Salvador de Bahia, der drittgrößten Stadt Brasiliens mit gut 2,7 Millionen Einwohnern. Salvador wird auch das “schwarze Rom” genannt, weil der kulturelle Einfluss der afro-brasilianischen Bevölkerung nirgends so stark ist wie hier. Ein weiterer Beiname ist “brasilianische Hauptstadt des Glücks”.

Wie hast du die WM in Deutschland erlebt? Du warst dabei und konntest doch nicht spielen und dann seid ihr im Viertelfinale ausgeschieden, nachdem Abby Wambach in der 122. Minute die USA ins Elfmeterschießen geköpft hatte.

Es war wirklich schlimm. Das Schlimmste eben, selber nur zuschauen zu können. Ich hatte einen Muskelfaserriss im linken Oberschenkel. Die Mannschaftsführung hat erwogen, mich nach Hause zu schicken, weil nicht zu erwarten war, dass ich wieder fit werden würde. Im letzten Spiel gegen die USA dann hätte ich theoretisch spielen können, aber es war besser, dass ich nicht gespielt habe. Meine Mannschaftskameradinnen haben sich für mich eingesetzt und wollten, dass ich unbedingt da bleibe, weil ich außerhalb des Spielfelds eigentlich immer gute Laune verbreite.

Obwohl ihr in der Vorrunde mit drei Siegen und ohne Gegentor mit einer weißen Weste durchmarschiert seid, gab es doch einige, die gesagt haben, dass Brasilien nicht überzeugt hätte. Zudem gab es einige Kritik vor allem nachdem Erika gegen die USA verletzt am Boden lag, dann mit der Bahre vom Feld getragen sollte, worauf sie auf einmal sofort wieder fit war und runtersprang (es gab dann gelb, aber vor allem jede Menge Pfiffe des Publikums).

Wir hätten sicher anders spielen wollen in der Vorrunde, mussten uns aber an die Anweisungen des Trainers [Kleiton Lima] halten. Was die Szene mit Erika angeht: Darüber haben wir anschließend untereinander und mit ihr gesprochen. Wir fanden das alle nicht gut und es hat uns geschadet. Aber Erika hat daraus gelernt und sie hat jetzt gerade beim Turnier Ende Dezember in Brasilien ganz hervorragend gespielt und im Finale gegen Dänemark beide Tore geschossen.

Das Jahr 2012 ist ein olympisches Jahr, gleichzeitig hat Hans Löfgren, der Sportchef von Tyresö FF, das Ziel ausgegeben, dass dieses Jahr die Meisterschaft nach Tyresö geholt werden soll.

Die Olympischen Spiele sind ein sehr großes Ziel. Brasilien hat jetzt zweimal hintereinander bei Olympia Silber gewonnen. Ich war in der Mannschaft, die 2004 in Athen Silber gewann und auch dabei, als wir im WM-Finale 2007 gegen Deutschland verloren haben. Da war immer auch ein bisschen Pech dabei, finde ich, und es ist jetzt an der Zeit, dass Brasilien endlich einmal Gold holt. Wir haben unseren alten Trainer Jorge Barcellos zurück, mit dem ich übrigens auch in den USA in meinem halben Jahr bei St. Louis Athletica zusammen gearbeitet habe. Und die Vorbereitung wird jetzt sehr intensiv sein – so wie noch nie zuvor. Barcellos wird die Nationalmannschaft einmal pro Monat in Brasilien vor der Olympiade zu Lehrgängen versammeln. Wir werden gegen die USA spielen, im März geht es nach Japan. Sicher werde ich leider nicht immer dabei sein können, denn Tyresö wird mich nur an den regulären FIFA-Tagen freigeben, aber es ist schon sehr wichtig, dass die meisten Spielerinnen sich regelmäßig treffen können.

Tyresö hat sich enorm verstärkt, gerade im zentralen Mittelfeld mit Caroline Seger und Lisa Dahlkvist, dazu kommt noch Linda Sembrandt. Du hast vergangene Saison im rechten Mittelfeld gespielt.

Im Juni 2010 kamen Madelaine Edlund (links) und Elaine Moura nach Tyresö nach einem halben Jahr bei St. Louis Athletica

Eigentlich spiele ich auch lieber zentral, aber natürlich bin ich da, wo ich gebraucht werde. Es wird sicher eine Zeit dauern, bis wir das neue Mittelfeld eingespielt haben und wir einander finden werden, aber ich denke, dass dieses Mittelfeld das Beste werden kann, das jemals in der Damallsvenskan gespielt hat. Und was die Meisterschaft angeht. In Umeå habe ich gelernt, dass man wirklich immer ein Spiel nach dem anderen angehen muss. So ist das einfach. Und wir müssen immer unser Spiel spielen, egal ob wir auf LdB Malmö oder Göteborg treffen. Wir haben eine sehr gute Mannschaft und haben in unserem Kader große interne Konkurrenz. So muss das einfach sein. So war es in Umeå, als wir den besten Fußball gespielt haben. Dabei entwickelst du dich selber am meisten. Wenn du im Training siehst, dass die, die neben dir arbeitet drauf und dran ist, dass sie deinen Platz einnehmen kann, dann wirst du dich selber noch ein bisschen mehr anstrengen.

Nach fünf Spielzeiten in Umeå und einem halben Jahr in den USA [Elaines Club St.Louis Athletica beschloss 2010 mitten in der WPS-Saison, die Frauenmannschaft abzuschaffen] bist du nun schon wieder seit eineinhalb Jahren in Schweden. Ist das hier zu Hause?

Ja, auf jeden Fall. Ich möchte gerne auch nach meiner Fußballkarriere in Schweden bleiben. Deshalb ist es auch sehr gut für mich, dass ich jetzt seit einem Jahr hier arbeite und wichtige Sachen lerne und auch Berufserfahrung kriege. Auf der anderen Seite kann ich damit auch meine Familie in Brasilien finanziell unterstützen. Ich fühle mich sehr wohl in Schweden. Falls wir im Sommer mit Brasilien in London die Goldmedaille gewinnen sollten, könnte ich mir vorstellen, in der Nationalmannschaft aufzuhören, aber ansonsten will ich erst einmal weitermachen mit Fußball. Aber gleichzeitig denke ich auch an Familie und Kinder und was danach kommt. Wenn ich hier in Schweden arbeiten kann und gleichzeitig jedes Jahr Brasilien einen Besuch abstatten, das wäre es.

Viele Spielerinnen in Schweden sagen, dass 2012 auch Marta wieder in der Damallsvenskan spielen wird. Was meinst du?

Ich habe erst noch vor ein paar Tagen mit Marta gesprochen und glaube, dass die Chancen gut sind, dass sie zurück nach Schweden kommen wird. Aber wo sie dann spielen wird, das weiß ich nicht. Natürlich würde ich mir wünschen, dass sie zu uns nach Tyresö kommen könnte.

Für eine Spielerin ist noch Platz im Kader von Tyresö FF. Auf der Homepage des Vereins steht eine Botschaft an die Fans: “Wenn ihr alle brav eure Weihnachtsgrütze aufesst, dann findet der Tyresöweihnachtsmann  vielleicht ganz tief in seinem Sack noch ein zusätzliches Weihnachtsgeschenk.” Am Montag, den 9. Januar wird in der Schweiz die neue Weltfußballerin gekürt. Einiges spricht dafür, dass dies die Japanerin Honore Sawa wird. Wie auch immer, Marta wird sich an Ort und Stelle befinden. Von dort aus nach Stockholm sind es dann gerade noch einmal zwei Flugstunden.